Beitrag von GUNTER GEBAUER auf faz.net
Nicht mit der Hand, nur mit dem Fuß: Die Schönheit des Spiels entsteht aus einer Verklärung des Gewöhnlichen, im Geheimnis des Zufalls und in Momenten des Erhabenen.
Kann man von einem Verliebten erfahren, warum er liebt? Das ist wenig sinnvoll - entweder weiß er keine Antwort, oder er nennt so viele Gründe, dass wir ihn für verblendet halten. Er selbst fragt sich dies jedenfalls nicht. Er liebt seine Geliebte und findet das schön.
Beim Fußball ist es anders. Man erwartet eine Antwort: Was hat der Fußball, dass er so tief in unser Gefühlsleben eingreifen kann? Dass Sitzungen bei wichtigen Spielen nicht stattfinden können, dass man nach einer Niederlage nicht in den Schlaf findet, dass divergierende Vorlieben für „verfeindete“ Klubs ganze Familien auseinandertreiben. Eine solche Frage wird nicht gestellt, wenn jemand die Oper liebt, den Tanz, das Schauspiel. Die Liebe zur Hochkultur gehört zu den fraglosen Vorlieben, die eine Kulturnation und das Bildungsbürgertum ausmachen. Die Liebe zum Fußball hingegen ist begründungspflichtig.
Seit einigen Jahren gibt es bemerkenswerte theoretische Texte, die Gründe für die Liebe zum Fußball suchen. Allerdings fällt es der Theorie schwer, die Verstrickung aufzuklären, die so viele Liebhaber an den Fußball bindet. Zwischen den Zeilen der Traktate scheinen die großen Gefühle wegzurieseln. Mit rationalen Argumenten kommt man der Liebe zum Fußball nicht bei. Ein beliebtes Argument ist beispielsweise, dass der Fußball äußerst einfach sei und daher leicht verstanden werden könne.
Das kann man bezweifeln: Fußball ist überhaupt nicht einfach und nicht problemlos zu verstehen. Das ist er schon deswegen nicht, weil er nichts sagt. Fußball vollzieht sich durch Handeln. Man nimmt ihn mit dem Sehsinn auf. Sprechen hilft dabei nur begrenzt, wie man bei Fernsehkommentaren oft schmerzhaft bemerkt. Vieles, was im Fußball geschieht, versteht man nicht. Genau das macht ihn interessant. [...]
Geniale Tore sind unerklärlich. Im Rückblick lässt sich zwar rekonstruieren, wie sie zustande gekommen sind, aber sie sind absolut unvorhersagbar. Sie stellen eine nicht fassbare souveräne Überwältigung der Gegner dar. In ihnen leuchtet ein Können auf, das man in ihrem Handlungsmilieu nicht erwartet. Sie geschehen nicht auf einer Bühne; kein Orchester stimmt die Zuschauer auf die kommenden Aktionen ein. Der Ort der Handlung ist ein Rasen vor dem Tor, meist zertreten und bei Regen schlammig. Die Akteure bewegen sich unruhig im Gedränge, warten auf einen Ball, der von der Ecke getreten wird, die Angreifer werden von den Verteidigern am Trikot festgehalten.
Was man von außen sieht, ist ein Schubsen, Drängeln, ein Durcheinander der Körper - es ist ein Schauspiel des Niedrigen. In dieses Schauspiel des Gewöhnlichen knallt ein plötzlicher Kopfstoß ins Tor, und die deutsche Mannschaft führt 1:0 gegen Frankreich. Lähmendes Entsetzen im Café am Gare du Nord in Paris, wo ich diese Szene unter hundert französischen Fans sah - sie entsetzt, ich überwältigt von einer Freude, die ich, so gut es ging, vor meiner Umgebung verbarg. Ein solcher Moment ist eine Verklärung des Gewöhnlichen.
Wenn das Niedrige schlagartig aus seiner Alltäglichkeit herausgehoben wird, ändert es seinen Charakter. Im Gewöhnlichen leuchtet dann etwas Geheimnisvolles auf. Es ist nicht im Inneren des Geschehens verborgen, sondern erscheint an seiner Oberfläche. Aus der modernen Philosophie weiß man, dass das sichtbare Äußere ein Unsichtbares verbirgt. Das Sichtbare ist schwer zu deuten, gerade weil es so evident zu sein scheint.
Große Fußballer haben durch ihre lange, intime Vertrautheit Zugang zu den Bedeutungen auf der Oberfläche des Spiels. Sie drücken ihr Wissen allerdings nicht in philosophischer Sprache aus. Wenn sie etwas darüber sagen, sprechen sie in Sätzen, die sich an der Grenze von Tautologien oder Binsenweisheiten bewegen, wie Herbergers Spruchweisheit „Ein Spiel dauert 90 Minuten“. Es gibt heute ein amüsiertes scheinbares Ernstnehmen dieser Sätze, als würden sie eine tiefere Wahrheit aussprechen.
Tief sind sie wohl nicht, aber von praktischer Klugheit. Sie geben die Grenze an, wo das sinnvolle Sprechen über ein Spiel aufhört: Alles, was über die 90 Minuten des faktischen Spiels hinausgeht, ist irrelevant. Das heißt: Alle Möglichkeitssätze im Konditional „hätte er . . .“, „wäre der Ball . . .“, „es wäre ein Tor geworden . . .“ sind absolut sinnlos. Was in den 90 Minuten tatsächlich geschehen ist, ist unhintergehbar. Von allem, was darüber hinausgeht, muss man schweigen.
Hören wir den alten Könnern zu. Sie wissen davon, das es im Fußball etwas gibt, was nicht zu bereden ist. Uwe Seeler sagt lapidar: „Das Geheimnis des Fußballs ist ja der Ball.“ Auf den ersten Blick scheint dies wieder eine Binsenwahrheit zu sein. Aber man kann in dem Satz eine Assoziation mithören: Der Ball ist für mich, Uwe Seeler, wenn ich mit ihm meinen Willen durchsetzen will, ein Geheimnis. Er gibt mir altem Spieler, der ich alle Spielsituationen durchlebt habe - Tore mit dem Hinterkopf, im Sitzen, Fallrückzieher, rettende Tore wenige Minuten vor dem endgültigen Ausscheiden, das Wembley-Tor -, der ich mit diesem furchtbaren Ball alles zwischen Himmel und Erde durchlebt habe, immer noch Rätsel auf. Mal ist er für mich, mal gegen mich. Mit dem Ball kenne ich mich letzten Endes nicht aus.
Ich bin schon dabei, aus Uwe Seeler einen Philosophen Wittgensteinscher Prägung zu machen; seine Reflexion ist aber noch unvollständig. Was der Ball macht, hängt ja nicht allein von ihm selbst ab, sondern auch von Uwes Fuß. Der Ball und der Fuß bilden das Arkanum des Fußballs, also die innere Zelle seines Geheimnisses. Wenn einer meint, ich würde Seelers Spruchweisheit mit zu viel Sinn befrachten, erinnere ich daran, dass er seinen Fuß für eine Plastik zur Verfügung gestellt hat. Sie steht in Bronze überlebensgroß vor dem Hamburger Volksparkstadion wie ein Held, der einen Gegner oder Freund zum Kampf erwartet.
Stellen wir uns also vor der Fußplastik einen Ball vor. Der Kontrast ist gewaltig: der runde, glatte Ball, eine makellose sphärische Erscheinung, eine geometrische Idealfigur. Aber sein perfektes Bild trügt: Im Spiel ist er tückisch, weicht mit Eigenbewegungen von der erwarteten Flugkurve ab, springt auf, prallt ab; im Spiel verhält er sich oft anders, als es der Schütze will. Uwes Fuß wirkt im Gegensatz zum Ball unharmonisch, ja krumm, aber voller vitaler Kraft. Wie konnte dieser abgekämpfte Fuß den Ball mit solcher Sensibilität behandeln? In seiner Nacktheit sieht er verletzlich aus; man ahnt die Schmerzen, die er in seiner langen Profikarriere erdulden musste. Unwillkürlich denkt man an den antiken römischen Ringer im Nationalmuseum von Neapel mit zerschundenen Händen und ausgefransten Ohren, in müder Haltung - dennoch ein souveräner Athlet.
Die glatte Kugel und der verformte Fuß treffen im Spiel aufeinander. Ausgerechnet der Fuß, der nichts festhalten kann, hat die Aufgabe, den Ball zu beherrschen. Für ihn erscheint dies als ein aussichtsloses Unterfangen. Es wäre nur mit den Händen zu lösen. Im Spiel mit dem Ball, verzichtet der Fußball jedoch auf die geschicktesten, sichersten Organe. Sein Grundprinzip ist, dass der Mensch sich schwächt. Der Spieler stellt sich als mittelloser, als ärmer dar, als er in Wirklichkeit ist. Dramatisch ausgedrückt, geht er einige Schritte in der menschlichen Evolution zurück. Er setzt mit dem aufrechten Gang ein, verzichtet aber auf die freie Verwendung der Hände und die sprachliche Kommunikation, die aus dieser entstanden ist.
Dieser freiwillige Verzicht hat den Sinn, den spielenden Menschen zu zwingen, aus einer Position der Schwäche heraus neue Stärke zu gewinnen - neue Qualitäten, die er unter anderen Umständen nie erworben hätte. Er gestaltet sein gesamtes Bewegungsrepertoire um. Sein Handeln wird von den Füßen her neu konzipiert. Die gewollte Schwächung hat tiefgreifende Wirkungen: Der Zufall wird aus freien Stücken als konstitutives Prinzip in das Spiel eingebaut.
Seit Beginn der Neuzeit zielt die europäische Zivilisation darauf, den Zufall so weit wie möglich aus allen Handlungsfeldern zu eliminieren, die Welt berechenbar zu machen, Sicherheit der menschlichen Unternehmungen zu gewinnen, Abläufe zu kontrollieren. Im Fußball wird er als zerstörerische Kraft nicht nur akzeptiert, sondern für das Spiel fruchtbar gemacht. Die Kraft und Faszination des Spiels werden unzweifelhaft gesteigert, wenn Favoriten scheitern, Chancen vereitelt werden, wenn in der finalen Entscheidung des Elfmeterschießens Triumph und Verzweiflung nur einige Millimeter voneinander getrennt sind.
Der Teufel steckt hier nicht im Detail - er steckt im Ball. Er kann nicht nur zerstören, sondern auch glückliche Siege bewirken, wenn das Geschoss am Tor vorbeizufliegen droht, mit einer plötzlichen Drehung dann doch im äußersten Winkel landet. Der Teufel im Fußballspiel ist ein Mephisto: eine Kraft, die Böses will, gelegentlich aber auch das Gute schafft. Die starke Rolle des Zufalls macht den Fußball zu einem erhabenen Schauspiel. Glückliche Sieger, die gerade einem Inferno entronnen sind, fühlen sich unzerstörbar, als hätten sie einen Pakt mit dem Zufall geschlossen (Deutschland nach dem Algerien-Spiel).
Der Sieger glaubt, er könne sich in Zukunft auf die Unterstützung Mephistos verlassen. Ein Pakt mit ihm hält nicht - irgendwann dreht sich das Glück. Eine lange begünstigte Mannschaft fällt umso tiefer (Brasilien gegen Deutschland). Die Verlierer, die die Zerstörungskraft des Zufalls erfahren, hadern mit der Weltkonstruktion. In ihren Klagen hört man den Widerhall der uralten Vorwürfe gegen einen Gott, der eine ungerechte Welt zulässt. Im Fußball gibt es, anders als in der Theologie, keine Rechtfertigung des guten Gottes, keine Theodizee. Er ist reines Katastrophentraining.
Mit seiner ausdrücklichen Zulassung des Zufalls ist der Fußball ein realistisches Spiel. Er rückt näher an die gesellschaftliche Wirklichkeit heran als andere Spiele. Mit dem Ausschluss der Hände und der sprachlichen Kommunikation macht er es den Spielern besonders schwer, zum Erfolg zu kommen. Ein Tor muss hart erarbeitet werden, von einer ganzen Mannschaft. Wenn es wie ein Blitz einschlägt, ist es eine Verklärung des Gewöhnlichen. Das Niedere der Füße und der Arbeit am Boden wird nobilitiert. Der (Spiel-)Gott gibt in the long run einem anderen Prinzip ein deutliches Übergewicht über den Zufall: dem Prinzip des Könnens. Er lässt den Fußball nicht zu einer Lotterie verkommen. Mit dem Schauspiel, in dem der Bessere aufgrund seines höheren Könnens das Spiel beherrscht und verdient gewinnt, schenkt er seinen Anhängern große Momente der Erhabenheit.
Aus der künstlichen Beschränkung der Handlungen entsteht bei gesteigertem Können eine Veredelung des Fußballspiels. Wie in den klassischen Feldern der Kultur hat Schönheit ihren Ursprung in selbstauferlegtem Verzicht auf Ausdrucksmittel: Gesang und Poesie unterlassen ein freies Sprechen - Sprache wird an Töne und Versmaß gebunden. Das Drama wird in Raum und Zeit komprimiert; die Malerei bindet den Ausdruck in Farben und Linien an die Fläche des Bildes; die Oper erzeugt Korrespondenzen von Handlung und Musik und so weiter.
Wenn wir zum Schluss die Frage, warum wir den Fußball lieben, wiederaufnehmen, können wir uns an seiner Ästhetik orientieren: Fußball ist zwar keine Kunst wie die etablierten schönen Künste, aber er ist schön - auf seine Weise: Seine Schönheit besteht in einer Verklärung des Gewöhnlichen, im Geheimnis des Zufalls und in Momenten des Erhabenen, hervorgebracht durch den Verzicht von wesentlichen Errungenschaften des Menschen. An ihrer Stelle hat der Fußball die stumme Sprache der Füße entwickelt. Dies ist eine wildere, emotionalere Sprache als jene der Hochkultur. Sie geht direkt in die Körper der Beteiligten.