Komplette Umkehrung der Verhältnisse beim 1. FC Köln

14. August 2025

Beitrag auf FAZ.net von Stephan Klemm

Der 1. FC Köln agiert auf dem Transfermarkt so offensiv wie lange nicht mehr. Die Fans sind begeistert. Woher hat der Bundesliga-Aufsteiger das Geld dafür?

Es waren aufregende Tage Anfang Mai im Zentrum des 1. FC Köln, als die lethargisch und schläfrig wirkende Führung des Zweitligaklubs kurz vor dem Saisonfinale doch noch zu erwachen schien. Weil sie spürte, dass etwas in die falsche Richtung lief. Der Aufstieg, Wochen zuvor bereits greifbar nahe, war nach fünf Punkten aus den jüngsten fünf Spielen akut gefährdet. Die Klubführung handelte, Trainer Gerhard Struber wurde entlassen. Und auch Christian Keller wurde freigestellt, der kontrovers betrachtete Geschäftsführer, der den Klub finanziell zwar konsolidierte, auf dem Transfermarkt aber erfolglos agierte.

Thomas Kessler, einst Torwart des Klubs, übernahm die sportliche Leitung und verpflichtete Friedhelm Funkel für die beiden abschließenden Saisonspiele. Mit dem Veteran gewann der FC sechs Punkte und schaffte den Aufstieg. Köln war eine Partyzone. Und Kessler neben Funkel der große Gewinner. Während der Trainer durch Lukas Kwasniok (zuvor SC Paderborn) ausgetauscht wurde, durfte Kessler bleiben. Er wurde zum Sportdirektor befördert und leitete eine komplette Umkehrung der Verhältnisse ein. Seitdem agiert der FC sehr offensiv auf dem Transfermarkt. Er kann es wieder, weil die auch Keller angelastete und im Dezember 2023 ausgesprochene Transfersperre überwunden ist.

Zwölf Spieler abgegeben, zehn Spieler geholt

Kessler baute den Kader von Mai an konsequent um und präsentierte regelmäßig Spieler. Zehn neue sind es inzwischen, darunter die in den Tests bereits überzeugenden Tom Krauß, Jakob Kaminski (beide sind ausgeliehen) sowie Sebastian Sebulonsen und Marius Bülter. Der zuletzt zum FC gelotste Innenverteidiger Rav van den Berg wiederum ist bisher Kesslers größter Transfercoup. Der Niederländer kommt für kolportierte 8,5 Millionen Euro aus Middlesbrough und ist der Wunschspieler des Sport­direktors. Insgesamt hat der FC bereits 23 Millionen Euro in sein neues Team investiert.

Die Finanzierung des Umbruchs ermöglichen vor allem die zahlreichen Abgänge. Der Wechsel des Stürmers Da­mion Downs zum FC Southampton bringt bis zu neun Millionen Euro, der Transfer von Linksverteidiger Max Finkgräfe nach Leipzig weitere vier Millionen. Bereits im Winter gab der FC Torhüter Jonas Urbig für sieben Millionen Euro an den FC Bayern ab. Insgesamt belaufen sich die Einnahmen derzeit auf gut 21 Millionen Euro.

Zwei Millionen Euro für Florian Wirtz

Hinzu kommen nicht erwartete Gelder aus einer erfolgreichen Pokalsaison, die erst im Viertelfinale endete. Plus zwei Millionen Euro aus dem Weiterverkauf des in der FC-Jugend aktiven Florian Wirtz nach Liverpool. Vizepräsident Eckard Sauren sagte kürzlich dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Jetzt haben wir uns das erste Mal seit Langem in einer Transferperiode ein angemessenes Budget erarbeitet.“

Sehr bemüht ist Kessler zudem, Ladenhüter ohne großes Bundesliga-Po­tential zu veräußern. Bei Stürmer Steffen Tigges gelang dies bereits, er wechselte für eine Ablösesumme von 400.000 Euro zum Zweitligaklub Paderborn. Für den im Winter gekommenen bosnischen Angreifer Imad Rondic, der für 1,5 Millionen Euro aus Lodz nach Köln wechselte, sucht der FC noch einen Abnehmer. Das Problem: Der in der zweiten Liga enttäuschende Rondic erhielt von Keller einen Viereinhalbjahresvertrag, der erst 2029 endet.

Bedauerlich aus Kölner Sicht ist aus dem Kreis der zwölf Abgänge neben Torjäger Downs und dem großen Talent Finkgräfe der ablösefreie Wechsel des beim FC zuletzt erfolgreichen Stürmers Tim Lemperle nach Hoffenheim. Downs und Lemperle – beiden erzielten in der abgelaufenen Saison zehn Tore – sollen durch Ragnar Ache (kam aus Kaiserslautern) und Marius Bülter (zuvor Hoffenheim) ersetzt werden.

Zwölf Spieler abgegeben, bisher zehn geholt, davon einige Leihspieler wie Abwehrkraft Cenk Özkabar vom FC Valencia, Kristoffer Lund aus Palermo oder Krauß und Kaminski – allein die Tatsache, dass der Klub sich so breit neu aufstellt, hat im Umfeld des Vereins bereits große Begeisterung ausgelöst.

Ablesbar war das große Interesse der leicht zu entzückenden Fans an ihrem Klub am vergangenen Samstag, als 40.000 Zuschauer zum Vorbereitungsspiel gegen Atalanta Bergamo erschienen waren. Der FC gewann 4:0, der Jubel war groß, und Trainer Kwasniok schwärmte: „Die Jungs haben Atalanta einfach ausgehebelt.“

Eine ähnliche Begeisterung gab es in Köln zuletzt vor der Saison 2017/2018. Der FC hatte sich zuvor als Tabellenfünfter für die Eu­ropa League qualifiziert und 34 Millionen Euro in die Mannschaft investiert. Doch das finanzielle Engagement ging damals nicht auf, der FC stieg am Ende der Saison zum sechsten Mal ab.

Zwei weitere Zugänge hätten die Kölner noch gern. Sie sind an Linksverteidiger Derrick Köhn von Galatasaray Istanbul und Mittelfeldspieler Raphael Obermair von Kwasnioks ehemaligem Klub Paderborn interessiert. Kwasniok schätzt die Qualitäten seines einstigen Weggefährten Obermair sehr. An diesem Sonntag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal und bei Sky) geht es für den neuen FC erstmals um etwas – dann beginnt die Saison mit dem Pokalspiel beim Drittligaklub Jahn Regensburg. Dabei treffen zwei ehemalige Klubs von Christian Keller aufeinander.