Beitrag auf faz.net von Roland Zorn
Wieder ein verrücktes Fußballspiel: Im ersten Bundesligaspiel ohne Peter Stöger führen die Rheinländer 3:0 gegen den SC Freiburg. Und verlieren nach zwei Elfmetern in der Nachspielzeit noch 3:4.
Der frühe Winter hatte beim 1. FC Köln, dem Tabellenletzten der Fußball-Bundesliga, so etwas wie Frühlingsgefühle geweckt. Aber nur für knapp vierzig Minuten, dann fing im einsetzenden rheinischen Tauwetter der scheinbar uneinholbare 3:0-Vorsprung der Rheinländer an zu schmelzen. Und vorbei war es mit der kölschen Schneeparty, die nach einer frühen 3:0-Führung durch die Treffer von Klünter (8. Minute), Guirassy (16./Foulelfmeter) und einem Eigentor von Schuster (29.) gefeiert wurde.
Mit dem 1:3 durch Petersen (39.) setzte bei den sieglosen Kölnern das große Zittern ein. Der FC hielt dem Druck, einen zum Greifen nahen Erfolg vielleicht noch zu verspielen, nicht stand. Haberer verkürzte auf 2:3 (65.), und Petersen wurde in der Schlussphase zum Freiburger des Tages, als er zunächst einen Foulelfmeter zum 3:3 (90.) und danach einen Handelfmeter (90.+5) zum 4:3-Sieg für den Tabellen-Sechzehnten nutzte. Der Mann des Tages zeigte Mitgefühl: „Der Fußball schreibt solche Geschichten. Es ist bitter für den FC, das tut mir auch leid.“
Für die Kölner war diese Niederlage vermutlich eine zu viel, um noch an einen unverhofften Aufschwung in dieser Saison glauben zu können. „Ich habe keine Worte“, sagte der Innenverteidiger Dominique Heintz, „das ist der Höhepunkt der letzten Wochen, dass wir so ein Spiel noch aus der Hand geben.“
45 000 Zuschauer im Rhein-Energie-Stadion waren, soweit FC-Fans, entsetzt, was da am Sonntagnachmittag passiert war. Ein bitter nötiger erster Sieg unter dem Interimstrainer Stefan Ruthenbeck wurde verspielt, so dass der Klassenverbleib bei gerade mal drei Pünktchen und zwölf Punkten Rückstand zum Relegationsrang 16 fast aussichtslos erscheint. Ein schwer zu verdauender Nachmittag für den Klub, den nach Sport-Geschäftsführer Jörg Schmadtke zuletzt auch Trainer Peter Stöger verließ. Wenn der neue Sportdirektor Armin Veh an diesem Montag seinen Job antritt und dabei zunächst nach einem neuen Trainer Ausschau hält, kann er sich getrost auf mindestens ein Jahr in der Zweiten Bundesliga einrichten. Die Rückrunde dürfte für den Traditionsklub zu einer Abschiedstournee in der Bundesliga werden.
Die Freiburger dagegen feierten ihren nach dieser Anfangsphase des Spiels völlig unverhofften ersten Auswärtssieg in dieser Spielzeit ausgelassen. Er erinnerte in seiner Dramaturgie an das große Revierderby, als Schalke 04 aus einem 0:4-Rückstand noch ein 4:4 bei Borussia Dortmund machte. „Wir haben den Kopf oben behalten und nach den brutalen Nackenschlägen noch an die Wende geglaubt“, sagte der Freiburger Außenverteidiger Christian Günter nach diesem „verrückten Spiel“. Schon in der Halbzeit sei die Maßgabe, so der SC-Sportvorstand Jochen Saier, gewesen, möglichst rasch das Anschlusstor zu erzielen, „denn dann ist immer alles möglich“.
Zunächst schaute am Sonntagmittag Stöger in Köln vorbei. Per Fernsehliveübertragung zugeschaltet als neuer Coach der zuletzt wie die Kölner schwer gebeutelten Dortmunder Borussia. Eine nahezu irreal anmutende Einblendung, die symbolisch für die Wechselhaftigkeit des Profifußballs war. Während im Medienzentrum des Kölner Stadions alle Augen auf den beliebten Wiener gerichtet waren, schufteten draußen eine Reihe von winterfesten Arbeitskräften, um den frisch verlegten Rasen mit weißer Auflage in einen spielfähigen Zustand zu versetzen. Köln war am Sonntagmittag von einem heftigen Wintereinbruch mit üppigen Schneefällen überrascht worden.
Der U21-Europameister vollendete den ersten sehenswerten Kölner Angriff zum 1:0 und wäre wohl auch nach Rauschs Pass der Schütze zum 3:0 gewesen, hätte der eingewechselte Freiburger Stanko den Ball nicht ins eigene Tor gelenkt. Das 2:0 war Guirassys Sache: Zuerst im Strafraum gefoult von Kapitän Schuster, nutzte er den anschließenden Elfmeter zum 2:0. Den Strafstoßpunkt suchte Schiedsrichter Kampka in diesem ungewöhnlichen Duell vergebens; also maß er die elf Meter zu Fuß nach alter Väter Sitte aus.
Die Freiburger schöpften durch Petersens Volleytreffer unter die Latte zum 1:3 noch einmal Hoffnung, die sich noch verstärkte nach Haberers Kopfball zum 2:3. Am Ende erreichte das Drama seinen Gipfel, als Petersen nach Öczans Foul an Höfler den ersten Elfmeter zum 3:3 (90.+1) und nach Guirassys Handspiel den zweiten Strafstoß (90.+5) zum 4:3-Triumph für die Breisgauer nutzte. Es war ein sagenhaftes Comeback für die einen und ein schwerer K.o. für die anderen.