Königlicher Fleißarbeiter

14. Dezember 2020

Beitrag in der Süddeutschen von frank Hellmann

Kölns Aufschwung hält an – auch dank Elvis Rexhbecaj

Mainz – Irgendwo mussteMarkus Gisdol mit der Erlösung nach der Anspannung ja hin. Der Trainer des 1. FC Köln entschied sich spontan dazu, nach dem am Ende schwer erzitterten 1:0-Auswärtssieg beim FSV Mainz 05 die Hände in Boris-Becker- Manier zu Fäusten zu ballen und auf dem Rasenkurzin dieKnie zu gehen. Erempfinde„ große Freudeüber eineweitgehendstabile Leistung“, sagte Gisdol hernach. Zugleich schwang viel Erleichterung mit, seinen Siegtorschützen Elvis Rexhbecaj nicht vor dessen entscheidender Aktion vom Feld genommen zu haben. Der nach langer Zwangspause noch nicht fitte Altstar Anthony Modeste, 32, empfing bereits Anweisungen für seinen Einsatz – und eigentlich hätte der Fleißarbeiter Rexhbecaj, 23, Platz machen sollen. Der spurtete indes lieber noch mal nach vorne, nahm das Zuspiel von Ondrej Duda zwar nicht perfekt an, brachte den Ball dann aber mit einem anspruchsvollen Linksschuss im Tor unter (55.). Klar, dass Gisdol kurzerhand wiederumdisponierte. „Ich weiß nicht, ob die Spieler immer zur Seitenlinie schauen“, erklärte der 51-Jährige und fügte mit einem Grinsen hinzu: „Vielleichtkönnen wir das in Zukunft öfter so machen, dass wir einen Stürmer zu uns holen, und dann treffen wir.“ Modeste stapfte zurück und kam erst fünf Minuten später für den 18-jährigen JanThielmann, derweil MatchwinnerRexhbecaj noch ein bisschen länger in den kanariengelben Auswärtstrikots weiterspielen durfte. Der vor einem Jahr vom VfL Wolfsburg ausgeliehene Allrounder verdiente sich mit vielen guten Aktionen mit undgegendenBall das Prädikat als „Mitarbeiter des Tages“ – kurzerhand umgetauft in „King Elvis“. SolcheWortspiele kenne er schon, beschied derMatchwinner.Undweder sein Tor noch seine Leistungwollte der Profi, der im Alter von zwei Jahren mit der vor dem Kosovokrieg flüchtenden Familie nach Deutschland gekommen war, besonders gewürdigt wissen. „Es ist scheißegal, wer das Tor macht. Wir nehmen die drei Punkte mit nach Hause“, sagte er. Reichte ja auch, dass sein Trainer ihm reichlich Komplimente machte: „Elvis ist für uns ein sauwertvoller Spieler. Er ist sich fürkeinen Weg zu schade.“ Und noch etwas gefällt Gisdol: „Man sollte nicht unterschätzen, wie gut er seine Mitspieler coacht. Er lebt Fußball. Er lebt unser Spiel.“ Tatsächlich taugt die Kölner Nummer 20 gerade als Symbolfigur des Aufschwungs: Lernfähig und leidenschaftlich tritt er auf, willensstark und wehrhaft. Mit diesenZutaten sehen die Rheinländer mittlerweile wieder gewappnet für den rauen Alltag in der Liga. „Das Team hat unglaublich viel investiert. Fußballerisch war es nicht einfach“, analysierte Gisdol. Mit seiner Systemumstellung auf eine Dreierkette, in der in Sava-Arangel Cestic, 19, der nächste Youngster in die Stammelf drängt, hat der gebürtigeSchwabeparallel seinEnsemble stabilisiert und seinen Job gefestigt, nachdem in Köln bereits Gerüchte über eine Rückkehr von Peter Stöger die Runde machten.  #

Torwart Horn verbucht einen persönlichen Befreiungsschlag

Der im Rückblick vielleicht gar nicht mehrso sensationelleAuswärtssieg bei Borussia Dortmund (2:1) löste vor zwei Wochen die mentalenBlockaden. Gisdolempfahl jedoch keinerlei Überschwang: „Es ist noch nichts passiert. Es kann in alle Richtungen gehen.“ Trotz des Aufwärtstrends mit sieben Zählern aus den jüngsten drei Partien ist es nicht vollkommen abwegig, dass vor Weihnachten keine Punkte mehr dazukommen: Mittwoch steht das Derby gegen Leverkusen an, dann geht es zu RB Leipzig. „Wir wussten, wie wichtig dieses Spiel ist. Gerade vor den kommenden Partien war das ein ganz wichtiger Sieg gegen einen direktenKonkurrenten im Abstiegskampf“, sagte Kapitän Timo Horn. So abgeklärt der gebürtigeKölner die Lage zusammenfasste, so gekonnt hatte der Torwart inderMainzer Sturm-und-Drang- Phase gehalten, alsdieGäste einer gelb-roten Karte gegen OndrejDuda(76.) bis in die fünfte Minute der Nachspielzeit in Bedrängnis gerieten. So blieben sie erstmals seit 21 Spielen ohne Gegentor, was der tadellose Tormann Horn, 27, als persönlichen Befreiungsschlag verbuchen konnte. Eine „hervorragende“ Vorstellung attestierte Gisdol seinem zuletzt oft kritisierten Keeper, und fügte an: „Timo hat einen großen Schritt nach vorne gemacht. Es ist toll, ihn so zu sehen.“