Sanierung mit Magier Baumgart

27. Juli 2022

Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit

Große Erwartungen – aber wenig geld: der 1. FC Köln muss trotz des Erfolgs in der vergangenen Saison sparen. Druck und Hoffnung vereinen sich in einer Person: Dem Trainer.

Ein Pflichtspiel hat noch keiner der 18 Bundesligavereine absolviert, aber eine kleine Sensation hat die neue Saison bereits hervorgebracht: Steffen Baumgart ist ein rundum glücklicher Mann in seiner Rolle als Trainer des 1. FC Köln. „Es gibt nichts, worüber ich unzufrieden sein könnte. Daher empfinde ich eine große Zufriedenheit“, sagte der Coach des Europapokalteilnehmers zum Abschluss der Sommervorbereitung. Baumgart ist ein Freund des offenen Wortes und nicht dafür bekannt, Dinge zu beschönigen; der zwischenstand zu seinem Befinden ist also sehr glaubwürdig. Dabei hätte er eigentlich gute Gründe, sich vor dem neuen Spieljahr zu sorgen. Mit Salih Özcan haben die Kölner ihren vielleicht wichtigsten Profi verloren, ersetzt wurde der für sechs Millionen Euro zum BVB verkaufte Mittelfeldspieler mit den Talenten Eric Martel, 20, und Denis Huseinbasic, 21, die noch nie in der Bundesliga gespielt haben. Sogar der Verkauf von Anthony Modeste, der eine ähnlich bedeutsame Rolle für die Erfolge der vergangenen Saison wie Özcan spielte, steht weiterhin zur Debatte. Den neuesten Stand vermeldete der sportliche Leiter Thomas Kessler am Montag auf einer Podiumsdiskussion: „Wir haben Tony versprochen, dass wir die Situation gemeinsam diskutieren, wenn ein Angebot kommt. Bis jetzt ist aber noch niemand auf uns zugekommen.“

Es gibt weder ein klares Bekenntnis des Stürmers zum FC noch ein deutliches „Nein“ der sportlichen Leitung, das einen Modeste-Wechsel ausschließen würde. Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass die Verantwortlichen am Geißbockheim eigentlich gerne noch einen größeren Betrag am Transfermarkt erlösen würden und außerdem das Gehaltsniveau senken möchten. Beides wäre mit einem Verkauf des Topverdieners möglich.

Der neue Sport-Geschäftsführer Christian Keller bezeichnete seinen Arbeitgeber schon bei seiner Vorstellung im Frühjahr ganz offen als „Sanierungsfall“ und verkündete: „Ein gutes Stück Zukunft wurde schon verfrühstückt.“ Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem genau diese Zukunft beginnt. „Die einzige Chance, nachhaltig zu gesunden, ist, profitabel zu arbeiten“, sagt Keller, „Und um profitabel zu arbeiten, müssen wir eben Dinge verändern“, im Zweifel werden dann auch die wertvollsten Spieler verkauft. In gewisser Weise steht der FC vor einer Saison der inneren Widersprüche.

Einerseits wollen sie die Euphorie nutzen, die nach der Pandemie und der Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb über der Stadt liegt. Zugleich ist aber allen klar, dass eine so wunderbare Saison wie die vergangene kaum noch einmal gelingen kann. Zumal die Mannschaft im Fall einer erfolgreichen Playoffrunde sechs zusätzliche Partien in der Conference League bestreiten muss. Die Freude auf internationale Begegnungen ist zwar riesig, doch statt den Kader entsprechend aufzurüsten, wurde der Entschluss gefasst, den Etat im Vergleich zum Vorjahr um etwa 20 Prozent zu senken. Bis 2024 sollen Altlasten beseitigt werden, „Damit wir uns in zwei Jahren wieder frei bewegen können“, sagt Präsident Werner Wolf. Wirtschaftlich magere Jahre könnten das werden, während auf dem Platz eine positive sportliche Entwicklung erwartet wird.

Es scheint, als bräuchten die Kölner einen Magier, der unter diesen Umständen weitere Fortschritte, Erfolge sowie eine gute Stimmung aus dem Hut zaubert, und es ist auch klar, wer diesen Job erledigen soll: Der bestens gelaunte Steffen Baumgart. Sportchef Keller glaubt, der Erfolgstrainer könne eine Ära prägen und spricht von einem „Positivbeispiel mit jahrelangem Vorbildcharakter“, an dem der Klub sich orientiert.

Wie der SC Freiburg mit Christian streich wolle man künftig die Verträge mit Baumgart immer um ein weiteres Jahr verlängern, obgleich alle beteiligten sich eine dauerhafte Zusammenarbeit wünschen. Dieser Wunsch soll aber nicht durch Verträge, sondern durch fachliche Substanz und gegenseitiges Vertrauen mit Leben erfüllt werden. Die Klubführung hat jedenfalls fest vor, auch in schwierigen Phasen an diesem Trainer festzuhalten, sofern es keine massiven Zerwürfnisse und keinen dramatischen sportlichen Zusammenbruch gibt.

Denn der aggressive und von Mut geprägte Fußball, den Baumgart seiner vor einem Jahr noch stark verunsicherten Mannschaft beigebracht hat, sieht nicht nur gut aus, er scheint dauerhaft zu funktionieren. Lange wurde im vergangenen Jahr mit einem Einbruch gerechnet, aber der FC schaffte die Qualifikation für einen Europapokal, nun sei die Mannschaft schon viel weiter bei der Umsetzung des Baumgart-Fußballs. „Wenn man den Trainer schon kennt, verinnerlicht man das“, sagt Angreifer Mark Uth und ergänzt: „Deswegen hatten wir in dieser Vorbereitung nicht so viele Probleme damit, Steffens Taktik umzusetzen. Darum sind wir viel, viel besser gestartet.“

Vor einem Jahr wurde die Arbeit Baumgarts ja noch von dem Verdacht überschattet, dass hier ein Typ eine Mannschaft mit Leidenschaft mitreißt, aber an Grenzen stößt, wenn seine Sprüche sich irgendwann wiederholen. zudem dachten etliche Experten, dass es nicht gutgehen könne, als Außenseiter derart riskant Fußball zu spielen, schließlich stieg Baumgart in seinem ersten Jahr als Bundesligatrainer beim SC Paderborn mit wehenden Fahnen in die zweite Liga ab. Inzwischen, glauben nicht nur die Kölner verantwortlichen, dass dieser Trainer ein Glücksgriff ist, der mit seiner Spielidee nicht nur das Team, sondern auch Einzelspieler besser und damit wertvoller machen kann. Genau der Typ, den dieser angeschlagene 1. FC Köln braucht.