Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit
Unheilvolle Kurvendynamik: Hinter dem Fall des verletzten Kameramanns in Dortmund zeichnet sich ein beunruhigender Trend in deutschen Stadien ab. Die Fronten sind verhärtet.
Es dauerte nicht lange, da gaben die Dortmunder Stadionsprecher den Vorsatz auf, die üblichen Hinweise vorzutragen, mit denen sonst auf das Abbrennen von Pyrotechnik reagiert wird. Sie hätten in einer Endlosschleife vor den Gefahren warnen und auf die bekannten Verbote hinweisen müssen, denn während des 6:1 des BVB gegen Köln brannten fast ununterbrochen Feuerwerkskörper im Gästeblock. Mal in choreographierter Form, mal waren es nur einzelne Fackeln, am Ende sollen über 100 bengalische Feuer verbraucht worden sein.
Ein Kameramann, der Rauchpartikel in die Augen bekommen hatte, musste sich in ärztliche Behandlung begeben. „So etwas geht gar nicht“, sagte Christian Keller, der Geschäftsführer der Kölner, die womöglich mit einer Strafe im sechsstelligen Bereich rechnen müssen. Zum Glück konnte der Kameramann entgegen ersten Meldungen zu einer Krankenhauseinweisung „nach ambulanter medizinischer Behandlung“ in einem Rettungswagen noch am Stadion wieder entlassen werden, teilte die Polizei danach mit.
Aber das Problem, das hinter diesem Vorgang steckt, wird immer sichtbarer. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Ultra-Gruppierungen jahrelang in Absprache mit ihren Klubs zu ausgewählten Anlässen Pyrotechnik abbrannten, in der Regel hielten sie diese gesetzeswidrigen Rituale auswärts und nur für einige Minuten zu einem verabredeten Zeitpunkt ab. Seit dem Ende der Pandemie hat sich nun eine neue Dynamik entwickelt: Es finden regelrechte Exzesse statt, auch in den Kurven der Heimteams, und es gibt regelmäßig Verletzte.
Beim Revierderby auf Schalke vor einer Woche wurde ein Fotograf von einer Leuchtrakete verletzt, auch hier brannten im Gästeblock permanent Fackeln. Und beim Zweitligaspiel zwischen St. Pauli und Hansa Rostock wurde von den Gästen derart heftig gezündelt, dass das Rostocker Vorstandsmitglied Robert Marien sagte: „Die Lage war gefährlich. Da wurden nicht nur rote Linien überschritten. Da hat es bei manchen komplett im Hirn ausgesetzt.“
Aber die Verantwortlichen in den Vereinen sind genauso hilflos wie die Polizei. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul hatte kürzlich nach einer Razzia in den Ultra- und Hooligan-Szenen von Schalke, Dortmund und Rot-Weiss Essen angekündigt, dass nicht nur Gewalt, sondern auch das Abfackeln von Pyrotechnik „konsequent geahndet“ werde. Das klang nach einem Plan, doch die Durchsuchungen und Strafandrohungen waren in der Fanszene als Provokation betrachtet worden. „Ihr schuft Euch einen Feind, dem Ihr nicht gewachsen seid“, stand beim Revierderby auf einem Transparent in der Schalker Kurve.
Die Blöcke befinden sich fest in den Händen der organisierten Fans, die Polizei ist hier ziemlich machtlos. Denn ein Einsatz in den eng besetzten Stehplatzbereichen würde wohl auch viele Unbeteiligte in Gefahr bringen. Das ist keine Option.
Es fehle an einer „vernünftigen“ Lösung, sagte der Kölner Trainer Steffen Baumgart am Samstag, die Spirale der Eskalation, die sich gerade immer schneller dreht, lässt sich in seinen Augen nicht mit Repressalien stoppen. Es sei nicht zielführend, „dass wir es immer nur verbieten, sondern wir müssen mit den Jungs eine Lösung finden“, erläuterte Baumgart, der aber auch glaubt, „dass die Fronten verhärtet sind“.