Kasse statt Klasse

09. August 2022

Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit

Der 1. FC Köln verliert seinen Toptorjäger Anthony Modeste an Dortmund. für den angeschlagenen Verein birgt der Transfer einige Chancen – und große Risiken.

Brille als Markenzeichen:
Auf dieses Weise feiert Anthony Modeste künftig beim BVB seine Tore. Foto imago

Inmitten all der ambivalenten Empfindungen, die Steffen Baumgart am Sonntagabend erfüllten, war der Trainer des 1. FC Köln zumindest in einem Punkt vollkommen klar. „Mich kotzt es an, dass so etwas ausgerechnet am Spieltag rauskommt“, sagte er, nachdem wenige Stunden vor dem 3:1-Sieg über Schalke 04 im Internet mehrere Eilmeldungen zum bevorstehenden Wechsel von Anthony Modeste zu Borussia Dortmund erschienen waren.

Die Mannschaft wurde überrumpelt, Baumgart strich seinen Torjäger, der morgens beim Anschwitzen noch dabei war, umgehend aus dem Kader und sagte später: „Wir kommen damit vier Stunden vor dem Spiel in eine schwierige Situation, und ich habe als Trainer die Arschkarte.“ Dass er mit Modeste einen wichtigen Spieler verliert, den 20-Tore-Helden der Vorsaison, schien Baumgart viel weniger zu ärgern als die Indiskretion, die seine Spieltagsplanung durcheinandergeworfen hatte.

Ob die Information aus einer Kölner Quelle – was Baumgart nicht glaubt –, aus einem Dortmunder leck oder aufgrund der Redseligkeit im persönlichen Umfeld Modestes an die Öffentlichkeit geriet, ist unbekannt. In jedem Fall wird der Ärger über diesen Vorfall schneller verfliegen als die Kölner sorgen über den Qualitätsverlust im Kader, den dieser Transfer mit sich bringt. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es in den kommenden Wochen regelmäßig Momente geben, in denen Beobachter und Anhänger sich fragen, warum die Rheinländer nicht einfach darauf bestanden haben, dass Modeste bleibt. Schließlich gab es einen bis einschließlich 30. Juni 2023 laufenden Vertrag und etliche andere gute Argumente für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit. der 34 Jahre alte Franzose war am geißbockheim der wohl bestbezahlte Profi im Team, um seine Zukunft muss er sich nach seiner Karriere kaum sorgen. außerdem hat der FC exzellente Chancen, sich für die Gruppenphase der Conference League zu qualifizieren, und Modeste war bei allen anderen Klubs, für die er in den vergangenen Jahren spielte, weniger erfolgreich und oft auch unglücklich. warum also verlässt er nun seine Wohlfühlstadt? Sportgeschäftsführer Christian Keller beantwortete die Frage nach den Motiven von Spieler und Verein am Sonntag erstaunlich unaufgeregt: „Fakt war, es gab relativ viele Gründe dafür, dem Transfer zuzustimmen, und relativ wenige, die dagegengesprochen haben, es ihm zu ermöglichen.“

Gewiss verdient Modeste in Dortmund noch mehr als die 3,5 Millionen Euro, die die Kölner ihm pro Jahr angeblich haben überweisen müssen. Außerdem kann er mit dem BVB, wo er den an einem Hodentumor erkrankten Sébastien Haller ersetzen soll, in der Champions League und vielleicht sogar um Titel spielen. Und die Kölner brauchen das Geld. ohne ihre wirtschaftlichen Zwänge hätten die Verantwortlichen am Geißbockheim den Wechselwunsch ihres Stars sicher frühzeitig einfangen können. „es ist bekannt, dass insgesamt das Gehaltsgefüge etwas sinken sollte und auch der eine oder andere Transfer uns nicht schlecht täte“, erläuterte Keller. „zu beiden Aspekten“ werde mit diesem deal „sicher ein Beitrag geleistet“. Deshalb wurde nie klar gesagt: du bleibst auf jeden Fall und sollst auch kommenden Jahr eine tragende Säule der Mannschaft bleiben, keine Diskussion! stattdessen hat die Vereinsführung Modeste das Gefühl gegeben, zwar sehr wichtig auf dem Platz, wirtschaftlich durch sein Gehalt aber eine große Belastung zu sein. Wo die Prioritäten liegen, ist klar. „Gesundung ist unser Hauptauftrag“, erklärte Keller am Sonntag, während Baumgart von einem „weg“ sprach, den der Klub eingeschlagen hat und den auch er richtig findet.

Das Präsidium hat gemeinsam mit dem neuen Finanzgeschäftsführer Philip Türof und mit Keller, der aus Regensburg nach Köln kam, beschlossen, zwei Jahre der Entbehrungen in kauf zu nehmen. so sollen die Einnahmeausfälle aus den pandemie-jahren und die folgen einiger weniger guter Entscheidungen der Vergangenheit bewältigt werden. Bis 2024 könnten die Altlasten beseitigt sein, „damit wir uns in zwei Jahren wieder frei bewegen können“, sagte Präsident Werner wolf bei der Saisoneröffnung, und Keller bezeichnete den Klub schon bei seiner Vorstellung im April offen als „sanierungsfall“. Die knapp zehn Millionen Euro, die die Kölner durch die Ablöse für Modeste und die Gehaltseinsparung einnehmen, sind da eine wichtige Maßnahme, auch wenn das Risiko groß ist.

In Salih Özcan hat der Klub schon einen anderen Topspieler der erfolgreichen Vorsaison abgegeben, und unter den Neuzugänge befindet kein einziger richtig gestandener Bundesligaspieler. Baumgart wollte sich nicht beklagen und verwies auf die Bedeutung des Kollektivs: „Wir wissen, was wir an Toni gehabt haben, aber ich glaube, dass man jetzt über die Jungs reden soll, die hier sind.“ allem Anschein nach hat der Verein schon den ganzen Sommer über mit diesem Verkauf geliebäugelt und laut Keller im Kader „vorgebaut“. Mit Steffen Tigges vom BVB und Sargis Adamyan (Hoffenheim) wurden zwei neue Stürmer unter Vertrag genommen, die auf Modestes Position eingesetzt werden können. und in der Partie gegen schalke war zu sehen, dass diese Mannschaft auch ohne den gefeierten Starstürmer viel Torgefahr erzeugen kann: erstaunlicherweise traf der FC nicht nur drei mal, sondern schoss auch 30 mal aufs Tor. Häufiger als in jeder Partie der Vorsaison mit Modeste.