Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit
Im Derby gegen Mönchengladbach reicht es für den 1. FC Köln wieder nicht zum Sieg. Der Sportchef distanziert sich anschließend in bemerkenswerter Deutlichkeit von Trainer Lukas Kwasniok.
Die Beratungen liefen an diesem Sonntagnachmittag noch, aber die Tendenz war immer klarer geworden in den Stunden nach dem 3:3 zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach. Erstaunlich entschlossen hat sich Sportchef Thomas Kessler im Nachgang des Derbys von Lukas Kwasniok distanziert. Nichts Neues beim FC, können Spötter nun sagen. Irgendwann fällt hier in fast jedem Spieljahr der Trainer in Ungnade. Und dennoch liegt dieser Fall etwas anders.
Das Duell mit dem Rivalen vom Niederrhein war nämlich keiner dieser emotionalen Tiefpunkte, die einer Trainerentlassung üblicherweise vorausgehen. Die Mannschaft wurde wohlwollend vom Publikum verabschiedet. Auch nennenswerte „Trainer raus“-Bekundungen gab es nicht, das Spiel hatte alle mitgerissen und mit Eric Martels Treffer zum 3:3 in der 86. Minute auch einen Schlusspunkt, der den Kölnern gefallen hat.
Insofern überraschte die eindeutige Stoßrichtung, mit der Kessler die Lage einordnete: „Unterm Strich ist der Punkt heute zu wenig“, sagte der für den Sport zuständige Geschäftsführer und griff zu ein paar Klassikern, die die Fußballsprache zur Vorbereitung von Trainerentlassungen bereithält: „Wir müssen das nüchtern und sachlich analysieren“, „eine Nacht drüber schlafen“, denn: „Die Tabelle lügt nicht.“
Die Anspannung ist enorm. Die lange Serie mit nur zwei Siegen in den vergangenen 19 Spielen hat die Abstiegsgefahr immer größer werden lassen. „Klar ist, dass du irgendwelche Stellschrauben sehen musst, damit du wieder in der Lage bist, ein Fußballspiel zu gewinnen“, sagte Kessler, es gehe jetzt darum, „in der Länderspielpause mal einen Schritt zurückzugehen und rational auf Dinge zu schauen.“
Diese 13 Tage bis zur Partie in Frankfurt am Ostersonntag spielen eine zentrale Rolle in den Überlegungen. Sie wären noch mal ein günstiger Zeitpunkt für einen Trainerwechsel in dieser Saison. Das ändert aber nichts an der Komplexität der Kölner Lage, in der manche Argumente für und auch einige gegen Kwasniok sprachen.
Die Mannschaft funktioniert, spielt immer wieder gut, bietet beste Unterhaltung und hat sich offenkundig nicht mehrheitlich von Kwasniok abgewendet. „Wir trainieren echt gut, jeder reißt sich den Arsch auf. Auch wie wir spielen, ist von den Leistungen her gut“, sagte Martel. Damit sprach er genau die Faktoren an, die ein Trainer mit seiner Facharbeit beeinflussen kann, und sogar Kessler erklärte: „Wir haben heute auch wieder gesehen, dass der Trainer die Mannschaft so einstellt, dass wir nach dem 0:1 schnell wieder zurückkommen konnten. (…) Das hat mir gut gefallen.“
Zwischenzeitlich hatte der FC den frühen Rückstand mit sehr sehenswerten Toren von Said El Mala und Ragnar Ache in eine Führung gedreht. Aber das reichte eben nicht, was auch damit zu tun hat, dass hinter der Kölner Trainerfrage ein paar übergeordnete Themen liegen.
Kessler ist der Hauptverantwortliche für die Kaderplanung, für die er im Herbst noch von allen möglichen Experten geradezu gefeiert worden war. Der Kaderumbau von einem eher destruktiv, vorsichtig und unattraktiv spielenden Zweitligateam zu einer mutig agierenden Bundesligamannschaft ist zweifellos gelungen. „Ich glaube, alle beteiligten Personen haben die absolute Überzeugung, dass wir mit der Qualität, mit der wir beisammen sind, die Klasse halten können“, betonte Kessler am Samstag, was im Subtext heißt: An ihm liegt es nicht, also muss es am Trainer liegen.
Kessler hat tatsächlich eine tolle Offensive zusammengestellt. Ache funktioniert, El Mala gehört zu den Entdeckungen der Saison, Jakub Kaminski hebt das Niveau des gesamten Spiels mit Ball. Sogar Isak Johannesson wird langsam besser. Leicht übersehen wird bei der Bewertung von Kesslers Kaderplanung jedoch, dass die Abwehr insgesamt eher schwächer ist als dieser Mannschaftsteil bei den anderen Abstiegskandidaten. Ist der Kader also in Teilen sehr gut, aber vielleicht nicht ausgewogen genug? Mag sein. Hinzu kommt jedoch, dass Kessler Kwasnioks Wirkung auf einen Klub, ein Team und eine Öffentlichkeit offenbar falsch eingeschätzt hat.
Es war bekannt, dass dieser Trainer aneckt, dass er Angriffsflächen bietet. Seit mehreren Monaten kursieren Berichte und Gerüchte über Teile des Kaders, die Kwasniok zunehmend kritisch betrachten. Die Mannschaft stehe hinter ihm, sonst würde sie „doch nicht so performen, wie sie performt“, lautet das Gegenargument des Trainers. Wer Kwasniok aber genauer beobachtet, der weiß, dass dieser Mann viel redet und dabei nicht immer das beste Gespür für die Perspektiven und Empfindungen seiner Mitmenschen hat.
Besonders deutlich wurde das, als er das Kölner Publikum recht offen dafür kritisierte, nach einem medizinischen Notfall den Support eingestellt zu haben. Nebenbei verknüpfte er dieses Thema recht ungeschickt mit den beeindruckenden Worten, die Bayern Münchens Trainer vor einigen Wochen zum Thema Rassismus im Fußball und im Alltag gewählt hatte. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um zu ahnen, dass Kwasniok auch in der Kabine schon Zuhörer verstört hat.
Der „Express“, dessen Reporter täglich am Geißbockheim unterwegs sind, berichtet überdies, dass Kwasnioks „Kommunikation mit den Profis teilweise aufs Minimum reduziert“ worden sei. Wichtigste Ansprechperson für einige Profis soll demnach mittlerweile der Assistenztrainer René Wagner sein, der am Sonntag bei einer möglichen Freistellung von Kwasniok als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge galt.
Und dennoch wäre es vorstellbar gewesen, dem Trainer jetzt den Rücken zu stärken, der Mannschaft zu sagen, dass sie sich zusammenreißen muss, weil eben vieles für Kwasniok spricht. Der hat nämlich schon recht, wenn er darauf hinweist, dass sein Team trotz guter Leistungen oft Pech hat, nicht zuletzt mit Schiedsrichterentscheidungen. Er sei von der Kölner Mannschaft überzeugt und glaube an das Projekt Klassenverbleib, sagte er am Samstag und rief seinen Vorgesetzten zu: „Du musst erst mal einen finden, der mehr Überzeugung in sich trägt. Ich werde mit allem, was ich habe, um diesen Job kämpfen.“