Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit
Die von Jonas Hector veranstaltete „FC-Wahlarena“ gerät zu einer bemerkenswerten Show über den 1.FC Köln. Eine satte Portion Hybris darf dabei nicht fehlen.

Noch ist der neue Vorstand des 1. FC Köln gar nicht gewählt, drei Teams bewerben sich um die Posten. Aber am Montag sahen sie sich schon einmal mit dem Zorn des Volkes konfrontiert, von dem erfahrungsgemäß kein FC-Funktionär verschont bleibt. „Vorstand raus“, riefen ein paar Leute, weil sich im Verlauf einer im globalen Fußball wohl einzigartigen Veranstaltung namens „FC-Wahlarena“ erschreckende Kompetenzschwächen gezeigt hatten. Keiner der Kandidaten, die sich am 27. September zum Präsidenten wählen lassen wollen, konnte das genaue Gründungsdatum des Klubs nennen. Selbstverständlich handelte es sich bei der Entlassungsforderung um die kölnische Selbstironie, die ein zentrales Motiv dieser bemerkenswerten Show gewesen ist.
Der ehemalige Kapitän Jonas Hector und der aus der „heute-show“ des ZDF bekannte Comedian Fabian Köster hatten in die Location Halle Tor 2 geladen, wo sonst Partys stattfinden. Seit zwei Jahren plaudern beide im Podcast „Schlag&Fertig“ über das Leben, das Weltgeschehen und den 1. FC Köln, über den Köster im Verlauf des Abends irgendwann den Satz sagt: „Wenn es seriös wird, ist das nicht mehr mein FC.“
In Leverkusen, Dortmund und München mögen sie sich lustig machen über diesen Karnevalsverein, in dem ernstzunehmende Persönlichkeiten in einer von Spielshowelementen durchzogenen Wahlkampfdebatte auch ein bisschen lächerlich gemacht wurden. Aber das Publikum lernte die Kandidaten und die Kandidatin recht gut kennen. Zur Kommunalwahl, die am Wochenende in Köln stattgefunden hatte, war es niemandem gelungen, einen Talk der Spitzenkandidaten mit ähnlich großem Informationsgehalt zu organisieren. Die Mischung aus Debatte und Unterhaltung machte Programme sichtbar und die Menschen dahinter.
Drei Teams treten an: das offiziell vom Mitgliederrat nominierte Trio um den Immobilienunternehmer Jörn Stobbe, der flankiert wird von Sportanwalt Jörg Alvermann und Sportwissenschaftler Ulf Sobeck. Das von Konrad Adenauers Enkel Sven angeführte „Team Adenauer“, dem der Finanzexperte Thorsten Kiesewetter und der Metzgermeister Martin Hollweck, ein kölsches Original, angehören. Hinzu kommt das Team „Next Level FC“ mit dem Unternehmer Wilke Stromann als Präsidentschaftskandidaten, der ehemaligen Profispielerin und Menschenrechtsaktivistin Tugba Tekkal (die als Kolumnistin für die F.A.Z. schreibt) und dem Juristen Carsten Wettich.
Immer wieder spielten Hector und Köster liebevoll gemachte Filmchen mit Bildern aus der schrägen Historie des Klubs ein: vergangene Erfolge, bittere Abstiege, erzürnte Fans, die verschwundenen Häßler-Millionen. Die FC-Wahlarena bewegte sich zwischen den Polen Ernsthaftigkeit, Chaos, Größenwahn und Humor hin und her, atmosphärisch untermalt von dieser tiefen Zuneigung, die alle im Saal zu diesem unperfekten Fußballverein empfinden. Selbst das berüchtigte „mediale Umfeld“ wurde eingebunden, als Köster ins Publikum lief und den Reporter des „Express“ fragte, welcher der Kandidaten am ehesten für Indiskretionen zu haben sei.
Betrachtet man die Programme der Teams, finden sich viele Gemeinsamkeiten: Der FC soll ohne Investoren auskommen, die Nachwuchsarbeit soll an Bedeutung gewinnen, das Vereinsgelände am Geißbockheim gegen Widerstände der Bevölkerung ausgebaut werden, das Stadion auch. Alle wollen den Frauenfußballs aufwerten. An diesem Abend wurde aber deutlich, dass Adenauer neben den beiden etwas näher an die aktive Fanszene angebundenen Kandidaten ein paar eher umstrittene Positionen vertritt.
So hielt er ein flammendes Plädoyer dafür, sich für Sponsoren wie den Waffenproduzenten Rheinmetall zu öffnen, weil dieser zur Verteidigung der Freiheit und der europäischen Demokratien beitrage. Außerdem spielte er mit dem Gedanken, ein vollständig neues Stadion an einem anderen Standort für 75.000 Menschen zu bauen. Für diese Positionen wurde er ausgepfiffen. Am wenigsten populistisch traten Stromann und seine Mitstreiterin Tekkal auf, die die erste Frau im Vorstand des Klubs werden könnte. Den größten sportjuristischen Sachverstand hat wohl Alvermann aus dem Team Stobbe zu bieten die größte Nähe zum Normalo-Fan, der seinen Verein liebt, ohne ein Ultra zu sein, verkörperte der Metzgermeister Hollweck.
Am Ende sollte dann gemacht werden, was Fans besonders gerne machen: Träume ausmalen. Kiesewetter aus dem Team Adenauer fantasierte, dass in einem Jahr die Champions-League-Hymne in Müngersdorf erklingt. Wettich blickte ans Ende der Amtszeit des künftigen Präsidiums: Der FC werde 2028 das Pokalfinale erreichen, verkündete er, „Said el Mala schießt das entscheidende Tor und wechselt danach für 150 Millionen Euro zum FC Liverpool“. Daraufhin „schauen die Fans aus ganz Europa neidisch auf den FC, der bewiesen hat, als größter unabhängiger, investorenfreier Fußballklub Europas sportlich erfolgreich sein zu können.“ Eine satte Portion Hybris gehört eben auch dazu beim 1. FC Köln.