Im zweiten Anlauf

31. August 2015

Beitrag von Nils Nordmann auf welt.de

Sechs Monate nach seiner Krebsdiagnose führt der Österreicher Hosiner den 1. FC Köln zum Sieg über den Hamburger SV

Philipp Hosiner sprach über sein spektakuläres Spiel mit jener Leichtigkeit, die nur ein Mensch haben kann, der das Leben in größeren Zusammenhängen sieht. Obihm sein Trainer Peter Stöger vor der Einwechslung gesagt habe, dass er die Partie gegen den HSV entscheiden könne, wurde Hosiner gefragt. "Nein, ich weiß natürlich auch selbst, dass ich nach Möglichkeit ein Tor machen soll."

Der Österreicher hatte kurz zuvor mit seinem Ausgleichstreffer den 1. FC Kölngestärkt und das 2:1 per Zuspiel auf Anthony Modeste eingeleitet, kurz bevor dieser einen Strafstoß herausholte. Ein gelungenes erstes Pflichtspiel lieferte Hosiner ab, was nicht unbedingt zu erwarten gewesen war. Noch vor sechs Monaten war der 26-Jährige ans Bett gefesselt, nachdem eine tumorbefallene Niere hatte entfernt werden müssen. Für ihn ging es lange um wichtigere Dinge als Fußball. Das kurze Spotlight, welches Hosiner sich am Wochenende erarbeitet hatte, sah er selbst dann auch mit Abstand: "Ich war froh, überhaupt erst die Chance bekommen zu haben, in Köln spielen zu können", sagte er.

Ausgerechnet die Kölner Medizinabteilung hatte im Winter sein Leiden frühzeitig genug entdeckt und ihm wohl das Leben gerettet, wie Hosiner später sagte. Denn Hosiner sollte schon im Februar von Stade Rennes an den Rhein wechseln, wurde aber schweren Herzens von den Kölnern abgelehnt. Dass er und der Klub nun doch zusammengefunden haben, ist vor allem Landsmann Stöger zu verdanken. "Dass der Verein immer Kontakt zu mir gehalten hat, zeigt, wie sehr man mir vertraut", kommentierte Hosiner. Stöger hält so viel von Hosiner, dass er ihn im Sommer auf Leihbasis verpflichten ließ. "Er kann unser Spiel verändern", so Stöger über Hosiner, mit dem er bei Austria Wien schon die österreichische Meisterschaft gewann.

Hosiner ist tatsächlich einer der Gründe für den Kölner Höhenflug. Der Klub bestaunt den besten Saisonstart seit 19 Jahren, der die Kölner in ihrer zweiten Saison seit Wiederaufstieg zwischenzeitlich auf den dritten Platz der Bundesligatabelle katapultiert hatte. In der Vorsaison setzte Köln vornehmlich auf Defensivbeton. Nun hat die Mannschaft tatsächlich eine neue Fähigkeit dazugewonnen und kann dank Zugängen wie Hosiner, Anthony Modeste, Leonardo Bittencourt und auch Milos Jojic schlechte Tage auffangen.

Denn gegen den Hamburger SV war eigentlich kein Sieg in Sicht. Mit Hosiners Einwechslung spielten sich die Kölner jedoch in einen Rausch und rannten unter höllischem Fanlärm gegen die HSV-Defensive an. "Wir sind jetzt einen Schritt weiter als vergangene Saison. Wir sind in der Lage, Matches zu drehen, wenn es spielerisch nicht läuft", bestätigte Kölns Torwart Timo Horn.

Mit sieben Zählern aus drei Spielen haben die Kölner nun ein stattliches Punktepolster für schlechtere Zeiten angelegt. Das ist auch bitter nötig, denn gegen defensive Mannschaften wie den HSV ist Köln spielerisch noch sehr limitiert. Entsprechend kritisch ging Hosiner mit sich und seinen Kölnern um: "Ich habe mir gerade noch einmal die Matchstatistik angesehen", sagte er, "sechs zu 17 Torschüsse. Das sagt schon etwas aus. Wir waren über 90 Minuten eigentlich die schlechtere Mannschaft. Und wir werden diesen Punkteschnitt wahrscheinlich nicht halten können."