Beitrag von Peter Stützer auf welt.de
Mit klugen Transfers und einer Portion Demut hat Manager Jörg Schmadtke den 1. FC Köln auf Kurs gebracht. Schwieriger wird es, ihn dort zu halten. Denn nicht jeder mag die neue Bescheidenheit.
In seinem Büro, gleich neben dem Schreibtisch, lehnt ein Golfschläger an der Wand, vermutlich wird sein Besitzer hier heimlich oder klammheimlich üben, wenn keiner guckt. Doch Vorsicht, der gute Mann sei gewarnt, mit dem Driver hat schon manch einer übers Ziel hinausgeschossen. Jörg Schmadtke dürfte dieser Spezies Golfer kaum angehören, so besonnen und kontrolliert er im wirklichen Leben ist.
Doch nur Übung macht den Meister, das weiß er wohl. Lässt sich diesmal auch nicht lange bitten, der erste Fußballclub Kölns veranstaltet nämlich ein richtiges Golfturnier, selbstredend für einen guten Zweck, die vereinseigene Stiftung. Hoch erfreut kann der Geschäftsführer des 1. FC Köln dann endlich mal im Dienste seinem Hobby nachgehen, und zwar außerhalb des Büros; fünf Stunden Golfspiel auf grüner Wiese, abschalten im Sonnenschein, das bringt Entspannung, das macht die Birne frei, wenn auch nicht ganz in dem Maße, wie er sich das gewünscht hätte. Denn auch das hat der Manager in den vergangenen zwei Jahren erfahren und verinnerlicht: Hab acht, wenn beim 1. FC Köln die große Ruhe herrscht, dann ist sie zumeist trügerisch.
Es sitzt fast immer einer hinterm Busch, dem Harmonie und Frieden ein Gräuel sind. Der schießt dann so lange quer, bis wieder Stunk ist in der Bude. Man könnte das auch eine Art Selbstverstümmelung nennen oder das bekannte Sprichwort ins Spiel bringen: "Wenn's dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis." Die Kölner Fußballer sind, nicht weitersagen, zumindest auf dem Weg dahin. Und die Fans singen dazu: "So was hat man lange nicht gesehen, so schön, so schön." Platz vier in der Bundesliga. Den Topklubs aus München, Dortmund und Leverkusen unmittelbar auf den Fersen, das gibt's doch gar nicht, so schön, so schön.
Das gibt es sehr wohl, einer hat nachgeguckt, und sieh mal einer an: 19 Jahre ist das her, dass der 1.FC Köln so erfolgreich in die Saison gestartet ist, das müsste doch eigentlich gefeiert werden. Jörg Schmadtke verzieht das Gesicht, er gerät so langsam immer mehr in die Zwickmühle. Es liegt in seinem Zuständigkeitsbereich, wenn alles zu gut läuft, kräftige Emotionen unter Kontrolle zu bringen – und das macht er denn auch. Punkt. Bis hierhin und nicht weiter. "Sonst heißt es gleich wieder, ich würde den Leuten den Spaß wegnehmen. So ein Blödsinn." Mein Gott, der Mann ist Düsseldorfer, der hat es schwer genug.
Die Kölner haben für alles ein Lied. Schießen sie ein Tor, kündet aus den Lautsprechern der Karnevalsschlager "Wenn et Trömmelche jeht". Ist das Liedchen irgendwann verklungen, liegen sich die Kölner Zuschauer immer noch in den Armen. Nur einer hält sich merklich zurück. Der Geschäftsführer Schmadtke. Steht auf von der Bank, geht ein paar Schritte, beschaut sich all die Rudelbildungen in seiner Umgebung, freut sich ganz bestimmt auch, man sieht es halt nicht so. Entschuldigung. "Ich muss doch nicht jeden gleich in die Arme nehmen."
Den Stadionsprecher schon gar nicht. Der ist am jüngsten Spieltag Schmadtke und den Seinen fies in den Rücken gefallen in ihrem Bemühen, trotz des feinen Tabellenstandes auf Überschwang und übertriebene Jubelarien zu verzichten. Man weiß doch, wohin das führt. Zwei Siege, schon träumen sie auf den Tribünen vom internationalen Geschäft. Da schlenderte also Schmadtke nach dem 2:1 gegen den HSV über den Rasen, schon wieder in Gedanken versunken, sinniert, was dieser Sieg wohl für Konsequenzen haben werde für ihn und seine Arbeit; wie er, bei aller berechtigter Freude, Spieler und Umgebung dazu bringen könne, jetzt bloß mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.
Der Gedanke war noch unterwegs, unfertig sozusagen, da warf Michael Trippelvielleicht 20 Meter entfernt alles Bemühen seines Chefs über Bord: "Das wird jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem VfL Wolfsburg bis zum Saisonende", blökte der Stadionsprecher lauthals ins Mikro. Übersetzt sollte das wohl heißen, bis auf Bayern München habe der 1.FC Köln nichts und niemanden mehr zu fürchten in der ganzen Bundesliga. Da ist Schmadtke der Kragen geplatzt.
Das hatte gerade noch gefehlt. Treiben sie beim 1. FC Köln doch mit so viel Aufwand Imagepflege und Sympathie-Werbung. Kultur, Politik und Sport greifen ineinander, wenn FC-Spieler zum Beispiel die Kölner Bürger auffordern, doch die Wahl des Oberbürgermeisters nicht zu verpassen – wen auch immer, Hauptsache, sie nutzen ihr demokratisches Recht und lassen zweifelhaften Gruppierungen keine Chance. Dass letztlich die Lokalpolitiker die Wahl verhunzten, lag weiß Gott nicht an den Kickern, jeder blamiert sich halt, wie er kann.
Das gilt keinesfalls für die singende Abordnung der FC-Fans, die samt Vizepräsident Ritterbach erfolgreich mit dem Funkhaus-Orchester des WDR die FC-Hymne einspielte. Dass die FC-Spieler auch hier mitmischen würden, war nicht geplant. "Spürbar anders", auch der neue Slogan ist gut angekommen im Verein und in der Stadt, jetzt muss er nur noch mit entsprechenden Inhalten versehen werden. Gerade jetzt, da Platz vier in der Bundesliga jede Form von Euphoriebremse notwendig macht.
Zurückrudern geht auch nicht wirklich, zu weit haben sich beide Seiten aus dem Fenster gelehnt. "Das ist so eine Sache mit dem Alkohol", so wurde auch noch Peter Stöger, der FC-Trainer, zitiert. Seine Version von Ironie. Trippel wiederum schob dem ganzen Palaver auch noch einen Eintrag bei Facebook hinterher, verwies auf die Ironie als sein verbales Stilmittel. War doch alles nicht so gemeint. Entschuldigen wollte er sich aber nicht. Zitat Schmadtke nach dem Spiel: "Herr Trippel muss aufpassen, was er sagt. Das war jetzt nicht das erste Mal." Mit keiner Art von Selbstinszenierung wollen sie noch zu tun haben beim FC, weder ironisch noch sonst wie. Manche halten den Sprecher einfach für einen Wichtigtuer – und für solche ist beim FC kein Platz mehr.
Schritt für Schritt nach vorne, etappenweise, investieren in Beine und in Steine, ein neues Leistungszentrum bauen sie im Grüngürtel der Stadt, den die Kölner Bürger noch Konrad Adenauer zu verdanken haben, aus Zeiten, wo eine Bürgermeisterwahl noch klappte. Neue Trainingsplätze, neue sanitäre Anlagen, raus mit dem alten Muff.
"Da steht noch das Duschgel von Hennes Weisweiler", Schmadtke lacht. Na also, geht doch. Sie liegen im Soll, die Imagepflege kommt voran. Nicht nur in der Bundesliga-Tabelle. In beinahe allen Bereichen hat der neue FC zuletzt denkbar gute Noten abbekommen. Eine Studie der Technischen Universität Braunschweig sieht den 1. FC Köln als Marke auf Platz fünf im deutschen Fußball, in Sachen Bekanntheitsgrad sogar auf Platz vier. Der Klub ist auf dem richtigen Weg, sagt Schmadtke. Und das nicht nur sportlich. Er mag die Kölner, die Kölner mögen ihn, den Düsseldorfer. "Ich erlebe sie als lebensbejahend, fröhlich und offen. Als wenig gehemmt, im Vergleich zu anderen Volksstämmen."
Mit den alten Klischees haben sie längst zu leben gelernt beim FC, sollen die Fans doch von einem halben Dutzend Toren in jedem Spiel träumen oder sogar vom Deutschen Meister 1. FC, sollen sie, das ist ihr gutes Recht. Aber wer glaubt, das sei irgendwie ernst gemeint, der hat die Sache mit der kölschen Ironie noch nicht kapiert. "Hauptsache, wir, die Vereinsführer, flippen nicht gleich aus."
Wenn man das alte Klischee über den Kölner und seinen Klub bemüht, dann müsste Schmadtke langsam mal den Rathausbalkon reservieren. "Deutscher Meister, FC" – das singen sie im Stadion tatsächlich mit Selbstironie. Und falls doch der Überschwang ins Geißbockheim schwappen sollte, dann ist Schmadtke da. Tatsächlich: Spürbar anders.