Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit
Da staunt nicht nur der Leverkusener Werksklub: Achteinhalb Stunden lang lebt der 1. FC Köln die 50+1-Demokratie. Dann hat der Fußballklub einen neuen Vorstand.

Nicht nur für die Freunde des 1. FC Köln lohnte am Samstag der Blick nach Müngersdorf, wo ausnahmsweise einmal nicht gekickt, sondern ziemlich ausufernd getagt wurde. Acht Stunden und 29 Minuten dauerte die Mitgliederversammlung samt einer Vorstandswahl, über die beim Rivalen aus Leverkusen auf der anderen Rheinseite gewiss die Nase gerümpft wird, während an den Hochburgen der 50+1-Kultur bewundernd gestaunt werden kann. Denn es gibt nur wenige unter den 36 Erst- und Zweitligaklubs, die die demokratischen Strukturen, die das deutsche Vereinsrecht vorgibt, mit so viel Leben füllen. Bis an die Kante des Erträglichen.
Bevor am Abend endlich der neue Präsident Jörn Stobbe und seine beiden Vizes Jörg Alvermann und Ulf Sobek gewählt waren, war noch einmal ein Block für Wortmeldungen der Mitglieder vorgesehen. Mehr als sechs Stunden hatten die Mitglieder da bereits ausgeharrt und zahlreiche Eigenarten der real existierenden Vereinsdemokratie erlebt: ausführliche Berichte verschiedenster Gremien und Abteilungen, Wortmeldungen zu Themen wie Trikotdesign, Inklusion, Antisemitismus, Angriffe auf ehemalige Führungskräfte und vieles mehr. Es gab etliche Kontroversen und schließlich auch die Präsentationen der drei Dreierteams, die für den Vorstand kandidierten.
Doch vor der Wahl drohte die Stimmung zu kippen. Abermals hatten sich 50 Mitglieder gemeldet, um ihre Meinung zu den Kandidaten kundzutun. Darunter auch Gremiumsmitglieder und erkennbar instruierte Personen, die noch einmal Argumente für bestimmte Kandidaten vortragen sollten. Neben Stobbes Trio waren auch Teams um den Kommunalpolitiker Sven-Georg Adenauer sowie den Mobilfunkunternehmer Wilke Stroman angetreten. Die Versammlungsleitung prüfte juristisch, ob es möglich wäre, die Wortbeiträge einfach zu streichen und direkt zu wählen, was das Wahlergebnis aber womöglich anfechtbar gemacht hätte. Und so wurde weiter argumentiert, kritisiert, gestritten und nicht zuletzt: gelitten.
Denn in vielen Momenten machte die Veranstaltung tiefe Gräben im Vereinskonstrukt sichtbar, die in weniger lebendigen Klubs in dieser Form entweder unsichtbar bleiben oder gar nicht erst entstehen. Manche Redner gingen ausgesprochen hart und emotional mit dem alten Vorstand ins Gericht, andere wiesen darauf hin, dass der Klub nicht zuletzt dank der Arbeit des scheidenden Präsidenten Werner Wolf gut für die Zukunft vorbereitet sei.
Einige warfen dem neuen Präsidenten Stobbe vor, aufgrund von Verbindungen zu Investorenprojekten im Umfeld von Kickers Offenbach und dem HSV gegen den Kölner Grundwert eines investorenfreien Fußballs zu verstoßen. Auch der Verdacht, das Team Stobbe sei der verlängerte Arm der Ultras, kam zur Sprache, aber am Ende warb Stobbe für Zusammenhalt: „Wir haben eine riesige Chance, das mit allen Mitgliedern zu rocken.“
Er war glücklich, sah aber auch ziemlich mitgenommen aus, nach diesem Tag, an dem sich die leuchtenden und die dunklen Seiten der 50+1-Demokratie des deutschen Fußballs in ihrer ganzen Pracht bestaunen ließen.