Beitrag auf faz.net von Andreas Rossmann
Zu Köln gehört nicht nur der Dom, sondern auch der 1. FC. Zwischen beiden gibt es ein paar weniger bekannte Berührungspunkte: Etwa das Mittagsgebet zum Saisonauftakt.
Das Wappen des 1. FC Köln schmückt, gut sichtbar, das Wahrzeichen der Stadt: Geißbock Hennes will hoch hinaus und setzt, auf den Hinterbeinen stehend, zum Sprung über die Domtürme an. Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Denn das Vereinsmaskottchen schmückt, nicht ganz so gut sichtbar, seinerseits die gotische Kathedrale. Am südlichen Langhaus ist es als Wasserspeier an einem Strebepfeiler präsent, den der Bildhauer Werner Meurer in Stein gemeißelt hat.
Das war 1962 eine Anerkennung für die Deutsche Meisterschaft, der vier Jahre später, als die Nationalmannschaft Vize-Weltmeister wurde, weit oben und mit bloßem Augen nicht zu erkennen, ein Kapitell mit zwei Fußballspielern folgte – Übermut einer „schöpferischen Denkmalpflege“, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Freiheit nahm, beschädigte Pflanzenornamente durch figürliche Elemente zu ersetzen. So kamen Kennedy, Chruschtschow oder de Gaulle, aber auch ein Dreigestirn und ein Funkenmariechen, der Boxer Peter Müller („Müllers Aap“) oder die Prostituierte Rosemarie Nitribitt zu dieser Ehre, die inzwischen selten geworden ist.
Mit Leben erfüllt aber wurde die Verbindung zwischen Kirche und Kickern erst vor zwei Jahren, als der Effzeh den Wiederaufstieg in die Erste Liga schaffte und sich, nach der Berufung von Rainer Maria Woelki zum Kardinal, darüber freuen durfte, „dass künftig ein echter FC-Fan dem Erzbistum vorsteht“. Ein doppelter Grund zum Feiern, und so fand vor dem Saisonauftakt 2014/15 erstmals ein ökumenisches Mittagsgebet im Dom statt, das bereits Tradition geworden ist und nach einem festen Ritual abläuft: Der Präsident, seine beiden Stellvertreter und der Geschäftsführer nehmen in der ersten Bankreihe Platz, auf der Orgel wird die Vereinshymne gespielt, und die Fans, die, das ist ausdrücklich erwünscht, mit Trikot, Schal oder Fahne in den Farben des Vereins (ruut-wieß wie die Chorkleidung) einlaufen können, schmettern „Mer stonn zo dir FC Kölle“.
So wird es auch am Samstag vor der Begegnung gegen den SV Darmstadt 98 sein, auswärtige Besucher sind willkommen. In der feierlichen Andacht sollen, so heißt es, „Achtung, Respekt und die Freude am Spiel“ gewürdigt werden. Die Kölner Fangemeinde, die wie der Geißbock hoch hinaus will und nach zwei Siegen in Serie gleich von der Meisterschaft spricht, wird das nicht davon abhalten, für dieses Wunder zu beten und Kerzen anzuzünden. Den zuständigen Ansprechpartner bereitzustellen übersteigt aber ausnahmsweise die Möglichkeiten des Wahrzeichens. Denn die Heilige Rita von Cascia, Patronin für aussichtslose Anliegen, ist in seinen Mauern nicht vertreten.