Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit
Noch ist unklar, wer den 1. FC Köln in der Fußball-Bundesliga trainieren wird. Friedhelm Funkel wäre bereit, weiterzumachen. Aber rund um den 71-Jährigen stellen sich einige Fragen.

Welche Hintergedanken Torsten Lieberknecht zu seiner Empfehlung an den soeben in die Bundesliga aufgestiegenen 1. FC Köln bewogen, wird sich wohl nie aufklären lassen. Aber der Scharfsinn in seinen Worten war nicht zu überhören. Ob er den Kölnern empfehlen könne, auch in der Bundesliga mit Friedhelm Funkel weiterzuarbeiten, wurde der Trainer des 1. FC Kaiserslautern gefragt. Der erwiderte, Funkel sei „topfit, da ist kein Gramm Fett dran, der kann feiern wie ein Biest“, also: „Macht die Schatulle auf und haltet den hier fest.“
Die Sache mit dem Feiern war zweifelsohne wichtig in diesem Augenblick, als nach dem 4:0 gegen Kaiserslautern die Rückkehr in die Bundesliga vollendet war. Dass Lieberknecht Aspekte wie die Partytauglichkeit und den Bauchumfang des Kollegen erwähnte, statt auf die fachliche Eignung Funkels einzugehen, war jedoch auch ein verborgener Hieb gegen den guten alten FC, der in einem interessanten Zustand in die Bundesliga zurückkehrt. Denn die fachliche Vernunft hatte es zuletzt eher schwer an diesem Standort.
Finanziell ist der Traditionsverein nach Jahren des Sparens saniert, die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine blühende Zukunft sind bestens. Aber es gibt bislang keinen Chefcoach für das Team, und auch der Posten des für den Sport zuständigen Geschäftsführers ist nach der Entlassung von Christian Keller seit zwei Wochen vakant. Das Präsidium befindet sich zwar noch im Amt, wird aber nicht zur Wiederwahl vorgeschlagen, wenn die Mitglieder im September eine neue Klubspitze küren.
Auch wenn Präsident Werner Wolf stets betont, dass der FC „voll handlungsfähig“ sei, ist im Inneren des Klubs nicht nur ein Macht-, sondern auch ein Kompetenzvakuum entstanden, in das nun all die Emotionen hineinströmen, die der Aufstieg ausgelöst hat. „Ab morgen fangen wir an, darüber nachzudenken, wie die Zukunft aussieht“, sagte Wolf, und der Interimssportchef Thomas Kessler erklärte, er könne zur Trainerfrage vorerst „überhaupt nichts sagen“.
Aber nicht nur Lieberknecht huldigt Friedhelm Funkel, auch viele Kommentatoren, die den Klub journalistisch begleiten, empfehlen den Ruheständler als Gesicht der Zukunft. Sogar die Spieler scheinen nicht abgeneigt: Es sei dem 71 Jahre alten Fußballlehrer gelungen, eine „gewisse Spielfreude reinzukriegen, ein bisschen Freiheit“, sagte der Stürmer Luca Waldschmidt. „Was Friedhelm reingebracht hat, kann man nicht in Worte fassen. Wir hätten nichts dagegen, wenn er noch ein Jahr bleibt“, ergänzte der Verteidiger Dominique Heintz.
Funkel lobte zunächst seinen Anfang Mai entlassenen Vorgänger Gerhard Struber, der 32 Spieltage für die Mannschaft verantwortlich war. Er selbst habe „nur das i-Tüpfelchen“ hinzugefügt, ein viel „größerer Anteil“ am Aufstieg sei dem Österreicher zuzuschreiben, sagte Funkel. Dann stellte er aber ziemlich unmissverständlich klar, dass er schon gerne weitermachen würde: „Jeder weiß, wie ich zu diesem Verein stehe. Wir sind aufgestiegen, und es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. (…) Ich bin für alles offen, möglicherweise auch dafür, weiterzumachen. Ich kann mir das vorstellen.“
Tatsächlich hat Funkel die zuletzt entstandene Verkrampfung gelöst, die aufkommenden Selbstzweifel beseitigt und das Team mit einer kölnischen Unbeschwertheit ausgestattet. Solche Dinge sind wichtig in dieser Stadt, deren Bewohner auch deshalb mit dem Geschäftsführer Christian Keller fremdelten, weil dieser wenig nahbar war und manchem schlicht zu vernünftig, zu kühl kalkulierend erschien. Funkels Direktheit würde dem aufgewühlten Klub auch in der Bundesliga helfen. Zugleich ist er aber noch nie als großer Entwickler in Erscheinung getreten.
Funkel ist eher ein Vertreter eines einfachen Fußballs, der im Hier und Jetzt funktionieren soll, und ist stark darin, eine konstruktive Stimmung im Team und im dazugehörigen Umfeld zu erzeugen. Auch das kann sehr wertvoll sein. Aber die Kölner Vision von einer erfolgreichen Fußballmoderne enthält viele Ideen, die auf den ersten Blick gar nicht sichtbar sind.
Im Klub sind zuletzt Projekte vorangetrieben worden, in deren Rahmen künstliche Intelligenz beim Scouting helfen soll. Zudem sollen verstärkt junge, selbst ausgebildete Spieler ins Profiteam integriert werden, dazu wurde eine spezielles Leihspieler-Konzept erdacht. Am Sonntag wurde die U 19 erstmals seit 54 Jahren wieder Deutscher A-Jugendmeister, die U 17 steckt ebenfalls voller Talente.
Es ist gut möglich, dass Funkel sich besser für den Posten als Kölner Bundesligatrainer eignet als viele Kollegen, die in Frage kommen. Ungewiss ist hingegen, ob dieser Coach zu dem Weg passen würde, den der FC längerfristig eingeschlagen will. Der FC St. Pauli etwa entdeckte nach dem Aufstieg vor einem Jahr den Trainer Alexander Blessin in Belgien. Oder wäre es klug, die Vision doch noch einmal zu überdenken, weil solche innovativen Zukunftskonzepte eher zu Freiburg passen als zu Köln?
All diese Fragen sollten schnell beantwortet werden, denn offenkundig ist auch, dass grundlegende Umbauarbeiten am Kader erforderlich sind, um ein stabiles Fundament für den Klassenverbleib entstehen zu lassen. Zunächst muss jedoch geklärt werden, wer überhaupt die Entscheidungen trifft. Interimssportchef Kessler? Das im September nicht mehr existierende Präsidium? Der neue Sportchef, der noch nicht gefunden wurde? Willkommen zurück, 1. FC Köln.