Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit
Beim Debüt von Trainer Schultz werden nicht alle Kölner Wünsche wahr. Ein klassisches Fußballmärchen bleibt aus. Und obwohl Geschäftsführer Keller von einem Grundsatz abrückt, droht schon der nächste bittere Verlust.
Die Voraussetzungen waren ziemlich günstig für eine Neuauflage eines klassischen Fußballmärchens, nachdem Justin Diehl den Rasen von Müngersdorf betreten hatte. Es stand 1:1 im Spiel der Kölner gegen den 1. FC Heidenheim und nun durfte das in der Lokalpresse schon länger sehr präsente Eigengewächs nach zwei sehr kurzen Einsätzen in der vergangenen Saison erstmals etwas länger in der Bundesliga spielen. Sofort war der 19-jährige präsent, schlug alle Ecken und Freistöße. Das Stadion wäre vor Glück explodiert, wenn eine seiner Aktionen zu einem Tor geführt hätte.

Auf diesen Moment der Befreiung wartete das Publikum vergeblich, aber Hoffnung blieb. „Mit diesen Aktionen, wo er das Eins-gegen-Eins schnell löst, hat man schon heute gesehen, dass er mit ein bisschen Erfahrung ein Mehrwert für uns sein kann“, sagte Davie Selke, der die Kölner in Führung gebracht hatte (29. Minute). Diehl war in den Diskussionen nach dem Spiel auch ohne Torbeteiligung ähnlich präsent wie die Veränderungen, die der neue Trainer Timo Schultz bewirkt hat: Die Kölner stehen jetzt bei gegnerischem Ballbesitz grundsätzlich etwas tiefer als unter dem im Dezember entlassenen Steffen Baumgart und bauen das Spiel öfter durch das Zentrum auf. „Vorher war es relativ geradlinig über außen. Jetzt ist ein neuer Ansatz da, den die Jungs gut umgesetzt haben“, sagte Selke. Sport-Geschäftsführer Christian Keller erklärte: „Ich habe eine Mannschaft gesehen, die die Brust draußen gehabt hat, die den Kopf oben gehabt hat, wo auch mit Ball wieder deutlich mehr geklappt hat.“ Zudem machte Kapitän Florian Kainz sein bestes Saisonspiel als „Freigeist“ in der Offensive, wie Schultz sagte. Der Österreicher hatte im bisherigen Saisonverlauf defensiver spielen müssen. Angetrieben von dem befreit wirkenden, aber nach einer Stunde aufgrund einer Oberschenkelblessur ausgewechselten Kainz war der FC eine Halbzeit lang gut gewesen. Und nachdem Heidenheims Adrian Beck in der besten Phase des Aufsteigers zum Ausgleich getroffen hatte (55.), spielte der FC auch am Ende wieder überlegen. Allerdings waren auch alte Probleme zu sehen, insbesondere die Qualitätsmängel in der Offensive. Linton Maina agierte nicht nur bei einer vergebenen großen Chance zum 2:0 (46.) schwach, sein Stellungsfehler ermöglichte auch das 1:1. Steffen Tigges ist scheint überfordert mit dem Tempo und den engen Räumen der Bundesliga. Nur elf Tore haben die Kölner in dieser Hinrunde erzielt. Zu allem Überfluss fallen Selke und Luca Waldschmidt für „mehrere Wochen“ wegen Verletzungen aus, wie der Verein am Sonntag mitteilte.
All dies macht Diehl zur großen Hoffnung. Der U-20-Nationalspieler strahlte nicht nur Unbekümmertheit, sondern auch viel Selbstvertrauen aus und agierte taktisch sogar reifer als der ebenfalls eingewechselte Flügelstürmer Faride Alidou. „Er ist auch im Training sehr auffällig“, sagte Schultz über das von Leverkusen und Stuttgart umworbene Talent. Im bisherigen Saisonverlauf war der Teenager aus der Regionalligamannschaft des Klubs nicht berücksichtigt worden, weil er ein Angebot der Kölner zur Vertragsverlängerung ausgeschlagen hatte. „Ich musste schon ein bisschen über meinen Schatten springen, denn ich hatte etwas anderes gesagt. Ich hatte gesagt: Wer hier als Nachwuchsspieler nicht verlängert, wird nicht so gefördert wie andere, die verlängern“, hatte Keller während der Woche im Rahmen einer Aussprache mit den Fans erklärt. Nachdem die Kölner jedoch aufgrund eines Regelverstoßes auf dem Transfermarkt weder in diesem Winter noch im kommenden Sommer neue Spieler unter Vertrag nehmen dürfen, könne der Klub nun nicht mehr „an dem Prinzip festhalten“. Diehl soll das Team verstärken, es hat auch eine Aussprache mit der Familie gegeben.
Dass der Angreifer über den Sommer hinaus in Köln bleibt, ist aber so gut wie ausgeschlossen. Er hoffe, „dass Justin uns in der Rückserie hilft, genauso sehr hoffe ich, dass er dann verlängert“, sagte Keller, räumte jedoch ein: „Die Wahrscheinlichkeit taxiere ich nicht allzu hoch. Weil Justin uns klar gesagt hat – aus Gründen, die keine wirtschaftlichen sind –, dass er Stand jetzt nicht bleiben möchte.“ Aber weil neben Diehl auch Denis Huseinbasic, 22 Jahre alt, Eric Martel (21) oder Max Finkgräfe (19) in diesem ersten Spiel unter Schultz einen starken Eindruck hinterließen, deutet sich an, dass die Rückrunde der Kölner nicht nur vom neuen Trainer, sondern auch von sehr jungen Spielern geprägt werden wird.