Beitrag auf ksta.de von Christian Löer
Es war gegen 17 Uhr, als es laut wurde im Rhein-Energie-Stadion, ohne dass auf dem Rasen Nennenswertes vor sich ging. Irritiert hob Matthias Lehmann den Blick zur Anzeigetafel. „Ich dachte, es sei etwas Krasses passiert“, sagte der Kapitän des 1. FC Köln später. Und es war ja etwas passiert: Der FC Bayern hatte in Überzahl in Frankfurt das 2:2 kassiert. Spektakulär.
Der 1. FC Köln lag plötzlich nur noch zwei Punkte hinter dem Rekordmeister. Und die Leute lagen sich am Samstagnachmittag in den Armen und sangen: „Deutscher Meister FC“.
Die Kölner sind ins Zentrum des deutschen Fußball-Interesses gerückt, und allenthalben tauchen nun Leute auf, die nicht nur die Gründe der sportlichen Erfolge benennen können. Sondern auch die Kölner Seele verstanden zu haben glauben.
Und da wird es schwierig. Denn die Reaktion auf den Frankfurter Ausgleich als das Signal zum Angriff auf die Bayern zu interpretieren, als Triumphgeheul gar im Sinne von: „Jetzt haben wir sie!“ – das ist nicht nur sagenhaft humorlos. Es beleidigt auch die Anhänger eines Vereins, der, verkürzt gesagt, 20 Jahre lang überwiegend ausgemachten Mist geboten hat und trotzdem zu jedem Heimspiel 50 000 Zuschauer begrüßt.
Denn die scheinbare Kölner Lust am Untergang ist ebenso Teil der Folklore wie die Bereitschaft zur totalen Begeisterung. Was am Samstag gegen 17 Uhr durchs Stadion rollte, das war kein Jubel. Das war Gelächter. Denn kein FC-Fan sieht seine Mannschaft derzeit ernsthaft in der Position, die Bayern zu jagen. Lustig ist die Vorstellung dennoch.
Nichts davon ist ernst gemeint. Die Fans erfreuen sich daran, dass der FC erfolgreich spielt. Und natürlich träumen sie davon, dass es so bleibt. Doch das würden sie auch tun, wäre der FC Bayern Tabellen-Zwölfter.
Die Frage an die sportlich Verantwortlichen, wie man nun die Euphorie in der Stadt zu bremsen gedenke, haben sowohl Jörg Schmadtke als auch Peter Stöger zuletzt immer wieder zurückgewiesen. Denn warum sollte man Menschen bremsen, die sich am Spiel eines Vereins erfreuen, der ihnen jahrzehntelang die Wochenenden versaut hat?
Das Klischee vom realitätsfernen Kölner ist einfach zu schön, um es zu überdenken. Am Leben erhalten wird es offenbar von Zugereisten, die ihr Kölnbild anhand von im Fernsehen übertragenen Karnevalssitzungen gestalten.
Diese Leute sollten vielleicht einmal tatsächlich nach Köln kommen. Außerhalb des Karnevals. Vielleicht im nächsten Frühjahr.
Zur Meisterfeier natürlich.