„Ich glaube an einen Gott, der kein Trikot trägt“

15. August 2025

Beitrag auf FAZ.de von Stephan Klemm

Köln feiert seinen Dom und seinen 1. FC mit einer Andacht und einem Sondertrikot. Ein Gespräch mit den Initiatoren über Gott, die Welt der Kicker und wer für wen betet.

An diesem Freitag lädt der 1. FC Köln seine Fans zum elften Mal zu einer Andacht in den Kölner Dom. Über diesen Brauch und den Jahrestag des Doms am 15. August und des FC im Februar sprechen der Kölner Stadtdechant Robert Kleine, FC-Geschäftsführer Philipp Liesenfeld und Carsten Wettich, der Vizepräsident des Klubs.

Herr Kleine, 777 Jahre Grundsteinlegung des Doms, 77 Jahre FC – fünfmal die Sieben, die wiederum eine besondere Zahl in der christlichen Mythologie darstellt. Das kann kein Zufall sein, oder?

Robert Kleine: Es ist wirklich zu verblüffend. Die Zahl sieben ist in der jüdisch-christlichen Tradition die Zahl der Vollkommenheit. Und diese Vollkommenheit passt meiner Meinung nach auch zum Dom und zum FC, oder?

Was verbindet den Dom und den FC?

Kleine: Beides sind Marken, die für Köln stehen. Von Köln gibt es einen Dreiklang – auch wieder eine biblische Zahl, die Dreifaltigkeit –, das ist der Dom, der FC und der Karneval. Das kennt man überall. Der Dom ist das Wahrzeichen der Stadt. Karneval und der FC drücken ein Lebensgefühl aus. Erfreulicherweise ist der Dom bei jedem FC-Spiel dabei, als Teil des Logos auf dem Trikot. Das zeigt die besondere Verbindung dieser beiden Marken.

Was verbindet den FC mit dem Dom?

Philipp Liesenfeld: Der Dom und der FC stehen wie nur wenige andere Dinge für Köln. Der Dom ist ganz bewusst Teil des Klubwappens. Die Verbindung der Menschen zwischen dem Dom, dem Karneval und dem FC ist genau das Gefühl, von dem in unserer Vereinshymne die Rede ist: „E Jeföhl, dat verbingk“, ein Gefühl, das verbindet. Für mich sind der FC und der Dom Grundpfeiler der kölschen Lebensart.

Inwiefern?

Liesenfeld: Glaube und Hoffnung liegen in beiden Fällen sehr nah beieinander, bei der Kirche und dem FC. Gleichzeitig eint den Dom und den Klub die Ambition und die Tradition.

Carsten Wettich: Der Dom und der FC sind tief verwurzelt in der Stadt, sie sind ein Beispiel für das „Mitten im Leben Stehen“. Der Dom ist nun wirklich mitten in Köln und somit mitten im Leben. Ebenso gibt es kaum einen Klub, der so verwurzelt ist mit der Stadt, der Region und den Menschen, die dort leben, wie den 1. FC Köln.

Was kam Ihnen in den Sinn, als Sie feststellten, dass Grundsteinlegung und FC-Gründung auf den gleichen Tag fallen?

Liesenfeld: Das war spektakulär. Schnell kam die Idee auf, diese grundsätzliche Verbindung und die spezielle Zahlenreihe zu nutzen, um ein Sondertrikot anzufertigen. Es kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn wir auf einen Gegner treffen, dessen Vereinsfarben ebenfalls Rot und Weiß sind. So wie am Sonntag, bei unserem ersten Pflichtspiel im DFB-Pokal bei Jahn Regensburg. Dort tragen wir dieses besondere Trikot erstmals auf dem Platz.

Was war Ihnen wichtig bei der Gestaltung des Trikots, Herr Kleine?

Kleine: Es sollte wertig aussehen, das ist gelungen. Wir haben gotische Elemente drin, Kreuzblumen und den „decke Pitter“, die bekannteste Glocke des Doms, die Petersglocke. Die Farbe schwarz, die sich sehr von den rot-weißen Klubfarben unterscheidet, hat etwas besonders Andächtiges, auch das passt zum Dom, der von außen bisweilen etwas dunkel aussieht.

Herr Kleine, der offizielle Zweck der Andacht für die FC-Fans am Freitag, die Sie mit Ihrem evangelischen Kollegen Bernhard Seiger halten werden, ist es, wie der FC mitteilte, „Gott um seinen Segen für eine gute Saison zu bitten“. Ist das nicht ein bisschen vermessen, Gott für den FC zu vereinnahmen?

Kleine: Da sind wir an einem entscheidenden Punkt: Es ist eine Andacht für alle. Wir beten für alle Vereine in allen Ligen. Es geht darum, dass die Menschen Freude haben. Dafür erbitten wir den Segen. Wir beten nicht um den Sieg des 1. FC Köln. Es ist keine parteiliche Andacht. Und wir schließen andere Sportarten mit ein. Auch die Fans der Kölner Haie sind herzlich eingeladen, alle anderen Sportanhänger ebenso.

Gibt es den vielzitierten Fußballgott? Und wenn ja: Hat er ein Trikot an?

Kleine: Ich glaube an einen Gott, der kein Trikot trägt. Gott ist aber bei den Menschen und freut sich mit ihnen. Viele Kölner würden sich natürlich freuen, wenn Gott ein FC-Trikot tragen würde.

Herr Liesenfeld und Herr Wettich, spüren Sie bisweilen die quasi-religiöse Verehrung des FC seitens der Fans?

Liesenfeld: Für viele Menschen ist der FC ein emotionaler Anker, der Halt gibt. Er stiftet Identität und ist eine Projektionsfläche für gemeinsame Hoffnungen und Träume. Da gibt es in meinen Augen durchaus Parallelen zum Glauben.

Es werden 4000 Fans zur Andacht erwartet. Wie haben Sie diese besonderen Messen mit den FC-Fans bisher wahrgenommen, Herr Wettich?

Wettich: Vor meiner ersten FC-Andacht im Dom vor einigen Jahren war ich zunächst skeptisch. Passt das denn? Die Menschen kommen mit Trikots, Schals und Fahnen in den Dom. Als ich es dann erleben durfte, war ich absolut begeistert. Es ist kein Spektakel, sondern ein ergreifendes Erlebnis. Und es ist ein positiv gelebtes Beispiel, wofür der FC, aber auch die Kirche stehen möchten, nämlich für Gemeinschaft und Verbundenheit. Wie im Stadion, so kommen auch bei dieser Andacht völlig verschiedene Menschen zusammen, die sich sonst im Leben vermutlich nicht treffen würden: junge Menschen, ältere, Familien, der Opa mit seiner Enkelin, arm und reich, und so weiter. Das ist faszinierend.

Kleine: Ich stelle fest, dass zugehört wird.