Beitrag in der FAZ
dat. Köln. Womöglich ist es für die kölner gar nicht so schlecht gewesen, dass Steffen Baumgart beim 1:0-sieg über den SC Frei burg fehlte. Der Trainer befindet sich aufgrund einer Coronainfektion in Isolation. also sprang er im heimischen Wohnzimmer herum, brüllte Kommandos, selbstverständlich mit Schiebermütze auf dem kopf.
Baumgarts Tochter Emilia postete nach der Partie ziemlich verrückte Videoszenen von ihrem Vater, der vor der Familiencouch genauso tobte wie sonst in seiner Coaching-Zone und unter anderem schrie: „die sollen nach vorne spielen!“ der Wille zur permanenten Offensive gehört zu den fundamentalen Grundsätzen dieses Trainers, dessen Mannschaft gegen Freiburg unter der Anleitung des Assistenten André Pawlak jedoch ausnahmsweise einmal nicht wegen ihres Muts erfolgreich war.
Erst zum zweiten mal ist den Kölnern in dieser Erfolgssaison das Kunststück gelungen, keinen Gegentreffer zuzulassen. „wir haben verteidigt mit allem, was wir hatten“, sagte Sportchef Jörg Jakobs nach der Partie und verkündete sogar: „das ist inzwischen auch eine Stärke von uns.“
Das Team durchlaufe eine „super entwicklung“ fuhr Jakobs fort, und hob die Leistungen der exzellenten Innenverteidiger Luca Kilian und Timo Hübers hervor. Das Tor hatte selbstverständlich der verlässliche Angreifer Anthony Modeste geschossen (23.), aber interessanter sind derzeit andere Mannschaftsteile.
In der Winterpause verkaufte der Klub den auch in der Hierarchie wichtigen Innenverteidiger Rafael Czichos in die Vereinigten Staaten, skeptische Beobachter hielten das für ziemlich riskant. Doch erstaunlicherweise fehlt der ehemalige Abwehrchef bislang überhaupt nicht. besonders Hübers, der in der Hinrunde nur selten zum Einsatz kam, verrichtet seine Arbeit seit Wochen mit einer beeindruckenden Souveränität. er „hat praktisch alle Zweikämpfe gewonnen, viele kluge Bälle hinten rausgespielt und war immer da, wo er sein muss“, sagte Jakobs. „er hat die Abwehr stabilisiert und strahlt sehr viel Dominanz aus.“
Steffen Baumgart mag sein Team nach vorne brüllen, doch die entscheidenden Fortschritte macht die Mannschaft derzeit bei der unermüdlichen Arbeit gegen den Ball. Der körperlich präsente und immer schlauer spielende Salih Özcan, der erfahrene Jonas Hector, der starke Torhüter Marvin Schwäbe und die Bereitschaft des ganzen Teams, voller Hingabe zu verteidigen, haben den einstigen Abstiegskandidaten der Fuß- ball-Bundesliga in einen Europapokalanwärter verwandelt.
Über derartige Ambitionen will zwar niemand bei den Rheinländern sprechen, „unser Ziel war es, den Abstand nach unten zu vergrößern, die Punkte haben uns gutgetan“, sagte Özcan nach dem knappen Sieg gegen den Sportclub Freiburg. Nicht einmal die Zuschauer stimmten das in Köln so gern vorgetragene „Europapokal“-Lied an, obgleich der Klub auf dem sechsten Tabellenplatz steht. Aber eventuell wird schon bald ganz offiziell über andere Ambitionen gesprochen, kündigte Sportchef Jakobs am Samstag an: „wir nähern uns den 40 Punkten und der Situation, dass wir die Klasse sicher halten und über andere Ziele nachdenken können.“