Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit
Tränen der Freude, Trauer und Dankbarkeit: Kölns Stürmer Anthony Modeste erzielt in der Bundesliga einen Torrekord und wird zum Mann für herrliche Dramen.

Tränen flossen über das Gesicht von Anthony Modeste, als er sein Wunderwerk zu einer vorläufigen Vollendung gebracht hatte. In der 88. Minute hatte der Kölner Stürmer den 1:0-Siegtreffer gegen den VfB Stuttgart geköpft, und nachdem das Spiel abgepfiffen worden war, lag er für einige lange Augenblicke weinend in den Armen von Steffen Baumgart, erfüllt von Dankbarkeit, Freude und Trauer.
„Es war auch ein emotionaler Moment für mich“, sagte er später zu seinem Treffer, „am 19. Dezember vor drei Jahren habe ich meinen Papa verloren. Ich denke, in dieser Aktion war mein Papa für mich da.“ Modeste hat nach diesem 55. Tor für den 1. FC Köln nicht nur genauso oft im Trikot dieses Klubs getroffen wie die Stadtikone Lukas Podolski, er avanciert mehr und mehr zu einem Großmeister des Hollywood-Kitsches.
Mal klaute er seinem Trainer die Schiebermütze, mal lieferte er dem Boulevard Schlagzeilenstoff mit provokanten Aussagen über ehemalige Vorgesetzte, und ziemlich oft erzielte er entscheidende Tore. Modeste ist ein Mann für herrliche Dramen, der sich zusammen mit den Mitspielern an einer wundersamen Auferstehung berauscht. Eine Mannschaft, die im vergangenen Jahr beinahe abgestiegen wäre und einen grauen Außenseiterfußball spielte, gehört mit beinahe unverändertem Personal plötzlich zum Unterhaltsamsten, was die Liga zu bieten hat.
Sportchef Jörg Jakobs nahm den technisch brillant ausgeführten Kopfballtreffer dieses Abends, um ein paar Hauptmerkmale des kleinen Kölner Wunders zu erklären: „In diesem Tor steckte unglaublich viel drin, was uns in dieser Saison charakterisiert“, sagte er. „Wir haben in dieser Phase unheimlich Druck gemacht, sie wollten das Tor mit aller Macht und haben es am Ende dann aber auch erspielt.“
Wille, Entschlossenheit, Einsatzbereitschaft und eine tiefe Überzeugung vom eigenen Weg sind zur Grundlage des Kölner Aufschwungs geworden, den Modeste verkörpert wie kein anderer. „Weltklasse“, schwärmte Kapitän Jonas Hector, als er nach Modestes Leistungen gefragt wurde, und der gefeierte Stürmer sagte: „Steffen Baumgart und ich waren Anfang der Saison ehrlich zueinander.“
Dieses Gespräch im Sommer ist legendär, war aber nach allem, was bekannt ist, gar nicht besonders spektakulär. Baumgart fragte, ob der 33 Jahre Stürmer, der keine Tore mehr schoss, seine Karriere als gut bezahlter Mitläufer ausklingen lassen wolle, oder ob er bereit sei, noch einmal richtig viel für eine gute Zeit zu investieren. Modeste entschied sich für die zweite Option und steht nun derart im Mittelpunkt, dass er mit seinen Toren, Tränen und Geschichten alles andere zu überstrahlen droht.
Baumgart sagte daher auch: „Toni kann es nicht alleine.“ Der Trainer hat etliche Spieler auf ein neues Niveau geführt: Czichos, Schmitz, Özcan oder Kainz zum Beispiel. Auch Hector spielt die beste Saison seit Langem und zeigt, „was er hier schon seit Jahren macht, nämlich vorangehen und ein Leader sein“. Am verblüffendsten bleibt jedoch die Fähigkeit des Teams, Baumgarts konsequenten Offensiv- und Balleroberungsfußball zu spielen, ohne ständig ausgekontert zu werden. Der Trainer schafft das Kunststück, extrem selbstbewusst aufzutreten, ohne Erinnerungen an die alte Kölner Hybris zu wecken. Abstiegskämpfe und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie haben scheinbar eine Demutshaltung erzeugt, die sich gut mit Baumgarts Überzeugung ergänzt, dass mit diesem FC fast alles möglich ist.