Beitrag auf sueddeutsche.de von Milan Pavlovic
Zweites Heimspiel, zweiter überzeugender Sieg: Der 1. FC Köln zeigt beim 2:1 gegen den fast chancenlosen VfL Bochum, wie gut die Mannschaft als Einheit auftritt und die offensiven Ideen des neuen Trainers Steffen Baumgart bereits umsetzt.

Die 86. Minute läuft, als Christopher Antwi-Adjei auf dem linken Flügel Fahrt aufnimmt. Als einer der schnellsten Spieler der Liga schickt sich der Bochumer an, in eine Feldposition zu kommen, die sein Team an diesem Nachmittag fast überhaupt noch nicht erreicht hat: den gegnerischen Strafraum. Zwei, drei flotte Schritte noch, dann ist Antwi-Adjei ... am Boden, weggekegelt vom Kölner Louis Schaub, der mit seinem Tackling zunächst fair den Ball klärt und noch in derselben Sekunde den Gegner spüren lässt, was passiert, wenn man den 1. FC Köln gefährden will; eine Aktion, die man im Basketball einen Monsterblock nennen würde, in der NBA gerne versehen mit dem Zusatz: Not in My House! Und wirklich, die Grätsche war ausgerechnet von Feinfuß Schaub, der wegen seiner Feinfüßigkeit bisher nirgendwo über den Status des ewigen Talents hinausgekommen ist, der viel zu oft auf der Einwechselbank saß, auch am Samstag gegen Bochum war das der Fall.
Diese Szene taucht in keinem Zusammenschnitt und keiner markanten Statistik auf, dabei steht sie in mehrerlei Hinsicht sinnbildlich für den 1. FC Köln der Startwochen. Gallig, mutig und präzise tritt das Team des neuen Trainers Steffen Baumgart auf - und das ist bloß die Defensive. Für die Offensive hat Baumgart ein Personal zur Verfügung, das entweder vor der Saison von allen Beobachtern unterschätzt wurde - oder aber in den beiden ersten Heimspielen derart glänzen konnte, weil es gegen das Schlusslicht Hertha BSC ging (3:1) und Aufsteiger Bochum. So oder so ist aber die Wucht der Mannschaft derzeit überwältigend. Im Müngersdorfer Stadion, das diesmal zur Hälfte gefüllt sein durfte, war unter den Fans eine beseelte Dankbarkeit zu spüren - dafür, wieder dabei sein zu können, aber auch dafür, die eigene Mannschaft einen Fußball spielen zu sehen wie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr.
Kernbegriff in diesen Wochen ist das Wörtchen Team. "Ich habe es öfter schon betont: Es gibt nicht nur die erste Elf", sagte Baumgart. "Die Jungs machen es alle gut. Auch die, die reinkommen. Alle im Team sind wichtig." Das 2:1 gegen Bochum, das viel klarer hätte ausfallen müssen, war ein Beispiel für diese These, wie man es sich besser nicht wünschen konnte. Die Kölner begannen forsch und präzise, steckten zwei frühe Nackenschläge weg -Modestes Pfostenschuss aus dreieinhalb Metern (4.) und ein Tor von Ljubicic, das nach zwei Minuten des exzessiven Jubels vom Video-Referee wegen Handspiels kassiert wurde (15.).
Bochums Coach Thomas Reis sagte in seiner Analyse mehrmals "Wir wussten", weil sie wussten, was die Kölner tun würden - aber seine Spieler fanden keine Mittel dagegen. So als wären die Kölner eine Naturgewalt. Und zumindest an diesem Nachmittag waren sie das. Die Zuschauer mussten ihre Mannschaft gar nicht groß nach vorne peitschen, das tat sie schon ganz allein. Am bemerkenswertesten: mutige und doch umsichtige Dribblings von Ellyes Skhiri, manchmal auch gegen zwei Bochumer; Florian Kainz' Direktspiel als Ballverteiler im vorderen Mittelfeld und seine Fackelflanke, Benno Schmitz' Flügelläufe. Wenn nötig, dann machte Trainer Baumgart den Ball sogar beim Einwurf schnell.
Das Einzige, was man den Kölnern in dieser Phase vorwerfen konnte, war die mangelnde Ausbeute. Sie fingen sogar an, ein bisschen zu ball- und kombinationsverliebt zu agieren und den Moment zu verpassen, um abzuschließen. Das half den Gästen ein bisschen. Die Bochumer waren eine gute halbe Stunde nur dann zum Durchatmen gekommen, wenn sie einen Einwurf oder Freistoß zugesprochen bekommen hatten. Ab der 30. Minute allerdings fanden die Gäste einen besseren Stand in der Defensive, und die Kontersituationen wurden vielversprechender. Auch wenn dabei keine klare Gelegenheit heraussprang, war mehrmals zu sehen, wie riskant der Baumgart-Fußball sein kann.
Anfang der zweiten Halbzeit schienen sich Zweifel in die Köpfe der Gastgeber zu schleichen, es war ja auch kaum nachvollziehbar, dass es nach einer derart überlegen gestalteten ersten Halbzeit noch 0:0 stand. Doch das Gefühl verflog rasch. Bochum tat zu wenig dafür, den Ruf als Lieblingsgegner der Kölner (nur ein VfL-Sieg in der Domstadt in 30 Versuchen) zu gefährden. Nach der 60. Minute erhöhten die Kölner die Schlagzahl, Modeste traf noch einmal den Pfosten (73.), und dann zahlte sich Baumgarts Team-Gedanke aus: Das 1:0 erzielte der eingewechselte Louis Schaub (82.) mit einer technisch feinen Direktabnahme, das scharfe Zuspiel kam von Kainz. Beim 2:0 kooperierten die eingewechselten Tomas Ostrak und der 19-jährige Tim Lemperle quasi nach demselben Schnitzmuster wie die Kollegen beim Führungstor: Ostrak stoppte den Ball nach einem langen Flügelwechsel (des eingewechselten Luca Kilian), sah den in den Freiraum startenden Lemperle, der den Ball mit einer Direktabnehme ins Netz setzte (90.+1). Die Tatsache, dass der ehemalige Kölner Simon Zoller mit der letzten Aktion des Nachmittags Ergebniskosmetik für Bochum betrieb (90.+4), dürfte letztlich sogar hilfreich sein, damit die Kölner geerdet bleiben und ihre Träume nicht sofort wieder übergroß werden.