Beitrag von Jan Brockhausen auf welt.de
Im Winter wollte Köln den 26-Jährigen bereits verpflichten, damals wurde beim Medizincheck aber ein Nierentumor diagnostiziert. Nun verhilft er dem FC zum Sieg über den HSV
Die ganze Bandbreite der Emotionen wollte Peter Stöger wahrlich nicht zulassen. Kölns Trainer versuchte vielmehr, betont nüchtern zu dozieren. Es ging in dem Fall auch nicht um den zuvor errungenen zweiten Saisonsieg – mit 2:1 (0:0) hatte der FC den Hamburger SV bezwungen. Und es war genau genommen ein reichlicher Duselsieg. Aber bitte, wer fragt danach? Selbst wenn am Ende der beste Bundesligastart des Klubs seit 19 Jahren zu konstatieren war, Stögers Thema war ein anderes.
Des Trainers einfühlsame Worte galten nach dem Spiel einem, der am Samstag lediglich 25 Minuten auf dem Platz stand. Es lief die 66. Minute, als der Coach dem Profi Philipp Hosiner zum Bundesliga-Debüt verhalf. Der 26-jährige Österreicher hat eine besondere Vita. Bereits im Winter wollten ihn die Kölner verpflichten, damals wurde beim Medizincheck ein Nierentumor diagnostiziert. Hosiner musste operiert werden. Die FC-Oberen hielten weiter Kontakt, holten ihn nun im Sommer.
Gestern gab er dann seinen Ligaeinstand, der auch noch mit dem Tor zum zwischenzeitlichen 1:1 gekrönt wurde. Stöger aber wollte das Geschehene nicht nur auf die menschliche Ebene beschränken. "Mich freut das besonders aus sportlicher Sicht", sagte er, "dass Philipp nach seiner Einwechselung funktioniert hat und sofort das Tor macht." Er sei von ihm immer als Spieler überzeugt gewesen, deswegen habe man ihn gekauft. Überhaupt sei Hosiner schon ganz nah an der Startelf. "Ich weiß, dass das für ihn ein ganz wichtiges Tor sein kann", bemerkte Stöger noch.
Es blieb nicht die einzige Geschichte dieses Spiels, das sich lange äußerst langweilig gestaltete. Die erste Hälfte war geprägt von Fehlpässen und technischen Unzulänglichkeiten. Nicht eine ernst zu nehmende Torchance war zu notieren, stattdessen eine Szene, die noch personelle Folgen hatte. Es lief die 29. Minute, als Hamburgs Torhüter René Adler einen an Kölns Simon Zoller adressierten Flankenball aus dem Sechszehner boxte. Dabei räumte er seinen Abwehrmann Cleber ab und verletzte sich an der Schulter. Adler spielte noch ein paar Minuten weiter, musste jedoch in der 40. Minute ausgewechselt werden. Und so kam auch der junge Schweizer Andreas Hirzel, im Sommer vom FC Vaduz transferiert, zu seinem Bundesliga-Debüt. Eingreifen musste er bis zur Pause nicht.
Die erste Szene nach der Halbzeit spielte sich dann ebenfalls nicht in Hirzels Strafraum ab, sondern bei seinem Gegenüber Timo Horn. Es waren gerade 90 Sekunden in der zweiten Hälfte vorbei, als Kölns Kevin Vogt den Ball leichtfertig vertändelte. Sven Schipplock sprintete dazwischen, legte den Ball in den Rücken der Abwehr. Da stand Lewis Holtby, der zum durchaus verdienten 1:0 für die Hamburger einschob. Es war Holtbys erstes Bundesliga-Tor seit Januar 2013, damals spielte er noch für den FC Schalke 04.
Die Partie gewann nun an Fahrt, auch weil sich die Hamburger weiter mühten. Die nächste hochkarätige Chance hatte Ivo Ilicevic in der 63. Minute, als er aus 20 Metern abzog, Horn lenkte den Ball an die Latte. Quasi im Gegenzug zeigte endlich auch der FC eine Reaktion. Anthony Modeste zog mit rechts ab, sein Ball touchierte ebenso die Latte.
Doch erst mit Hosiners Einwechselung kam auch Zählbares für die Kölnern heraus. In der 76. Minute war es Jonas Hector, der den Österreicher mit einer Flanke bediente. Hosiner musste im Fünfmeterraum nur noch den Fuß hinhalten. "Ein Traum ist für mich wahr geworden", kommentierte er später. "Dass der Verein immer Kontakt zu mir gehalten hat, zeigt, wie sehr man mir vertraut. Das will ich jetzt zurückgeben."
Hosiners Tor war der Startschuss für eine hektische Schlussphase, die ihren ersten Höhepunkt ein paar Minuten später hatte. In der 79. Minute steckte Hosiner auf Modeste durch. Der Franzose ging im Strafraum zu Fall. Hamburgs Innenverteidiger Emir Spahic hatte ihn touchiert. Schiedsrichter Deniz Aytekin entschied auf Rot für Spahic und Strafstoß für den FC. Eine äußerst strittige Entscheidung. Modeste aber traf nervenstark zum 2:1.
"Das ist ein Witz", echauffierte sich Hamburgs Trainer Bruno Labbadia über den Elfmeterpfiff. Selbst Stöger sagte, "ich hätte ihn nicht gegeben." Weil auch noch in der Nachspielzeit Kölns Marcel Risse im Strafraum den Ball an die Hand bekam, Aytekin in dem Fall aber weiterspielen ließ, waren die Hamburger restlos bedient. "Das ist eine ganz bittere Niederlage", sagte Labbadia: "Wir hatten das Spiel total im Griff, und stehen jetzt mit leeren Händen da."