Fehlende Kaltblütigkeit

03. April 2023

Beitrag in der FAZ von Roland Zorn

Der 1. FC Köln versäumt es im Derby, sich für den forschen Start zu belohnen. Am Ende steht ein 0:0 gegen Mönchengladbach, über das sich keiner grämen muss.

Der 1. FC Köln hat sportlich schwere Wochen und auch juristisch harte Tage hinter sich. Das Urteil des Internationalen Fußball-Verbandes (FIFA) gegen die Kölner wegen Anstiftung zum Vertragsbruch im Fall des zum FC gewechselten slowenischen Junioren Jaka Cuber Potocnik hat in Köln kurz vor dem rheinischen Derby gegen den Uraltrivalen Borussia Mönchengladbach höhere Wellen geschlagen als das Spiel der Spiele für so manchen Fan der beiden nicht eben in Freundschaft miteinander verbundenen Klubs. Der Richterspruch wiegt, Stand heute, entschieden schwerer als der Ausgang des torlosen Sonntagsspiels, da die FIFA den Kölnern für die nächsten beiden Transferperioden, also die komplette Saison 2023/24, keine Spielerverpflichtungen erlaubt. „Das ist eine Sanktion, die ins Mark geht“, beurteilte der Kölner Sportgeschäftsführer Christian Keller den Ist-Zustand für die Planungen des FC. Dagegen wird der Bundesligaklub beim Internationalen Sportgerichtshof CAS vorgehen. Ob mit guten Aussichten auf Erfolg, bleibt fürs Erste offen.

Am Sonntagnachmittag hatten die Kölner, derzeit tabellarisch relativ nah an der Abstiegszone platziert, zumindest während der ersten Halbzeit die Chance, ihren Negativlauf der vergangenen Wochen – nur ein Punkt und ein Tor aus den vergangenen fünf Spielen – mit einem vollen Erfolg zu stoppen. Gegen eine Gladbacher Mannschaft aus dem Tabellenmittelfeld, die für ihre Launenhaftigkeit bekannt ist und zur neuen Saison aus finanziellen und sportlichen Gründen vor einem großen Umbruch steht.

Kölns Chancenflut

Das Spiel war kaum angepfiffen, da sauste der Kölner Sprinter Linton Maina dem Gladbacher Innenverteidiger schon auf und davon. Schade für den FC, dass der vom Linksaußen bestens bediente Mittelstürmer Davie Selke nicht ganz so handlungsschnell war und seine Chance zum frühen Führungstor vertat (2. Minute). Die Zeichen für das Derby aber waren von den Kölnern schon mal gesetzt. Zügig und umstandslos versuchten sie, durch die Ereignisse während der Woche in einem Jetzt-erst-recht-Modus zur Sache kommend, früh positive Fakten zu schaffen. Kapitän Jonas Hector, obwohl schon über dreißig, wagte den nächsten Kölner Tempovorstoß, nach dem er Schindler freispielte, dessen Schuss sein Sehnsuchtsziel aber knapp verfehlte (11.). Bei der dritten Kölner Gelegenheit breitete sich schon ein Jubelsturm im Stadion aus. Er beruhte indes auf einer optischen Täuschung. Kainz’ Freistoß segelte haarscharf am Tor vorbei (22.). Chance Nummer vier vereitelte der Gladbacher Keeper Omlin, der Schindlers Distanzschuss im Flug parierte (28.). Trainer Baumgarts Plan, seine schnellsten Spieler – Maina, Schindler, Kainz – gegen eine der langsamsten Bundesliga-Mannschaften einzusetzen, schien Aussicht auf Erfolg zu haben. Schien, denn als es galt, fehlte dem FC die letzte Präzision und Kaltblütigkeit.

Und die Borussia? Wartete in der ersten Halbzeit ab, wie sich das eigene Spiel entwickelte. Fürs Erste war da aber nicht viel, auf das die „Elf vom Niederrhein“ hoffen durfte. Noch hatten die Gladbacher die Devise ihres Trainers Daniel Farke („das sind Spiele wir gegen die“) nicht verinnerlicht. Reine Glückssache für die Borussia, dass der 1. FC Köln, frenetisch angefeuert von seinen Anhängern, bis zur 45. Minute torlos geblieben war.

Ein Derby auf niedrigem Niveau

Der FC schien das Spiel vor der Pause ein wenig zu schnell angegangen zu sein. Die Folgen waren spürbar und trugen zur Aufhellung der Gladbacher Gemüter bei. Thurams Schuss knapp über das Kölner Tor (50.) deutete so etwas wie neuen Offensivgeist bei der nun auch defensiv besser organisierten Borussia an – mit einem überzeugenden Torwart Omlin vorneweg. Neuhaus hätte wenig später für die 1:0-Führung sorgen können, doch sein Schuss nach Thurams Vorlage verrutschte dem offensiven Mittelfeldspieler ein wenig (54.). Immerhin: Beide Teams begegneten sich nun in neuer Offenheit an einem Nachmittag, dem das Eigentliche fehlte: ein Treffer.

Gladbach begann, das Spiel auf seine manchmal temperamentlos anmutende Art zu kontrollieren, und die Kölner schienen keine Reserven mehr aus ihrem Energiedepot abrufen zu können. So stand am Ende auf beiden Seiten die Null in einem Derby auf zunehmend niedrigerem Niveau, das lange mehr versprochen hatte. Vor allem den zuerst allzu forschen, aber nicht kaltblütig genug agierenden Kölnern, die trotzdem mit dem Remis leben konnten. Sechs Punkte Vorsprung auf die Abstiegszone sind zwar nicht viel, aber genug, um einer weiteren Bundesligasaison mit ungewissen Handlungsmöglichkeiten für den Klub entgegensehen zu können.