Im Kellerverlies hilft nur noch Schönreden

22. Januar 2021

Beitrag in der Süddeutschen Zeitung von Philipp Selldorf

Schalke bleibt als letzte Hoffnung der Berufsoptimismus des Trainers und des Rückkehrers Huntelaar – Köln berauscht sich am zähen, aber goldenen 2:1-Sieg

Gelsenkirchen – Irgendwohin musste der Frust. Sead Kolasinac lud ihn in Form von Beschwerden zunächst beim vierten Schiedsrichter Marcel Pelgrim ab, bevor er zum Spielleiter Daniel Siebert marschierte, der sich ebenfalls Zurechtweisungen mit dem Zeigefinger gefallen lassen musste. FürHorstHeldt hatte Schalkes neuer Kapitän unterwegs lediglich Zeit zum knappen Handschlag, obwohl der Manager ihn einst als 17-Jährigen vom VfB Stuttgart nach Gelsenkirchen geholt hatte – zum Aufbruch in eine beachtliche Profi-Karriere, die mit einem 90-Minuten-Duell gegen Didier Drogba in der Champions League glanzvoll begann. An diesem Abend aber gehörte Kolasinac einer Schalker Mannschaft an, die ein Bild von Trauer und Entsetzen hinterließ. Die 1:2-Niederlage gegen den 1. FC Köln lässt es sehr dunkel werden im Tabellenkeller, in dem die Schalker an der Seite des FSV Mainz festsitzen wie in einem vom Rest derWelt abgeschiedenen Verlies. Nachdem er wegen Muskelproblemen ausgewechselt worden war, hatte Kolasinac den Kölner Siegtreffer durch Jan Thielmann in der 94. Minute an der Seitenlinie erlebt. Worüber er sich anschließend bei den Schiedsrichtern beschwerte, bleibt einstweilen ein Geheimnis. Den Hergang des Gegentors in der Nachspielzeit jedenfalls durfte kein noch so enttäuschter Schalker der Fußball-Mafia anlasten, diese Geschichte hatte allein der Führungsspieler Benjamin Stambouli mit seinem x-ten kopflosen Einsteigen zu verantworten. Den dabei verlorenen Ballsammelte Elvis Rexhbecaj ein und leitete ihn zum 18 Jahre alten Thielmann, der später gar nicht mehr sagen konnte, was danach geschah:„ Der Kopf war komplett ausgeschaltet, ich weiß gar nicht mehr, wo und wie ich geschossen habe – aber ich glaube, es war am Ende ein guter Schuss.“ Auch Markus Gisdol empfing dafür Komplimente. Der Trainer habe „mutig gewechselt“, lobte explizit Kölns Sportchef Heldt. Sowohl Rexhbecaj als auch Thielmann waren spät in die Partie gekommen, letzterer an der Seite von Tolu Arokodare, was kurios genug war: Erst in der 88. Minute brachte Gisdol zwei Angreifer ins Spiel, bis dahin hatte der FC-Trainer in diesem Nervenkampf auf gelernte Stürmer erneut komplett verzichtet.

Die Partie war wie gemalt für den Rückkehrer – aber er sah nur zu

Aus den leidenschaftlichen Protesten des Schalker Kapitäns Kolasinac ging immerhin eines hervor: Es steckt inmitten der Untergangsstimmung und der notwendigerweise fortgeschrittenen Zweitliga- Planungen immer noch Kampfgeist in der Truppe. Trainer Christian Gross behauptete sogar: „Der mutige Auftritt in der zweiten Halbzeit stimmt mich trotzdem zuversichtlich.“ Der FC Bayern, am Sonntag Schalkes nächster Gegner, braucht sich trotzdem nicht zu fürchten. Gross verriet, dass seine verwegene Hoffnung vor allem auf einem Rezept aus 30 Jahren Trainererfahrung beruht: „Wenn man den Beruf als Fußballtrainer gewählt hat, muss man grundsätzlich optimistisch sein.“ Während eines kompletten Fußballjahres – Rückrunde Vorsaison, Hinrunde laufende Saison – hat Schalke 04 zwei Punktspiele gewonnen. Am Mittwoch hat nicht viel gefehlt zum dritten Erfolg. Infolge einer Unterlassungssünde von Mark Uth, der den Passgeber Dominik Drexler allein ließ, waren die Kölner durch Raphael Czichos in Führung gegangen (31.), Schalke glich durch Matthew Hoppe aus, den neuen Torjäger vom Dienst (57.) – und attackierte anschließend mit einer so verzweifelten Vehement den Kölner Strafraum, als ob dieser Abend den Jüngsten Tag der Saison oder des Kosmos an sich markieren würde. Mit seinen Dribblings schuf der nicht jedes Mal planvolle, aber immer passionierte Spielmacher Amine Harit die nötigen Lücken in den dichten Kölner Reihen, es gab gute Ballpassagen und einige listige Hereingaben an den richtigen Punkt – aber der Mann, der sie im Strafraum mit seinem Jagdinstinkt hätte nutzen können, saß in der ersten Tribünenreihe und konnte nicht eingreifen. Diese Partie war ja wie geschaffen für die Rückkehr von Stürmer Klaas-Jan Huntelaar: Gegner, Spielverlauf, das ganze Dramaeignete sich für diese eine Tat des alten Helden, die am Ende alles entscheidet – doch der Trainer wollte wegen der zwickenden Wade des Niederländers kein Risiko eingehen und berief Huntelaar noch nicht in den Kader. Auf weitere Hilfe vom Transfermarkt wagt Gross nicht mehr zu hoffen, seinen Wunsch nach einem schnellen Außenstürmer und einem kompetenten Rechtsverteidiger vermag ihm Sportvorstand Jochen Schneider nicht zu erfüllen. Die idealistischen Alt-Schalker Kolasinac und Huntelaar sind die einzigen Verstärkungen, die der Klub sich leisten kann, um die Theorie einer Aufholjagd zu verwirklichen. Gross stellt sich vor, dass Huntelaar als Persönlichkeit mindestens so hilfreich sein soll wie als Sportler, und der 37 Jahre alte Rückkehrer fing gleich nach Abpfiff damit an, zumindest verbal für Ermutigung zu sorgen. Die Mannschaft habe gekämpft und aggressiv gespielt, zudem sei doch gerade erst Halbzeit in der Saison, stellte er fest. So denkt ein Mann, der in seiner Karriere beim AC Mailand, bei Real Madrid und Ajax Amsterdam um Titel gespielt hat – und bei einem FC Schalke, der zu damaligen Zeiten Dauergast im Europacup war. Die Gelsenkirchener Gegenwart hingegen wurde durch dieses zähe Abstiegsdrama treffend dargestellt. Auf Schalker Seite redete man sich den Abend ebenso schön, wie es die Kölner mit ihrem Auftritt taten. Manager Heldt sprach von einem „Charaktersieg“. Verklärung oder nicht: Golden war er allemal.