Rückkehr der Superhelden

21. Februar 2022

Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit

Beim 1. FC Köln haben sie sich jahrelang bemüht, seriöser zu sein. doch
der Starkult um Anthony Modeste ist nicht aufzuhalten. der Franzose hat endgültig in Köln seine fußballerische Heimat gefunden.

Da machste große Augen: Kölns Anthony Modeste trifft und trifft. (dpa)

Am kommenden Donnerstag beginnt in Köln wieder einmal dieses wilde Aufbegehren gegen die dunklen Geister des Winters, zu dessen Zweck der Karneval irgendwann im 13. Jahrhundert einmal erfunden wurde. es darf beinahe ohne Corona-Einschränkungen getanzt, gesungen und getrunken werden, und die Erfolgswelle, auf der der 1. FC Köln derzeit reitet, wird die Begeisterung zusätzlich stimulieren.

Nach dem 1:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt beträgt der Rückstand auf die Championsleague-Ränge nur zwei Punkte. da ist es auch egal, dass die Kölner einen intensiv geführten Kampf gegen die bösen Geister der Vergangenheit verloren geben müssen: Jahrelang haben sie versucht, die ausgeprägte Neigung dieser Fußballstadt zum Personenkult zu beenden. die Welt- meister Wolfgang Overath und Lukas Podolski oder Christoph Daum, der Messias, wurden als Superhelden wahrgenommen, die schon dafür sorgen, dass alles gut wird. dieser Irrglaube zählt zu den Gründen für die regelmäßigen Zusammenbrüche und wurde in den vergangenen Jahren konsequent unterbunden. doch in dieser Saison ist das Bemühen, den 1. FC Köln als homogenes kollektiv zu präsentieren, hoffnungslos.

Am Samstag saß Anthony Modeste infolge einer Covid-Infektion zunächst auf der Bank, erst am Donnerstag war er aus der Isolation ins Mannschaftstraining zurückgekehrt. Weil der Torjäger danach nur kraft für gut eine Stunde Fußball hatte, entschloss sich Trainer Steffen Baumgart dazu, ihn zunächst auf der Bank zu lassen, damit er in der Schlussphase den entscheidenden Punch setzen könne. genau so kam es, aber das Modeste-fieber war während des gesamten Spiels zu spüren.

Mitte der ersten Halbzeit ertönten erstmals sehnsuchtsvolle Modeste-Gesänge, und immer wenn der hart arbeitende, aber ohne jeden Glanz spielende Ersatzstürmer Sebastian Andersson wieder einmal ein Kopfballduell oder den Ball verloren hatte, war der Gedanke an Modeste unausweichlich. als der 33 Jahre alte Franzose dann nach einer Stunde zur Einwechslung gerufen wurde, schwappte eine energiewelle durch das Stadion. und nach 84 Minuten schoss er das Siegtor. „es ist Wahnsinn“, sagte Mark Uth, „wir arbeiten hart, und er haut das Ding rein.“ Genau so ist es im Moment in Köln. schon die 1:0-Siege gegen Freiburg und Stuttgart erfolgten nach exakt diesem Muster. siebenmal hat Modeste in dieser Saison nun schon das 1:0 erzielt, 15 Treffer sind ihm ins- gesamt gelungen, das sind 43 Prozent der Kölner Tore.

Steffen Baumgart versuchte, den hype um Modeste zwar ein wenig zu bremsen, als er sagte: „Toni hat uns heute nicht den Sieg gebracht, den haben alle gebracht.“ tatsächlich gehen Spieler wie der kraftstrotzende Salih Özcan, der schlaue Ellyes Skhiri, der Antreiber Jonas Hector und der souveräne Timo Hübers gerade ein wenig unter in der Modeste-begeisterung. aber der Faszinationskraft dieses Spielers kann sich niemand entziehen. Modeste ist in dieser Saison eine Art Prototyp des sogenannten Unterschiedsspielers, der ein Mittelklasseteam in eine Spitzenmannschaft verwandeln kann. selbst Trainer Baumgart steht im Moment im Schatten des Stars, der höflich verkündete: „diese Saison läuft es für mich richtig gut, aber ich muss mich bei der Mannschaft bedanken.“

Nach seinen missglückten Jahren in China ist Modeste endgültig zurück in Köln – und er will bleiben. im Januar hat der saudi-arabische Klub Al-Hilal Riad mit einem „exorbitanten Angebot“ um den stürmer geworben, wie Sportchef Jörg Jakobs neulich erzählte, doch diesmal entschied sich Modeste gegen ein deutlich angehobenes Gehalt und für die sportlichen Ambitionen. als Profi in der letzten Karrierephase kennt er sich selbst inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er sich rundum wohlfühlen muss, um richtig stark spielen zu können. das war in Hoffenheim genauso wenig der Fall wie in China oder während seiner lei- he nach St. Etienne. auch mit Markus Gisdol, dem Kölner Trainer der vergangenen beiden Spielzeiten, kam er nicht so gut klar.

Baumgart jedoch hat den Wohlfühlschalter bei Modeste gefunden, und plötzlich hat der als Abstiegskandidat in die Saison gestartete Klub bereits 35 Punkte erspielt. zwei mehr als in der gesamten Vorsaison. die Chance auf die zweite Europapokalteilnahme in diesem Jahrtausend wird immer konkreter. „Wir nähern uns dem Punkt, an dem wir uns neue Ziele setzen können“, sagte Jakobs. Modeste jedoch versuch- te, die Begeisterung zu bremsen: „Wir träumen erst mal von den 40 Punkten, wir wissen, wo wir herkommen.“