1. FC Köln, mit Anlauf in Schwierigkeiten

31. Oktober 2020

Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit

Beim 1. FC Köln könnten Kritiker fast jeden und alles in Frage stellen. Aber das Klima rund um den notorisch unruhigen Klub ist von Nachsicht und Geduld geprägt. Welche Folgen hat das für diese Saison?

In normalen Zeiten, in denen aufgewühlte Anhänger kritische Banner entrollen und zornige Gesänge anstimmen, wäre in Köln gewiss eine Menge Unruhe während dieser Tage vor dem Gastspiel des FC Bayern in Müngersdorf an diesem Samstagnachmittag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga sowie bei Sky). Nach saisonübergreifend 15 Partien ohne Sieg hätten längst irgendwelche Leute eine Trainerentlassung gefordert.

Die schwierige wirtschaftliche Situation wirft überdies kein gutes Licht auf die Arbeit von Finanzgeschäftsführer Alexander Wehrle. Dass die wichtigsten Sommertransfers erst in den letzten Tagen der Transferperiode klappten, führt zur Frage, ob Sportdirektor Horst Heldt alles richtig gemacht hat. Ganz zu schweigen von den Vorgängen rund um den Vorstand und den Mitgliederrat, eine Gruppe um die früheren Profis Stephan Engels und Toni Schumacher wirft diesen Gremien intrigantes Verhalten vor. Kritiker könnten fast jeden und alles in Frage stellen, es ist daher eine beachtliche Leistung, dass all diese Geschehnisse eher leise kommentiert werden. Die schärfste mediale Kritik dieser Tage formulierte die „Bild“-Zeitung, als sie spottete: „Mehr Corona-Fälle als Punkte...“

Extrem späte Veränderungen

Acht Profis waren bereits infiziert, in keinem Bundesligakader wurden seit Ausbruch der Pandemie mehr Spieler positiv getestet, aber das kann man wohl niemandem vorwerfen. Es ist ein Klima der Nachsicht entstanden rund um den 1. FC Köln. Dass die Mannschaft nach fünf Partien mit nur zwei Punkten auf dem drittletzten Tabellenplatz steht, hat Gründe, die nicht nur gut kommuniziert, sondern tatsächlich gehört werden. So waren die extrem spät im Sommer vorgenommenen Veränderungen am Kader einfach nicht früher realisierbar, weil erst eine große Einnahme generiert werden musste. „Unser Wunschszenario ließ sich nicht umsetzen“, gab Heldt in einem Interview mit dem Online-Dienst „Geissblog“ offen zu.

Nach dem Transfer von Jhon Cordoba zu Hertha BSC, der 15 Millionen Euro einbrachte, waren dann nur noch wenige Tage Zeit. Dimitrios Limnios kam aus Saloniki, musste aber aufgrund einer Corona-Infektion erstmal in Quarantäne. Dann wurden Sebastian Andersson von Union Berlin sowie Marius Wolf von Borussia Dortmund, Tolu Arokudare vom lettischen Klub Valmiera FC und Ondrej Duda von Hertha verpflichtet, die ihr neues Team erst langsam kennenlernen. „Wir sollten die Erwartungen nicht zu hoch hängen“, sagt Trainer Markus Gisdol immer wieder, „es war mir fast klar, dass wir in Schwierigkeiten reinlaufen am Anfang der Saison.“

Zu den großen Leistungen der gegenwärtigen Vereinsführung gehört es tatsächlich, dass sie eine Demut verbreiten, die mitgetragen wird von den Anhängern und von den meisten Meinungsführern im Umfeld des Vereins. Dass Anthony Modeste, der ein schwindelerregendes Gehalt bekommt, nach seinem China-Engagement nur noch ein Durchschnittspieler ist, wird mittlerweile hingenommen. Nach 20 schwachen Minuten beim 1:1 in Stuttgart am vorigen Spieltag musste er unter der Woche aufgrund einer Knieblessur geschont werden. Auch Andersson, der vielleicht wichtigste Transfer, der bislang einen guten Eindruck machte, hat Probleme mit diesem Gelenk. Sein Einsatz gegen die Bayern steht auf der Kippe. Die Lage beim FC passt ganz gut zur Gesamtstimmung: Die Leute taumeln hin und her zwischen Frustration und der vagen Hoffnung auf eine wundersame Befreiung aus der ganzen Misere.

Indizien eines Aufschwungs

So unwahrscheinlich diese auch sein mag. Immerhin konnten die beiden 1:1-Unentschieden zuletzt gegen Eintracht Frankfurt und dann beim VfB Stuttgart als zarte Indizien eines Aufschwungs gewertet werden. „Jeder Punkt tut natürlich gut, besonders der letzte in einem schwierigen Auswärtsspiel“, sagt Gisdol. „Das merkt man, jeder Spieler hat ein bisschen mehr Selbstvertrauen, man hat bessere Abläufe im Training. Die Stimmungslage verbessert sich.“ Dieser schwäbische Fußball-Lehrer ist sicher nicht der große Charismatiker, dem die Herzen zufliegen, aber sein Pragmatismus und seine Nüchternheit passen ganz gut zur Lage beim „Effzeh“. Diskussionen über mögliche Nachfolger, wie sie in Köln traditionell aufflammen, wenn der Klub auf einem Abstiegsplatz steht, sind bislang nicht zu vernehmen, Heldt sagt: „Es gibt keine Trainerdiskussion. Mit den Schwierigkeiten, die der Verein in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren vor sich hat, brauchen wir einen geeigneten Trainer, der bereit ist, diesen Weg mitzugehen, ohne ausschließlich auf seine eigene Reputation zu schauen.“

Inzwischen haben so viele gemahnt und gewarnt, dass nicht einmal mehr die kühnsten Optimisten einen Platz in der oberen Tabellenhälfte für möglich halten. Es wird viel Geduld und Nachsicht nötig sein, diese Botschaft ist angekommen. Niemand erwartet, dass die Mannschaft nun mit dem FC Bayern mithalten kann, Gisdol hat nicht mal eine klare Vorstellung davon, wie dem Champions-League-Sieger theoretisch beizukommen ist: „Es gab die unterschiedlichsten Lösungsansätze von Mannschaften. Die meisten endeten damit, dass Bayern trotzdem seinen Schnitt von 4,5 Toren pro Spiel erreicht haben“, sagt er. Zum 100. Mal treffen diese beiden Teams nun im deutschen Profifußball aufeinander, selten waren die Rollen dabei klarer verteilt.