Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit und Frank Heike
Auf heikler Mission: Als neuer Trainer des 1. FC Köln muss Timo Schultz notgedrungen auf die Jugend setzen. Die Dimension der Aufgabe erklärt sich aus der jüngeren Vergangenheit des Klubs.

Zumindest atmosphärisch hat sich auf einen Schlag ziemlich viel geändert am Geißbockheim, wo Timo Schultz am Donnerstag seinen ersten Tag als Chefcoach des 1. FC Köln verbracht hat. Während der zweieinhalb Jahre zuvor war dort der zwar sehr herzliche, aber immer auch etwas grantige und selten lächelnde Steffen Baumgart unterwegs, insofern war Schultz’ gute Laune tatsächlich etwas Neues.
Dazu passte, dass Christian Keller gleich in seinem ersten Statement am Morgen das Wesen des neuen Trainers hervorhob. Der 46 Jahre alte Ostfriese bringe „die Persönlichkeit und die Kompetenz mit, um das Leistungspotential unserer Mannschaft zu heben“, sagte der Sport-Geschäftsführer und erklärte: „Gehen wir es gemeinsam mit Timo Schultz nun mit voller Überzeugung und totaler Hingabe in allen Bereichen und Handlungsfeldern an. Dann wird der Klassenerhalt gelingen.“
Das wird jedoch eine enorme Herausforderung, denn zuletzt lief fast alles schief beim FC. Die Mannschaft ist außer Form, es drängen sich Zweifel an der Qualität des Kaders auf, und ob der Trainerwechsel das Team befreit, ist fraglich. Zudem darf der Verein aufgrund einer Transfersperre ein Jahr lang keine neuen Profis verpflichten. Schultz jedoch sagte: „Ich freue mich auf eine sehr reizvolle Aufgabe bei diesem tollen Traditionsverein. Wir werden in den nächsten Wochen viel und intensiv arbeiten, um die notwendigen Ergebnisse zu erreichen.“ Zuletzt hatte Schultz von Juli bis September 2023 eher erfolglos beim FC Basel gearbeitet. Das Kölner Interesse an diesem Fußballlehrer dürfte daher mehr seiner Zeit in Hamburg entspringen, wo er beim FC St. Pauli 18 Jahre lang als Profi, dann als Jugendtrainer und schließlich als Chefcoach der Zweitligamannschaft angestellt war. Lange wurde er dort gefeiert, inzwischen gibt es beim FC St. Pauli jedoch zwei verschiedene Sichtweisen auf seine Leistung. Die eine umfasst die Ausbeute seiner Mannschaft im Kalenderjahr 2021: 76 Punkte holte der Verein in der Rückrunde 2020/21 und der Hinrunde 2021/22. Der FC St. Pauli lag seinem Trainer zu Füßen. Der Verein wurde Herbstmeister, und das mit einem Coach, der die Werte der Braun-Weißen ideal zu verkörpern schien. Vor allem die zuvor langjährige Verweildauer beim Klub vom Kiez gefiel den Fans – Schultz war einer von ihnen, hatte er doch seit 2005 in verschiedenen Positionen am Millerntor gewirkt. Zugänglich, witzig, angenehm im Umgang: Schultz passte als erster Repräsentant des Klubs und entwickelte sich in dieser Rolle weiter. Und die Spielweise des Teams begeisterte das Publikum.
Doch schon in dieser Phase gab es unterschiedliche Auffassungen zwischen ihm und dem Geschäftsleiter Sport, Andreas Bornemann. Intern musste sich Schultz den Vorwurf gefallen lassen, den großen Pauli-Themen „Ambition“ und „Entwicklung“ nicht immer mit voller Energie nachzugehen, sondern auch mal lockerzulassen. Als die Rückrunde der Saison 2021/22 in die Enttäuschung des Nichtaufstiegs gipfelte – St. Pauli erbeutete nur 21 Punkte –, trug Schultz schwer an diesem Rucksack. Es gab auch Gründe für den Absturz, die in Bornemanns Verantwortung lagen. Dennoch wurde Schultz nach nur 17 Punkten in der Hinrunde 2022/23 entlassen, und die Worte aus dem Kommuniqué waren weit weniger diplomatisch als handelsüblich: Da war von „fataler Auswärtsschwäche“, „fehlender Balance zwischen Offensive und Defensive“ sowie „keiner Weiterentwicklung“ zu lesen – auch hätte Schultz keine überzeugenden Ansätze für den Weg aus der Misere angeboten. Die Fans liefen Sturm. Es gab eine Petition pro Schultz. Der Geschasste hielt sich bedeckt und sagte erst nach Anstellung in Basel: „Für mich und meine Entwicklung war es gut, nach so langen Jahren mal Hamburg zu verlassen.“ Dass sein früherer Assistent Fabian Hürzeler Schultz’ Arbeit beim FC St. Pauli nun so erfolgreich fortsetzt, spricht indes auch für die Saat, die er gestreut hat.
Für die Kölner sind jetzt insbesondere zwei Aspekte interessant: Einerseits wird ihm zugetraut, die mutige und aggressive Spielweise von Steffen Baumgart weiterzuentwickeln. „Die Art, wie Timo seit vielen Jahren Fußball spielen lässt, passt sehr gut zu dem, was unsere Rahmenparameter sind“, sagte Keller. Und zum anderen hat er den Ruf, ein guter Ausbilder zu sein. Schließlich sind die Rheinländer aufgrund der Transfersperre darauf angewiesen, Talente aus der U 19, der U 21 und vielleicht sogar der U 17 zu integrieren. Wer jedoch die ganze Dimension der Aufgabe verstehen möchte, die Schultz bewältigen soll, muss einen Blick in die jüngere Vergangenheit werfen. Baumgarts große Stärke bestand darin, dass es ihm gelang, zuvor kaum bekannte Spieler wie Marvin Schwäbe, Salih Özcan, Timo Hübers, Dejan Ljubicic, Benno Schmitz und einige mehr zu starken Bundesligafußballern weiterzuentwickeln. Neben einer mutigen und offensiven Spielweise lag hier ein Hauptmerkmal der beiden guten Baumgart-Jahre beim 1. FC Köln. Diese Fähigkeit, auf der das ganze Konzept aufbaut, war im aktuellen Spieljahr abhandengekommen. Eine der zentralen Aufgaben von Schultz wird nun darin bestehen, nicht nur die Mannschaft, sondern auch Einzelspieler besser zu machen. Jenes Gut, das laut Sportchef Keller im Fußball „noch wichtiger ist als Geld“, nämlich „Zeit“, hat er dafür aber nicht. Das neue Pflichtspieljahr beginnt am 13. Januar mit einem Duell gegen den 1. FC Heidenheim. Köln braucht dringend Punkte.