Beitrag auf sueddeutsche.de von Milan Pavlovic
Der 1. FC Köln setzt seine Heimmisere auch beim 0:0 gegen Hertha BSC fort - und kann von Glück sagen, dass die rätselhaft phlegmatischen Berliner erst spät anfangen, offensiv zu spielen.
"Ich kenne keine Spiele in der Bundesliga, die nicht wegweisend sind", sagte Hertha-Trainer Bruno Labbadia und erfreute sich an seinem Aphorismus. Markus Gisdol, sein Widerpart vom 1. FC Köln, sagte, er sehe das "ganz ähnlich", aber auf halber Strecke widersprach er sich: Man solle "deshalb nicht jedes Spiel zu hoch hängen", fügte er beschwichtigend an. Die Frage bleibt: Kann man das Spiel nach einem 0:5, wie es sich der FC vor einer Woche in Freiburg erlaubt hatte, zu hoch hängen? Das 0:0 gegen Hertha BSC gab Gisdol die Gelegenheit, sich über die Defensivstatistik zu freuen, aber offensiv liegt weiterhin fast alles im Argen und Ungefähren beim Effzeh.
Wenn man streng analysiert, brachten die Kölner den Ball nicht ein Mal gefährlich auf das gegnerische Tor; die besten Abschlüsse durch Hector (45.+2) und Wolf (55.) gingen jeweils daneben, andere Annäherungen blieben Ansätze. Stoßstürmer waren erneut nicht auszumachen, und der eingewechselte Anthony Modeste hat mit jenem Spieler, der Köln 2017 in die Europa League beförderte und dabei gerne mal drei Tore schoss wie beim 4:2 gegen die Hertha, dem Anschein nach nicht mehr als den Namen gemein. Mit 18 weiteren 0:0 bis zum Saisonende käme Köln, das jetzt nacheinander bei Schalke, in Hoffenheim und gegen Bielefeld spielt, auf 30 Punkte - das dürfte selbst in dieser Saison der Punktearmut im Tabellenkeller nicht ausreichen.
Es wird obendrein nicht jeder Gegner so phlegmatisch agieren wie die rätselhaften Berliner, die selbst nullnummernerprobt sind mit drei 0:0 in der Hinrunde. Jenes am Samstag war zwar nicht so abenteuerlich schlecht wie jene erinnerungswürdige Partie gegen Mainz vom zwölften Spieltag, bei der die Statistiker null Torschüsse auf beiden Seiten zählten. Aber es ist nicht zu verstehen, warum eine so teure Mannschaft wie die Hertha Fußball spielt wie in den ersten 60 Minuten in Köln.
Es gab zwei bezeichnende Momente für das Spiel. In der ersten Szene hatten sich die Gäste eine gute Feldposition erarbeitet, Lucas Tousart kurvte in die Mitte und gab einen satten Torschuss ab - doch das Einzige, was er in der 33. Minute traf, war seinen am Boden liegenden Mitspieler Peter Pekarik. Von dessen Körper prallte der Ball zurück in den Lauf von Tousart, dessen zweiter Versuch weit über das Tor in die leere Fankurve flog.
Szene zwei: In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit drosch der Kölner Außenverteidiger Kingsley Ehizibue den Ball brachial aus der Gefahrenzone weg; viele dachten, die Kugel würde im zweiten Rang landen, offenbar auch mehrere Herthaner, die sich neu sortierten, darunter Defensivspieler Maximilian Mittelstädt, der sich bereits einen anderen Ball reichen ließ, um einen Einwurf auszuführen - doch zu diesem Zeitpunkt landete Ehizibues Befreiungsschlag nach einem kurzen Abstecher zum Mond tatsächlich noch im Feld. Dominik Drexler sammelte den Ball ein, endlich hatte ein Kölner mal etwas Raum, doch dann legte er sich im Übereifer das Spielgerät zu weit vor, wurde gefoult - und vorbei war die Chance.
Für beide Klubs, insbesondere die beiden Trainer, war der Punkt an der unteren Grenze der Notwendigkeit. Köln baute zwei Negativmarken aus: Es war das 14. Heimspiel in Serie ohne Dreipunkt-Ausbeute (letztes Erfolgserlebnis: am Schaltjahrtag im Februar 2020, beim 3:0 gegen Schalke 04) und die fünfte Partie hintereinander ohne eigenen Torerfolg. Man konnte nicht richtig erkennen, wie sich das ändern soll. Gisdol hatte zwar "einige Durchbrüche auf den Flügeln" gesehen, ohne dass daraus etwas entstanden wäre. Aber der Coach gab auch zu, dass es ihm an diesem Nachmittag "vor allem darum gegangen war, hinten stabil zu stehen".
Für die ersten 60 Minuten traf das durchaus zu, aber danach bekam das Spiel durch zwei Wechsel Schlagseite: Die Berliner schickten in Matheus Cunha einen echten Zehner aufs Feld (60.), anstelle von Dodi Lukebakio, der nicht bloß eine falsche, sondern auch eine schlechte Zehn abgegeben hatte. "Dodi hat einige falsche Entscheidungen getroffen", monierte Bruno Labbadia.
Auf Kölner Seite verließ Stabilisator Jonas Hector angeschlagen das Feld (69.), und mit einem Mal erhöhten die Gäste das Tempo und kamen zu vier Großchancen, weil Cunha nach seiner Verletzungspause viele richtige Entscheidungen traf: Piatek schoss knapp neben das Tor (74.), Guendouzi zwang Horn mit einem verdeckten Schuss zu einer Glanzparade (75.), und als Cunha und Guendouzi feinsten Kleinfeld-Fußball präsentierten (83.), musste der Pfosten für den FC retten. Richtig stabil sah Kölns Defensive da nicht mehr aus. Erst recht nicht bei einer happigen Konterchance, als vier Berliner auf zwei Kölner zuliefen (90.+3), doch Cunha stoppte den Angriff höchst selbst mit einem unsinnigen Hackentrick - bestes Beispiel dafür, dass zwischen dem Anspruch der Berliner und der Realität Welten liegen.