Köln freut sich auf Arsenal

14. September 2017

Beitrag auf faz.net von Richard Leipold

Die Verantwortlichen von Arsenal blicken dem Besuch aus dem Rheinland nicht ganz ohne Sorgen entgegen. In London werden mehr als 10.000 FC-Fans erwartet und Trainer Stöger ist schon früh als Krisenmanager gefragt.

Auf dem Fußballplatz hat der 1. FC Köln seinen Gegnern zuletzt keinen Respekt eingeflößt. Dennoch blicken die Verantwortlichen von Arsenal London dem Besuch aus dem Rheinland nicht ohne Sorge entgegen. An diesem Donnerstag werden mehr als 10.000 FC-Fans in der englischen Hauptstadt erwartet, die ihrer Lieblingsmannschaft beim ersten Kölner Europacupspiel nach 25 Jahren so nahe wie möglich sein wollen, obwohl sie keine Eintrittskarte ergattert haben. Insgesamt waren beim „FC“ mehr als 20.000 Kartenwünsche eingegangen.

Das Privileg, die Mannschaft im Stadion zu unterstützen, wird nur 3000 Kölner Anhängern zuteil. Und dabei soll es, schon aus Sicherheitsgründen, bleiben. Also warnt Arsenal deutsche Schlachtenbummler davor, Karten auf dem Schwarzmarkt zu erwerben. „Bitte beachten Sie, dass Gästefans, die sich ein Ticket in den Heimblöcken beschaffen, wahrscheinlich des Stadions verwiesen werden“, heißt es auf der Internetseite des Klubs. Die Entscheidung sei in Rücksprache mit der Polizei getroffen worden, „um sicherzustellen, dass wir den Anforderungen der Zuschauertrennung entsprechen“.

Nach einem Vierteljahrhundert im Abseits des internationalen Fußballs ist die Vorfreude der Kölner so groß, dass nicht einmal der schlechteste Bundesligastart der Vereinsgeschichte sie zu trüben vermag. Nach drei Spieltagen steht der FC als einzige Mannschaft ohne einen einzigen Punkt am Tabellenende. Sogar Jörg Schmadtke, der die Geschäfte mit ruhiger Hand zu führen pflegt, wählte jüngst eine drastische Formulierung. Wenn es darum ginge, das Erreichte jetzt zu bewerten, „würde ich sagen, die Saison ist Scheiße“, sagte der Sportchef.

Dass die Kölner seit dem Verkauf des Stürmerstars Anthony Modeste erst ein Tor geschossen haben, schmälert die sportliche Eröffnungsbilanz zusätzlich und drückt auf die Stimmung. „Der Klub schleppt diese Modeste-Diskussion mit sich herum“, sagt Schmadtke. Die Offensivspieler um den neuen Angreifer Jhon Córdoba hätten darunter zu leiden, dass ihnen der vermeintliche „Über-Stürmer Modeste im Nacken hängt“. Der französische Torjäger, der nach China abgewandert ist, hatte in den vergangenen beiden Spielzeiten insgesamt vierzig Treffer erzielt.

Sogar mit Modeste in ihren Reihen wären die Kölner in London Außenseiter. Arsenal gehörte viele Jahre lang zum Inventar der Champions League, hat die Qualifikation für die europäische Königsklasse ausnahmsweise verpasst und gilt rein rechnerisch als stärkste Mannschaft der Europa League, auch ohne den deutschen Mittelfeldstrategen Mesut Özil, den Trainer Arsène Wenger offenbar schonen will. Eine Schwierigkeit, die zuletzt im Alltag auftrat, dürfte den Kölnern in London allerdings nicht zu schaffen machen. Gegen Hamburg und in Augsburg versuchten sie vergeblich, einen hohen Ballbesitzanteil effektiv zu nutzen. In diese Verlegenheit dürften die FC-Profis nicht geraten.

Auch wenn vieles gegen einen (Teil-)Erfolg der Kölner spricht, wollen sie sich die Vorfreude auf das Projekt „Return of the Goat“ (Rückkehr des Geißbocks, so der Titel eines Videoclips von Fans auf Facebook) nicht verderben lassen. „Der Verein hat 25 Jahre auf diesen Moment gewartet. Den sollen alle genießen, den werden wir uns nicht von den ersten drei Wochen kaputtmachen lassen. Und natürlich können wir die Trendwende schaffen“, sagt Torhüter Timo Horn, der als gebürtiger Kölner die Fanseele gut kennt, auch wenn er beim bislang letzten Europapokalspiel im September 1992 bei Celtic Glasgow noch gar nicht geboren war.

Die Kölner hoffen, mit den Eindrücken eines für sie außergewöhnlichen Erlebnisses die Ergebnisse der ersten drei Wochen besser verarbeiten zu können. Das Fortkommen in der Europa League wird sich gewiss nicht im Auswärtsspiel gegen den Gruppenfavoriten entscheiden. Aber ein beherzter Auftritt könnte Mut machen für die Rückkehr in den Bundesliga-Alltag. „Wir können in Selbstmitleid verfallen oder jede Aufgabe als Chance sehen“, sagte Cheftrainer Peter Stöger am Mittwoch vor dem Abflug. „Wir wollen dort gewinnen, sonst brauchten wir gar nicht hinzufliegen.“

Nach vier Jahren im Klub ist der österreichische Fußball-Lehrer zum ersten Mal so früh in einer Saison als Krisenmanager gefragt, wirkt dabei aber so gelassen wie zu besseren Zeiten. Passend zum Reiseziel des Teams hat Stöger zumindest einen neuen Spitznamen. In Anlehnung an seine Kollegen aus der Premier League, José Mourinho („The Special One“) und Jürgen Klopp („The Normal One“), ist der FC-Trainer nun der „The Austrian One“.