Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit
Wie geht es beim abgesackten 1. FC Köln weiter? Trainer Steffen Baumgart setzt vor dem Bundesliga-Spiel in Bremen darauf, „komplett bei uns zu bleiben“. Doch der Klub hat noch ein Problem.
Die Freunde des 1. FC Köln konnten sich geschmeichelt fühlen angesichts der Provokationen, die das Geißbockheim von der anderen Rheinseite erreichten. Bayer Leverkusens Kommunikationsabteilung hatte versucht, den schleppenden Ticketverkauf für das Europapokalspiel gegen den BK Häcken zu forcieren: Wer kunstvollen Angriffsfußball sehen wolle, der möge doch in die BayArena kommen, wer hingegen „gern Abstiegskampf“ verfolge, der sei „wohl Köln-Fan“, war in den sozialen Medien verkündet worden.
Gekonnt nahm Steffen Baumgart die Vorlage an. „Erst mal muss man sagen, dass Leverkusen wirklich guten Fußball spielt – für mich aktuell den besten Fußball“, sagte der Kölner Trainer, aber: „Wer noch schöneren (Fußball) sehen will – mit mehr Emotionen und im vollen Stadion, für das man nicht aufrufen muss, dass die Fans kommen –, der kommt zu uns. Wie immer!“ Überhaupt: „Es gibt einen großen Verein, und es gibt einen nicht so großen Verein. Der FC steht in dieser Region über allem.“
Das saß, auch wenn die These vom noch schöneren Fußball streitbar ist. Schließlich ist Leverkusen nach zum Teil rauschhaften Spielen Tabellenerster, während Köln mit nur einem Punkt aus vier Partien und dem harmlosesten Angriff der Liga auf dem Relegationsplatz steht. Aber so trostlos wie die Zahlen erscheinen, ist die Lage vor dem Auswärtsspiel bei Werder Bremen am Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) keinesfalls.
„Punktemäßig sind wir bei Weitem nicht da, wo wir sein könnten“, sagte Baumgart, aber „ich habe Jungs, die Gas geben, die machen und tun, ich glaube, dass wir spielerisch und leistungsmäßig auf einem guten Weg sind“. Intensität und Hingabe haben die Kölner eigentlich immer zu bieten, auch wenn es schmerzt, dass sie ihren Rückstand auf Leverkusen seit einem Vierteljahrhundert nicht verkürzt bekommen.
Denkbar ist, dass die Zeit mit Baumgart einmal als Ausgangspunkt für solch eine Entwicklung erinnert werden wird. Die Qualität der Einzelspieler hat nicht das Niveau für das obere Tabellendrittel, aber der leidenschaftliche Fußball des Teams macht den Menschen Freude, und die Klubführung geht inzwischen sehr besonnen mit Geld um. Auf diesem Fundament wünscht sich Baumgart eine Entwicklung vergleichbar mit Eintracht Frankfurt, die schon seit 2021 in einem Strategiepapier namens „FC-Matchplan“ anvisiert wurde.
Die Eintracht habe sich 2015 „sportlich an einer ähnlichen Stelle“ befunden und „es dann über viele Erfolge geschafft, sich da rauszuholen“, sagte Baumgart diese Woche noch mal. „Wir sind nicht nur ein traditioneller Standort, sondern auch ein Standort, an dem wir viel erreichen können. Und mein Ziel ist sowieso, nach oben zu kommen, auch diese Saison.“ Wobei diese Saison die Gefahr birgt, schwieriger zu werden als die beiden ersten Jahre unter dem Trainer, der die Herzen der Kölner erobert hat.
Im Sommer haben mit Kapitän Jonas Hector (Karriereende) und dem Strategen Ellyes Skhiri (Frankfurt) zwei zentrale Spieler das Team verlassen, Geld für gleichwertigen Ersatz war nicht vorhanden. Die wichtigste Kraft des Vereins bleibt daher Baumgarts Fähigkeit, Nachwuchsspieler oder zuvor in anderen Klubs unter ihren Möglichkeiten spielende Profis an ihre Leistungsgrenzen zu führen. Und mit einer geradezu radikalen Konsequenz an der offensiven Spielidee festzuhalten.
„Wir werden komplett bei uns bleiben, wir werden komplett versuchen, das, was uns stark gemacht hat, umzusetzen.“ Allerdings hinterlassen die Misserfolge womöglich Spuren und nähren Zweifel. Zumal diese dunkle Wolke der Ungewissheit über der Zukunft des Klubs schwebt. In dieser Woche wurde vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS über eine ausgesetzte Transfersperre verhandelt, die der Weltverband FIFA nach einem möglichen Regelverstoß bei der Verpflichtung des U-19-Spielers Jaka Cuber Potocnik gegen den Klub verhängte.
Der FC wehrt sich vor dem CAS, der aber vorerst kein Urteil fällte und auf Anfrage der „Kölnischen Rundschau“ mitteilte: „Nach Abschluss der Anhörung berät das für die Angelegenheit zuständige Schiedsrichtergremium und bereitet den Schiedsspruch mit seiner Entscheidung vor.“ Das könne viele Wochen dauern, eventuell auch Monate.
Damit bleibt unklar, wann die Verantwortlichen das Team durch Transfers weiterentwickeln können und ob sie während zwei Transferperioden keine Spieler verpflichten dürfen, wie es im ursprünglichen Urteil heißt. „Für mich ist entscheidend, dass wir unseren Fokus behalten“, sagte Baumgart, dem zuzutrauen ist, dass er das hinbekommt. Denn bisher hat dieser Trainer stets passende Antworten gefunden. Und sei es zu Provokationen aus Leverkusen.