Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit
Bloß kein Herbstblues: Der Sieg gegen Köln demonstriert, wie sehr Borussia Dortmund von einem fast komplett gesunden Kader profitiert. Trainer Kovac sieht darin auch ein Ergebnis seiner eigenen Arbeit.
Vielleicht waren es die vielen Schläge auf den Kopf, vielleicht war es einfach der Rausch der Gefühle, in jedem Fall hatte Maximilian Beier auch eine halbe Stunde nach dem Abpfiff noch Mühe, ein paar klare Gedanken zu fassen. Wer den Ball während jener sechsten Minute der Nachspielzeit in den Strafraum geschlagen hatte, wusste der Dortmunder nicht mehr. Die Erinnerungen an seinen Schuss waren diffus, „irgendwie aufs Tor“ habe er schießen wollen. Und als der Ball durch ein halbes Dutzend Beine zum 1:0 gegen den 1. FC Köln ins Netz glitt, war da nur noch „Emotion pur“.
Beier hatte einen dieser erlesenen BVB-Momente ausgelöst, die es in den vergangenen drei Jahren nur noch selten gab: ein Siegtor in einem wichtigen Spiel während der Nachspielzeit vor der Südtribüne.
Aber einen Satz mit einer gewissen analytischen Tiefe formulierte er dann doch noch: „Die Jungs, die von der Bank kommen, haben wieder einen enormen Input gehabt.“ Diese Aussage von einem Dortmunder Spieler zu diesem Zeitpunkt der Saison ist eine kleine Sensation.
Während der vergangenen Jahre fehlten immer wieder wichtige Spieler, wenn die kräfteraubenden Herbstwochen liefen. In genau dieser Phase wuchs dann oft der Rückstand zur Tabellenspitze, Trainerdebatten nahmen Fahrt auf, Selbstzweifel wuchsen. „Letztes Jahr zu der Zeit hatten wir zehn Verletzte, da hat sich die Mannschaft von selbst aufgestellt, im Moment sind wir fast alle gesund“, sagte Kovac, der in diesem Fortschritt auch ein Ergebnis seiner eigenen Arbeit sieht.
Der 54 Jahre alte Trainer ist bekannt dafür, viel Wert auf die Fitness und einen professionellen Lebenswandel seiner Spieler zu legen. „Fitness ist auch Verletzungsprophylaxe, dann ist man weniger anfällig, was die Muskulatur angeht“, sagte Kovac in der vorigen Woche. Derzeit sei gut sichtbar, wie sich die Arbeit auf diesem Gebiet auszahle.
Bis auf Emre Can, dessen Rückkehr nach einer Schambeinentzündung ebenfalls bevorsteht, sind gerade alle wichtigen Profis einsatzfähig. „Die Jungs, die auf der Bank sitzen, sind keine Einwechselspieler“, sagte Kovac.
Selten haben die Mechanismen der Rotation in Dortmund so gut funktioniert wie in diesen Wochen. Im Vergleich zur Startelf beim FC Bayern in der Woche zuvor änderte Kovac sein Team zum Champions-League-Spiel in Kopenhagen vier Tage danach auf fünf Positionen. Gegen Köln stellte er abermals vier neue Profis auf. Aus diesem Wechselspiel ergeben sich dann immer auch Möglichkeiten für interessante Einwechslungen.
Am Samstag kamen Beier, Fabio Silva, Marcel Sabitzer, Jobe Bellingham sowie Julian Brandt in die Partie und forcierten die am Ende immer erdrückendere Überlegenheit des BVB. Kovac hob hervor, „dass unsere Finisher, wie ich sie immer nenne, die ins Spiel kommen, dann noch mal einen Impact geben. Man sieht: Es gibt keinen Leistungsabfall.“ Dass der offenkundig erzürnte Adeyemi nach seiner Auswechslung eine Getränkeflasche auf die Ersatzbank warf, um seinen Widerstand gegen die Trainerentscheidung zu dokumentieren, kommentierte Kovac kühl: „Man kann sauer sein, das ist okay, aber das ist unnötig.“ Wenn Adeyemi nicht ausgewechselt werden wolle, dann solle er doch bitte „seinem Freund“ Beier erklären, warum dieser nicht spielen dürfe. „Wir sind eine Mannschaft.“
An diesem speziellen Abend profitierten die Dortmunder aber auch von der schweren, bis zum Sonntagnachmittag noch nicht endgültig diagnostizierten Knieverletzung des Kölner Abwehrchefs Timo Hübers. Die Bilder des deformierten Gelenks waren erschreckend. Hübers habe nach dem Spiel geweint, erzählte Trainer Lukas Kwasniok und prognostizierte einen Ausfall von mehreren Monaten.
Weil die Kölner bereits fünfmal gewechselt hatten, mussten sie die Schlussphase zu zehnt bestreiten. Beinahe wären die Dortmunder in ihrem dritten Bundesligaspiel nacheinander dennoch sieglos geblieben, womit der Rückstand auf die Bayern bereits neun Punkte betragen hätte. Das hätte anscheinend sogar Kwasniok missfallen. Jedenfalls richtete der Kölner Trainer eine Bitte an Kovac: „Lasst die Bayern nicht entkommen.“
Zunächst jedoch steht für den BVB ein DFB-Pokalspiel am Dienstag bei Eintracht Frankfurt an (18:30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal und im ZDF), das die Mannschaft wahrscheinlich abermals mit einer stark veränderten Elf beginnen wird. Erstaunlich dabei ist: Mit ihren Aufstellungen für die drei von den Rotationen besonders betroffenen Partien unter der Woche haben die Dortmunder bisher zwölfmal getroffen. Für die 14 Wochenendtore in der Bundesliga benötigten sie acht Spiele.