Beitrag auf sueddeutsche.de von Milan Pavlovic
Der 1. FC Köln feiert seinen 75. Geburtstag - und verliert relativ schmucklos mit 0:2 gegen den VfL Wolfsburg. FC-Torhüter Marvin Schwäbe unterläuft ein Missgeschick. Und Wolfsburgs Kapitän Maximilian Arnold hat seinen eigenen Party-Moment.
Einige Jahre lang waren die Choreografien der Kölner Fans aufregender und unberechenbarer als der Fußball der FC-Spieler. Das hat sich grundlegend erst unter der Führung des Trainers Steffen Baumgart seit Sommer 2022 geändert. Am Samstag aber, das war allen klar, würde das ausnahmsweise noch einmal anders sein, denn zum 75. Geburtstag dieses selbsternannten Jeckenklubs warteten der Verein und die Zuschauer mit einer gigantischen, alle Tribünen umspannenden Choreografie auf. So etwas hat man in einem Fußball-Stadion mit 50 000 Zuschauern vermutlich nirgendwo gesehen. Das garstige Schneetreiben vom Vormittag hatte bilderbuchartigem Sonnenschein Platz gemacht. Es war also fast zu schön, um wahr zu sein.
Aus der Sicht der Gastgeber war es deshalb ein Jammer, dass danach noch Fußball gespielt werden musste. Denn ausgerechnet an diesem Festtag tauchte der VfL Wolfsburg im Müngersdorfer Stadion auf und entführte alle drei Punkte aus Köln dank eines ungefährdeten 2:0 (1:0)-Erfolgs auf gewohnt humorlose Art. Die Niedersachsen sind darin geübt, Kölner zu ärgern. Im Mai störten sie die Feierlichkeiten, als die Kölner sich für die Conference League qualifizierten; die Antipathien der Rheinländer reichen bis ins Jahr 1995 zurück, als die Zweitligisten aus Wolfsburg sich erdreisteten, ein Pokal-Halbfinale beim FC zu gewinnen, obwohl die Kölner schon ihr Domizil für das Finalwochenende ausgesucht hatten.
Man hatte also erahnen können, dass der Werksklub den Party-Crasher geben würde. Noch vor dem Anpfiff zupfte Gästetrainer Niko Kovac frech am Jubiläumsschal von Steffen Baumgart, bevor dieser bei frostigen Bedingungen wieder im kurzärmeligen Hemd herumlief. Bald danach, es waren keine vier Minuten gespielt, führten die Wolfsburger 1:0, und selten konnte man so miterleben, was es bedeuten muss, wenn die Energiezufuhr in einem Stadion abrupt gekappt wird. Wie ihre Spieler auf dem Platz fanden die Zuschauer auf den Rängen fortan nie richtig in die Partie.
Vielleicht waren sie auch überrascht darüber, dass Baumgart vor dem Anpfiff auf den Personalnotstand hingewiesen hatte - etwas, dass man so von kaum erlebt hat. In der Sache hatte er allerdings recht, gleich ein halbes Dutzend Stammspieler musste passen. Der Ausfall von Florian Kainz, dessen Fackelflanken schwer vermisst wurden, wog besonders schwer. Denn nach dem frühen Gegentor drückte Köln 15 Minuten lang, presste vehement, aber die gefühlt 30 Ecken und 40 Flanken führten zu keiner wirklichen Chance. Im Sturm agierten Davie Selke und Steffen Tigges arg unglücklich (im ersten Durchgang kamen die beiden zusammen auf 17 Ballkontakte). Und wenn die Kölner mal ernsthaft zum Abschluss kamen (insgesamt vier Mal in 90 Minuten), hatte Gäste-Torwart Koen Casteels keine Mühe.
Das war auf der anderen Seite anders, viel effektiver - und wurde in den beiden wichtigsten Szenen von den wichtigsten Kölner Stützen ungewollt assistiert: Torwart Marvin Schwäbe und Kapitän Jonas Hector. Jedenfalls wirkte der ehemalige Kölner Yannick Gerhardt fast peinlich berührt, als sein harmloser Linksschuss unter dem Körper des sonst so verlässlichen FC-Keepers Schwäbe durchrutschte - vielleicht der erste grobe Fehler von Schwäbe in dieser Saison. "Marvin hat mir gesagt, er hat den Ball zu spät gesehen. Ich hatte ihn gar nicht richtig getroffen", sagte Gerhardt, deshalb war der Schütze doppelt überrascht von seinem Erfolg; Schwäbe sagte, er könne sich "gut vorstellen, dass das merkwürdig aussah".
Seiner Mannschaft, erklärte Gästetrainer Niko Kovac stolz, sei es danach gut gelungen, "die Mitte zuzumachen", und über die Flügel waren die Gastgeber eben nicht gut genug aufgestellt. "Wir waren relativ präsent", kommentierte Wolfsburgs Kapitän Maximilian Arnold das Ende der kleinen VfL-Minusserie mit vier sieglosen Partien. Bei seinem Elfmeter - den Hector mit einem ungeschickten Klärungsversuch verursacht hatte - habe er "doppelt unter Druck" gestanden, sagte Arnold, weil er vor zwei Wochen gegen Schalke 04 einen Strafstoß noch "wie ein Blinder" vergeben habe und er eine Nachricht ohne Social Media auf den Weg bringen sollte: dass er erneut Vater wird. "Ich habe auch schon wirklich Druck von zu Hause bekommen", schilderte er. Aber diesmal war niemand da, um seine Party zu stören. Er blieb cool vom Punkt und überbrachte die Nachricht nach alter Schule mit Ball unter dem Trikot. Nach zwei Söhnen, sagte er stolz, sei nun eine Tochter auf dem Weg - danach, habe ihm seine Gattin bereits angekündigt, sei "unten geschlossen".