Einfach weiterspielen statt debattieren!

04. April 2016

Beitrag auf faz.net von Richard Leipold

Kölns Manager Jörg Schmadtke sieht ein „Begräbnis des Fairplay“ in der Bundesliga. Doch damit liegt er falsch. Seine Attacke wirkt eher wie die Eröffnung eines Nebenkriegsschauplatzes.

Hätte Jörg Schmadtke recht gehabt, wäre es sicher kein Begräbnis erster Klasse gewesen. Der Geschäftsführer des 1. FC Köln hatte kurz nach dem sonst eher unspektakulären 1:1 gegen 1899 Hoffenheim eine Art Traueranzeige verfasst und einen weiteren Sittenverfall auf den Schauplätzen des deutschen Berufsfußballs beklagt. Am Wochenende habe die Liga „den Fair-Play-Gedanken beerdigt“, behauptete der Manager. Schmadtke spielte auf zwei Szenen an, in denen ein Spieler der verteidigenden Mannschaft nach einem (möglichen) Foul am Boden lag, die angreifende Mannschaft aber weiterspielte.

Die Kölner hat dieses Verhalten in Hoffenheim zwei Punkte gekostet. Zwei Tage zuvor in Leverkusen hätte der VfL Wolfsburg wahrscheinlich auch dann verloren, wenn Bayer-Stürmer Chicharito mehr Rücksicht auf den scheinbar schwer getroffenen Gegenspieler Dante genommen hätte. Weil der Fußball nicht nur nach Toren giert, sondern auch nach Vorkommnissen, die Emotionen freisetzen, eignen sich die beiden Szenen trefflich als Thema für erhitzte Gemüter – eine ernsthafte Debatte dürfte daraus nicht werden.

Nüchtern betrachtet liegt Schmadtke mit seiner dramatischen Sicht der Dinge nicht nur deshalb falsch, weil er seine dürren Argumente mit dem Wurf eines (gebrauchten) Kaugummis in Richtung gegnerischer Trainerbank unterstrichen hatte. Dem Gegner mangelnde Moral vorzuwerfen, weil er weiterspielt, wirkt eher wie die Eröffnung eines Nebenkriegsschauplatzes, der von den Fehlern der eigenen Mannschaft ablenkt. In Hoffenheim bot sich mehreren Kölner Spielern ausreichend Gelegenheit einzugreifen, als ihr Kollege Lukas Klünter sich im Mittelfeld wälzte. Mit energischem Einsatz hätten sie signifikant die Chance erhöht, den Ausgleich zu verhindern.

Stattdessen wird in solchen Situationen häufig mit Worten und Gesten eine Unterbrechung gefordert. Die Entscheidung darüber jedoch obliegt dem Schiedsrichter. Es besteht kein Anlass für die Spieler, sich als eine Art Ersatzschiedsrichter zu gerieren. Eine moralische Pflicht, die Unterbrechung durch einen Schuss ins Aus herbeizuführen, besteht nur dann, wenn der am Boden liegende Spieler in seiner Gesundheit gefährdet erscheint und sofort medizinischer Versorgung bedarf.

Dem Kölner Trainer Peter Stöger ist also zuzustimmen, wenn er sagt, es sei „vielleicht eh gut“, wenn nur noch der Schiedsrichter entscheidet, wann das Spiel unterbrochen wird. Solange das Laissez-faire des Unparteiischen keine offensichtliche Gesundheitsgefahr bedeutet, sollte tatsächlich gelten: Weiterspielen! Das ist kein „Begräbnis des Fairplay“, wie von Schmadtke befürchtet, sondern entspricht den Regeln. Eine grundsätzlich andere Bewertung könnte dazu führen, dass in den Schlussminuten ein Trend zum Fallen und Liegenbleiben entsteht, um den Spielfluss zu stören. Das hätte dann mit Fairplay wirklich nichts mehr zu tun.