So spielt doch kein Absteiger

07. April 2026

Beitrag auf sueddeutsche.de von Frank Hellmann

Ein nüchterner Mensch euphorisiert den 1. FC Köln im Abstiegskampf: Beim 2:2 in Frankfurt überzeugt der neue Trainer René Wagner unter anderem mit drei gelungenen Einwechslungen.

In den Vordergrund drängelte sich René Wagner gewiss nicht. Der neue Trainer des 1. FC Köln blieb nach seinem Debüt bei Eintracht Frankfurt (2:2) ganz bei sich. „Ich tue der Mannschaft keinen Gefallen, wenn ich draußen zu viel Emotionen zeige“, sagte Wagner, 37, in einem sachlichen Ton. Er sei „generell ein Mensch, der weniger Emotionen hat“. Immerhin zu einer Umarmung mit Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler reichte es zwischenzeitlich, der den gebürtigen Dresdner in Sorge um den Klassenerhalt vor der Länderspielpause befördert hatte. Der weitgehend geglückte Neustart der Rheinländer dient nun, dank neu verordneter Nüchternheit, durchaus als Mutmacher.

„Es war für mich und für die Mannschaft ein besonderer Tag“, erläuterte Wagner, der in seiner ersten Pressekonferenz nach einem Bundesligaspiel erstaunlich wenig Redezeit bekam. Was wiederum am Kollegen Albert Riera lag. Der im Frankfurter Umfeld zunehmend argwöhnisch beäugte Spanier, 43, witterte hinter jeder Frage fast schon Verrat, so wirkte es zumindest, und so wechselte Riera alsbald in einen eigenwilligen Rechtfertigungsmodus, bei dem kaum ein Zuhörer den langatmigen Ausführungen noch folgen konnte.

Wagner blickte derweil im fensterlosen Presseraum regungslos an die Wand und erklärte später am Ausgang noch schnell, was es mit seinem glücklichen Händchen zum Einstand auf sich hatte. Kaum hatte er nach 82 Spielminuten Luca Waldschmidt, Marius Bülter und Alessio Castro-Montes eingewechselt, gelang diesem Gespann 34 Sekunden danach eine Kombination, als würde das Trio seit der Kindheit zusammen kicken. Waldschmidt legte den Ball auf Bülter auf, der dann wiederum Castro-Montes in Szene setzte – dessen Tor zum 2:2 (83.) war eine Augenweide.

Eigentlich habe er nur zweimal wechseln wollen, sich aber im letzten Moment noch für einen Dreifachwechsel entschieden, um noch mehr Verwirrung zu stiften, sagte Wagner. „Es war eine Achterbahnfahrt für mich, für die Truppe, für alle.“ Klar, die Gegentore von Jonathan Burkardt (66.) und Arnaud Kalimuendo (69.) müsse man „besser verteidigen“, aber die Reaktion seiner Mannschaft auf den 0:2-Rückstand hätte wohl jeden Fußballlehrer der Welt erfreut. „Alle im Stadion haben den Charakter gesehen“, lobte Wagner, der zudem die „Energie in der Mannschaft“ nach Rückschlägen pries. Es gebe in seinem Kader jedenfalls „ganz viele Spieler, die ganz viel Herz haben“.

„Das gibt uns viel Kraft für die nächsten Spiele“, sagt Wagner

Bereits in der ersten Halbzeit hatten Ragnar Ache (1.), Said El Mala (25.) und Jakub Kaminski (40.) beste Gelegenheiten für die mutigen Gäste vergeben. Insgesamt drängte sich der Eindruck auf: So spielt doch kein Absteiger! Dieser These stimmte Wagner („Ich hoffe, Sie haben recht“) zu und fügte an: „Das gibt uns viel Kraft für die nächsten Spiele.“ Neben dem Punkt nahmen die kecken Kölner jedoch auch eine Sorge aus dem Stadtwald mit: Hoffnungsträger El Mala knickte in der Schlussphase bei einem Torschuss mit dem rechten Knöchel um und humpelte verletzt vom Feld. Untersuchungen sollten am Ostermontag folgen.

Ein Ausfall des besten Torjägers in den wichtigen Kellerspielen gegen Werder Bremen am Sonntag und beim FC St. Pauli übernächsten Freitag wäre bitter. Gleichwohl: Den ersten Härtetest hat der Tabellen-15. bestanden, auch wenn sich jetzt acht sieglose Bundesligaspiele angesammelt haben. Zudem hatte Köln bereits unter Vorgänger Lukas Kwasniok selten einen Mangel an Leidenschaft zu beklagen. Dennoch könnte dieser Impuls auf der Trainerbank der richtige gewesen sein. Denn die bisweilen selbstdarstellerische Attitüde auf dieser Position ist erst mal Geschichte; Wagner ist ein völlig anderer Typ.

„Er macht einfach den Nahbaren“, sagte Torwart Marvin Schwäbe über Wagner, der neben einem „guten Matchplan“ auch eine „gute Kommunikation“ seines neuen Chefs lobte. Der frühere Assistent habe jedenfalls „die Fäden gut in der Hand“. Für Schwäbe passt die Chemie im Team: „Wir wissen, was er für ein Typ ist, und er weiß ganz genau, was wir charakterlich für eine Mannschaft sind.“ Den Kölner Tatendrang illustrierte einmal mehr der nicht nur beim Anschlusstreffer (70.) auffällige polnische Nationalspieler Kaminski. Für die ausstehenden „sechs Finals“ (Kaminski) versprach die Leihgabe vom VfL Wolfsburg, dass man alles tun werde, um mit „dieser tollen Mannschaft, diesem tollen Verein“ in der Bundesliga zu bleiben. Gelingen soll’s mit einem Trainer, der sich dabei im Hintergrund hält.