Einer, der die Herzen erreicht

17. August 2021

Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit

Unter Steffen Baumgart tritt der 1. FC Köln mit einer ganz neuen Haltung auf. Gleich im ersten Ligaspiel liefert der neue Trainer – und gibt dabei das Bild eines ausgesprochen liebenswerten Sonderlings ab.

Der 1. FC Köln hat eine neue Attraktion. Wenn es auf dem Platz gerade etwas langweiliger wird, lässt sich der Unterhaltungswert eines Stadionbesuchs künftig mit dem Studium des Trainers Steffen Baumgart steigern. So wie in der etwas zähen Anfangsphase des Spiels gegen Hertha BSC, das die Rheinländer nach einer bemerkenswerten Leistungssteigerung am Ende 3:1 gewannen.

Baumgarts Körper stand unter Hochspannung, er verharrte in seltsamen Posen, begleitete das Geschehen auf dem Platz wie ein pantomimischer Kommentar. Geschmückt mit einer Schiebermütze, immer wieder auf zwei Fingern pfeifend, Hinweise brüllend, gab Baumgart das Bild eines ausgesprochen liebenswerten Sonderlings ab. Die Menschen in Köln feierten ihren Chefcoach mit Sprechchören, sie haben diesen Mann, dem es egal ist, ob er mitunter seltsam wirkt, bereits am ersten Spieltag in ihr Herz geschlossen. Und die Spieler im Team offenkundig auch.

Ernstes Gespräch mit Modeste

Kapitän Jonas Hector berichtete, dass die Mannschaft und ihr Trainer in der Sommerpause nicht nur eine neue Spielweise erarbeitet haben, Baumgart habe den Profis „auch von der Mentalität her“ eine neue Idee „eingetrichtert“. Die über weite Strecken der Vorsaison eher ängstlichen Kölner hätten gelernt, „dass man weiter nach vorne denkt, wenn man in Rückstand gerät“, sagte Hector. Genau das haben sie nach Stevan Jovetićs früher Führung für Hertha BSC Berlin geschafft. Das ist eine bemerkenswerte Leistung. Noch erstaunlicher ist allerdings die Verjüngungskur, die Baumgart Anthony Modeste verabreicht hat.

Der hoch bezahlte Angreifer, der in den vergangenen Jahren nicht nur oft verletzt war, sondern auch die Lust an seinem Beruf zu verlieren schien, blühte am Sonntag auf. Das 1:1 köpfte der 33 Jahre alte Franzose selbst, zum 2:1 lieferte er die Vorlage, und überhaupt war er kaum wiederzuerkennen verglichen mit der traurigen Gestalt, die im Vorjahr mit seinem Trikot über den Rasen schlich. Er habe zu Beginn der Vorbereitung ein ernstes Gespräch mit Modeste geführt und gefragt, „was er erreichen will“, erzählte Baumgart. „Ob er die nächsten zwei Jahre noch Ruhe haben will, oder ob er Gas geben will, ob er Spaß haben will, nochmal Erfolg haben will.“ Die Antwort war nun auf dem Rasen zu sehen.

Aber nicht nur Modeste, auch andere wie Florian Kainz, der das 2:1 und das 3:1 erzielte, Jan Thielmann oder Mark Uth (damals noch auf Schalke) traten mit einer ganz neuen Haltung auf: mutig, aggressiv, selbstbewusst. Das starke Sicherheitsbedürfnis des Vorjahres ist einer kraftvollen Zuversicht gewichen. „Das war ein geiles Spiel, die Jungs können Gas geben, das haben sie gemacht, sie sind am Plan geblieben“, sagte Baumgart.

Am Ende sangen die Menschen im Stadion nicht alleine aufgrund des Sieges das gute alte „Oh wie ist das schön“. Sie genossen das Gefühl, eine Mannschaft mit Perspektive gesehen zu haben. Es ist ja viel gezweifelt und gehadert worden im Umfeld des Effzeh, der im Mai erst in der Relegation die Klasse hielt. Das Geld ist noch knapper als bei vielen Konkurrenten, immer noch droht der Verkauf von wichtigen Spielern wie Ellyes Skhiri, um Löcher im Etat zu stopfen. Das Präsidium ist umstritten, die Trennung vom Sportgeschäftsführer Horst Heldt, für den immer noch kein Nachfolger gefunden wurde, hat für viel Kopfschütteln gesorgt. Aber der 1. FC Köln hat erstmals seit dem 2017 entlassenen Österreicher Peter Stöger wieder einen Trainer, der die Herzen erreicht.BUNDESLIGA