Chaotisches Kölner Comeback

15. September 2017

Beitrag auf faz.net von Christian Kamp

Unter chaotischen Begleitumständen ist der 1. FC Köln auf die europäische Bühne zurückgekehrt. Der Anhang des 1. FC Köln ließ sich den Spaß aber auch nicht davon nehmen, dass die Mannschaft nach einer 1:0-Führung beim FC Arsenal noch 1:3 verlor.

Gesungen wurde bis zum Schluss – wenn auch ein bisschen leiser als noch zu Beginn. Der Anhang des 1. FC Köln ließ sich den Spaß bei der Rückkehr auf die europäische Fußballbühne auch nicht davon nehmen, dass die Mannschaft nach einer 1:0-Führung beim FC Arsenal noch 1:3 verlor. Es war somit ein schönes Schlussbild, das der FC mit seinen Anhängern am Donnerstagabend lieferte – es konnte aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Partie im Emirates-Stadion unter chaotischen Begleitumständen stattgefunden hatte, an denen die Kölner Fans mit ihrer überbordenden Begeisterung maßgeblichen Anteil hatten.

Der Anpfiff des Europa-League-Spiels hatte aus Gründen der Zuschauersicherheit um eine Stunde verschoben werden müssen. Vor dem Stadion kam es zu erheblichen Problemen beim Einlass, unter anderem, als Kölner Fans einen Blocksturm versuchten. Das Nachspiel zu diesen Vorfällen wird den FC gewiss noch beschäftigen. Sportlich folgte dem Hoch zu Beginn ebenfalls Ernüchterung. Nach der Kölner Führung durch Jhon Cordoba in der 10. Minute hatte es lange nach einer Überraschung bei den – allerdings längst nicht in Bestbesetzung angetretenen – Londonern ausgesehen. Doch dann wendeten Sead Kolasinac (49.), Alexis Sanchez (67.) und Hector Bellerin (82.) das Blatt noch zugunsten der „Gunners“ – verdientermaßen.

Als der Ball endlich rollte, herrschte prächtige Europapokal-Stimmung im Emirates-Stadion. Die Kölner, weit mehr als die 3000, die auf offiziellem Weg Tickets erhalten hatten, gaben den Ton an, doch auch das sonst eher zu einer gewissen Unaufgeregtheit neigende Arsenal-Publikum zog zu Beginn mit, als wollte es die Herausforderung annehmen. Es war erstaunlich, mit wie viel Selbstbewusstsein die Kölner zu Werke gingen angesichts der drei Niederlagen, die sie zum Saisonstart in der Bundesliga erlitten hatten.

Trainer Stöger, im dunklen Anzug mit roter Krawatte, rotem Einstecktuch und knallroten Schuhen, sah zufrieden zu, was seine ebenfalls auffällig gekleideten Männer – in Grau und Leuchtgelb – leisteten. Ausgerechnet Cordoba, der bislang nicht überzeugende Ersatz für den abgewanderten Anthony Modeste, hatte dann seinen großen Auftritt. Nach einem missglückten Klärungsversuch von Arsenals Torwart Ospina schoss er den Ball aus etwa 40 Metern über den zurückeilenden Schlussmann hinweg ins Tor – ein spektakulärer Treffer, der natürlich zu Kölner Jubelstürmen am Spielfeldrand und auf den Tribünen führte.

Danach rannte Arsenal an, aber ohne die vielen Stammkräfte, die Trainer Arsène Wenger mit Blick auf das Liga-Spitzenspiel gegen Chelsea am Wochenende geschont hatte, darunter auch Mesut Özil, entstand wenig Zwingendes. Die Kölner 4-1-4-1-Formation hielt weitgehend dicht. Nach vorne allerdings hatte der FC ebenfalls kaum Zielführendes zu bieten. In einer der wenigen Aktionen im Strafraum verletzte sich Jonas Hector, er musste nach einer guten halben Stunde vom Platz, Jojic kam für ihn.

Unglücklich begann auch die zweite Hälfte für den FC. Eher zufällig landete der Ball bei Kolasinac, und der vom FC Schalke nach London gekommene Profi traf per Direktschuss. Überhaupt zog Arsenal nun noch einmal das Tempo an, der FC kam kaum noch mit. Im Eins-gegen-eins-Duell mit Maitland-Niles konnte Torwart Horn den Rückstand noch verhindern, kurz danach aber war er bei Sanchez‘ Schuss machtlos. Den FC verließen Mut und Kräfte, es reichte nur noch zu ein, zwei mehr oder weniger verzagten Schüssen, bevor Bellerin die Sache zu Gunsten der Londoner klar machte.

Ein großer Teil des Arsenal-Publikums hatte das Stadion beim Schlusspfiff schon verlassen. Die Kölner blieben und sangen. Doch so gelungen dieser Teil des Abends geriet – auch über den anderen wird noch zu reden sein. Der Überschwang, in dem der Kölner Anhang nach London gereist war, sprengte den vorgegebenen Rahmen erheblich. Angeblich waren 20000 Kölner nach London gereist, um ihre Mannschaft beim ersten Europacup-Auftritt seit 1992 zu unterstützen, es waren aber nur rund 3000 Gästekarten in den Verkauf gegangen, das ist die gängige Zuteilung.

Eine Erhöhung des Kontingents hatten die Londoner abgelehnt und zugleich angekündigt, dass Kölner Fans keinen Zugang zu den Bereichen der Heim-Anhänger erhalten würden. Das führte offenbar zu Problemen. Knapp zwei Stunden vor dem ursprünglichen Anstoßtermin um 21.05 Uhr deutscher Zeit versuchten 40 bis 50 Kölner Anhänger einen Blocksturm, wie ein FC-Sprecher bestätigte. Dieser konnte von den Ordnungskräften verhindert werden, es gab vereinzelte Festnahmen. Auch danach gab es Schwierigkeiten: Angesichts der vielen Kölner gab es für die Arsenal-Fans kein Durchkommen zu den Eingängen – der Hauptgrund für den einstündigen Aufschub.

Am frühen Abend hatte sich der Großteil der Kölner Fans auf dem Highbury Field, einem Park in der Nähe der U-Bahn-Station Highbury & Islington, versammelt und war dann unter Gesängen („Europacup – wir spielen wieder im Europacup“) Richtung Emirates-Stadion aufgebrochen. Dort war die Lage unübersichtlich, es wirkte nicht, als wären die Ordnungskräfte auf dieses Ausmaß vorbereitet gewesen. Umgekehrt schienen jene Kölner Anhänger ohne Karten für den Gästeblock nicht damit gerechnet zu haben, dass ihnen tatsächlich der Zutritt verwehrt werden könnte. Etwa eine Dreiviertelstunde vor dem offiziellen Spieltermin wurde die Verschiebung um eine Stunde bekanntgegeben. Danach füllte sich das Stadion allmählich, vor allem im und um den Gästebereich. Wie sich schnell herausstellte, war am Ende doch ein Großteil des „Clock End“ in Kölner Hand. Und blieb es, der Niederlage zum Trotz, bis zum Schluss.