„Irgendwelche Leute pinkeln uns ständig ans Bein“

19. November 2023

Interview in der FAZ

Steffen Baumgart, Trainer des 1. FC Köln, über Fußball-Experten, die sich zu wichtig nehmen, die Gefahren entlassen zu werden und seine Gründe, nicht über die zweite Liga zu sprechen.

Herr Baumgart, wir treffen uns wenige ­Stunden, nachdem bekannt wurde, dass Urs Fischer nicht mehr Trainer bei Union Berlin ist. Berührt Sie das?

Ich bin nicht nur mit Union Berlin, sondern auch mit Urs Fischer sehr verbunden. Daher ist das eine Sache, die mich sehr berührt und auch mitnimmt.

Würden Sie aus Trainerperspektive sagen, dass Union wahrscheinlich auch mit Fischer zurück in die Spur gefunden hätte?

Dabei will ich nicht über richtig oder falsch urteilen, ich habe nur gesagt, dass mich das berührt. Ich würde mir nur wünschen, dass all diejenigen, die sich jetzt dazu äußern, einfach mal ruhig sind. Wenn Didi Hamann vor zwei Wochen sagt, es sei unverantwortlich von Union Berlin, an diesem Trainer festzuhalten, dann halte ich das für eine absolute Frechheit. Wieso darf er sich solch ein Urteil erlauben? Glauben Sie mir, ich habe mehr Einblick bei Union Berlin, als viele annehmen, und wage es nicht, die Trennung zu bewerten.

Fischer verkörperte eine Sehnsucht, die viele Fans auch in Köln haben: dass der perfekt ­passende Trainer viele Jahre bleibt, über Misserfolgsphasen hinweg. Christian Streich in Freiburg ist ein Beispiel. Ist so eine lange gemeinsame Zeit mit dem 1. FC Köln möglich?

Jeder Trainer, der anfängt und sagt, er möchte langfristig etwas aufbauen, der kann auch schon die Weltreise planen. Es kann sein, dass du nach drei Monaten raus bist. Es geht im Fußball nicht darum, ob du deine Leistung bringst oder ob du deinen Fußball weiterspielst, am Ende gibt es immer nur ein Ergebnis. Jetzt mit sechs Punkten den 11.11. zu erreichen, das ist nicht selbstverständlich. Das habe ich immer gesagt.

Sie sagten, dass die Erfahrung der vergangenen zwei Jahre in schwierigen Momenten helfe, weil die Spieler wissen, dass Ihre Art zu arbeiten funktioniert. Bröckelt diese Überzeugung?

Dass die Jungs, die länger hier sind, genau wissen, wie ich ticke, wie ich reagiere und wie ich mit gewissen Sachen umgehe, erleichtert vieles. Ich habe mich in dieser schwierigen Situation, in der wir jetzt stecken, nicht verändert. Im Übrigen waren auch meine beiden ersten Jahre in Köln sehr schwierig, wir hatten mehrfach Phasen, in denen es uns nicht gut ging. Aber wir haben immer hart am Limit gearbeitet und sind dann da rausgekommen.

Aber Sie waren nicht Tabellenletzter oder wie jetzt gerade Vorletzter.

Ja, wir sind jetzt von Anfang an in diesen Schwierigkeiten und müssen uns herausarbeiten. Aber ich kann ganz gut mit dem Umfeld umgehen, und das Umfeld kann mit mir umgehen. Auch deshalb glaube ich, dass die ersten zwei gemeinsamen Jahre uns in der jetzigen Situation enorm helfen. Gut ist außerdem, dass viele Menschen, die sich wirklich mit diesem Verein beschäftigen, einfach wissen, unter welchen Umständen hier im Moment gearbeitet wird.

Sie meinen, dass unter dem Vorsatz, Altlasten zu bewältigen, wenig Geld zur Verfügung steht und in Jonas Hector sowie Ellyes Skhiri zwei Säulen des Teams den Klub verlassen haben?

Ja. Egal ob als Fan oder als Trainer des 1. FC Köln gehört es im Moment dazu, mit solchen schwierigen Phasen umzugehen. Das machen wir gerade, und ich bin überzeugt, dass wir aus der Situation rauskommen können.

Warum funktioniert Ihre Art, Fußball zu ­spielen, nicht mehr so gut?

Fußball lebt, Fußball ist immer eine Entwicklung. Ein Beispiel: Nur weil wir im letzten Jahr das Anlaufen gut hingekriegt haben, heißt das nicht, dass das so weitergeht. Da geht es um Nuancen. Wenn der Gegner eine Lösung hat, funktioniert das plötzlich nicht mehr so gut. Also musst du selbst wieder Auswege finden, das ist das Spiel. Fußball ist ein lebender Sport, deswegen musst du dich immer wieder weiterentwickeln.

Sie sagen, Sie könnten gut mit der Situation umgehen. Wie genau sieht der Umgang aus?

Zum Beispiel lese ich nichts mehr. Nichts Positives, nichts Negatives, nichts, was mir Energie rauben würde. Das ist das Wichtigste. Es gibt viel zu viele Meinungen von Menschen, die ich nicht in meinen Kopf lassen will. Oft sind das Menschen, die viel zu wenige Informationen für eine fundierte Einschätzung haben, damit will ich mich nicht beschäftigen.

Zuletzt hat sich Bayern Münchens Trainer Thomas Tuchel sehr über die Meinungsbeiträge von Experten wie Lothar Matthäus und Didi Hamann geärgert. Teilen Sie seinen Groll?

Ich habe das Gefühl, dass einige Kritiker auf einer Einbahnstraße fahren. Wir müssen hinnehmen, dass irgendwelche Leute, die wirklich weit von unserer Arbeit weg sind, uns ständig ans Bein pinkeln. Leute, die eigene Probleme haben, sich dann aber in der Öffentlichkeit hinstellen und sagen: Wir wissen, was los ist. Bei jedem Protagonisten, bei jedem Verein.

Sie können Tuchel also verstehen.

Ja. Es ist nachvollziehbar, dass er mal klar sagt: Der und der, die sind mir mal völlig Banane! Es wäre schön, wenn diese Leute ihre Wurzeln nicht komplett leugnen und bereit sind zu verstehen, wie der Job funktioniert, den wir machen. Wenn die Aufgabe eines Experten nur noch darin besteht, allen bei jeder Gelegenheit ans Bein zu pinkeln, dann muss er sich auch nicht wundern, wenn irgendwann mal jemand sagt: Pass auf, du bist mir einfach nicht wichtig genug.

Die Gefahr ist groß, nachher als dünnhäutig oder unsouverän zu gelten.

Dünnhäutig sind die, die den Ärger der Trainer nicht verstehen. Du kannst doch nicht ständig in den Wald reinrufen und dich dann wundern, dass irgendwann einer zurückruft. Wenn der Trainer sich wehrt und sagt: Bis hierher und nicht weiter, dann kommt sofort als Argument, dass der dünnhäutig ist und mit der Situation schlecht umgehen kann. Der Unterschied ist halt, dass der Trainer eine Verantwortung hat und der Experte auf einer gemütlichen Coach sitzt und die ganze Nation ihm zuhört. Wir Trainer sind aber nicht die Blitzableiter der Nation.

Das Gegenargument lautet, dass der professionelle Sport Teil einer Unterhaltungsindustrie ist, die auch wegen der Aufregung so populär und gut mit Geld ausgestattet ist.

Nein, das ist dann keine Unterhaltung mehr. Unterhaltung bedeutet doch nicht, dass ich unter der Gürtellinie arbeite. Da muss man schon unterscheiden: Ich weiß, es gibt den Boulevardjournalismus, aber mittlerweile sind ganz normale Sender wie ARD und ZDF – zumindest im Fußball – auch mehr an Boulevard-Themen interessiert als an einer fachlich fundierten Berichterstattung. Mir könnte genau das Gleiche passieren wie Thomas Tuchel.

Der Unterschied ist vielleicht, dass Sie sehr für Ihre offene und direkte Art geschätzt werden, während Tuchel häufiger Leute kränkt oder verärgert. Im Fußball wird ständig von Qualität gesprochen und seltener von einem anderen wichtigen Merkmal: Persönlichkeit. Ist dieser Faktor eine unterschätzte Kraft im Fußball?

Wenn du Menschen mit Persönlichkeit hast, die Verantwortung übernehmen, die an Situationen arbeiten, und zwar nicht für sich, sondern für das Kollektiv, dann hast du eine große Chance, erfolgreich zu sein. Wenn ich echte Misserfolge erlebt habe – und das gab es zum Glück nicht oft –, dann hatte das eigentlich immer damit zu tun gehabt, dass Leute ohne Rücksicht auf andere ihren eigenen Weg gegangen sind. Wenn es in diesem Punkt charakterliche Veränderungen in der Mannschaft gibt, hast du meistens keine guten Aussichten mehr.

Besteht diese Gefahr beim FC?

Die Gefahr besteht immer dann, wenn der Glaube verloren geht, wenn sich in negativen Situationen der Umgang verändert. Ich glaube, wir sind hier sehr stabil. Aber im Fußball kann man nie genau sagen, was in drei Wochen oder einem halben Jahr ist, wie wir gerade an Urs Fischer sehen.

Zuletzt wurde über mangelnde Rückendeckung Ihnen gegenüber diskutiert. Trifft Sie das?

Wir haben hier ein sehr enges, aber auch kritisches Miteinander mit Christian Keller (Sportgeschäftsführer, Anm. d. Red.), Thomas Kessler (Lizenzspielerchef), meinem Trainerteam und der Mannschaft. Wir arbeiten sehr vertrauensvoll zusammen. Das bedeutet aber nicht, dass ich in einigen Wochen oder Monaten in jedem Fall noch Trainer bin, sondern es bedeutet, dass wir jetzt in dem Moment glauben, auf dem richtigen Weg zu sein.

Sie haben einmal erzählt, dass Sie bis zu Ihrem Wechsel nach Köln Sorgen hatten, was Ihre mittelfristige berufliche und auch wirtschaftliche Zukunft betrifft. Können Sie die enorme Drucksituation mittlerweile besser ertragen?

Als Spieler in der Bundesliga habe ich zwar relativ gut verdient, aber trotzdem anschließend mal eine Phase gehabt, wo ich von hundert auf null gefallen bin. Da war ich froh, jemanden zu haben, der mir finanziell geholfen hat. Außerdem hat damals die Familie komplett zusammengehalten. Es gibt genug Kollegen, die mit einem Mal zwei Jahre arbeitslos sind. Aber ich vertraue inzwischen darauf, dass ich meine Arbeit ganz gut kann, deswegen bin ich mir relativ sicher, dass ich immer irgendwo Trainer sein kann, bis ich 65 bin. Ob es Regionalliga ist, Oberliga, dritte Liga, zweite Liga. Mittlerweile bin ich sogar in der Situation, dass ich glaube, dass mein Weg nicht nur auf Deutschland begrenzt ist. Das beruhigt mich.

Es heißt, dass Ihr bis zum Sommer 2025 laufender Vertrag nicht für die zweite Liga gilt. Warum streben Sie nicht entschlossener an, treibende Kraft einer FC-Renaissance zu sein, auch wenn dafür ein Jahr in Liga zwei nötig wäre?

Ich habe nie gesagt, dass ich nicht mit in die zweite Liga gehen würde. Aber ich will nicht im November anfangen, über diesen Fall zu reden. Dann beschäftigen wir uns damit, das hilft nicht. Also reden wir über die Bundesliga und über nichts anderes.

Viele wünschen sich, dass Sie selbst in der zweiten Liga Trainer bleiben, weil angenommen wird, dass weniger Ihre Arbeit der Hauptgrund für die schwierige Saison ist als der Konsolidierungskurs und die Kaderplanung.

Mir wurde von Anfang an offengelegt, dass wir hier unter diesen Umständen arbeiten. Wir müssen gucken, dass wir den Spagat schaffen zwischen wirtschaftlicher Vernunft und sportlichem Erfolg. Es ist herausfordernd, wenn in jedem Sommer Leistungsträger verloren gehen. Andere Klubs holen sich das Geld über andere Wege. Das ist aber keiner für den FC, das haben seine Mitglieder so entschieden.

Warum haben Traditionsvereine wie Köln, Schalke oder der HSV derzeit große Probleme?

Das hat nichts damit zu tun, ob ein Klub ein Traditionsverein ist. In England gibt es zum Beispiel viele Traditionsvereine, denen geht es richtig gut.

Weil Sie von Investoren übernommen werden können. Wäre das der richtige Weg?

Ich bin beim 1. FC Köln, und der 1. FC Köln hat sich klar dazu bekannt, dass der Verein ohne so einen Partner auskommen möchte. Diesen Weg ­gehen wir.

Nach der Länderspielpause kommen die ­Bayern. Da droht eine Demütigung wie beim 6:0 in Leipzig, das tiefe Spuren hinterlassen hat. Freuen Sie sich auf dieses Duell?

In so einem Spiel am Rand stehen zu dürfen in der Bundesliga, mehr geht nicht, und in den ­vergangenen beiden Jahren waren alle Duelle mit den Bayern sehr besonders.

Das Gespräch führte Daniel Theweleit.