Was auf dem Spiel steht

22. Mai 2021

Beitrag auf faz.net von Roland Zorn, Frank Heike und Daniel Theweleit

Drei Mal Fußball auf des Messers Schneide: Bielefelder Startplatzvorteil mit einem Nasenspitzchen voraus, Bewegung in Bremen und Kölner Lehren. Wer rettet sich noch vor dem Abstieg?

In seinen zehn Jahren bei Arminia Bielefeld hat der Mannschaftskapitän Fabian Klos schon so manche Gratwanderung zwischen Gipfel und Absturz durchgemacht. Nach zwei Aufstiegen und einem Abstieg mit den Ostwestfalen weiß der wuchtige Mittelstürmer genau, wie es in den Minuten kurz vor einem entscheidenden Spiel in ihm gearbeitet hat. „Es ist eine enorme Anspannung, es ist kein schönes Gefühl“, sagt der 33 Jahre alte Niedersachse aus Erfahrung. Um so mehr müsse jeder Spieler im schwarz-weiß-blauen Dress des DSC Arminia „versuchen, die Anspannung in positive Energie umzuwandeln. Wir dürfen uns nicht in die Hose machen. Mehr Lust aufs Gewinnen als Angst vorm Verlieren, das ist ein guter Ratschlag.“

Bisher haben die Bielefelder Aufsteiger bei ihrer Rückkehr in die Bundesliga nach elf Jahren in der Zweit- und Drittklassigkeit gute Nerven bewiesen und positiv überrascht. Dass sie in das Saisonfinale am Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) Uhr vom Nichtabstiegsplatz 15 starten, ist eine Mut machende Voraussetzung, um in Stuttgart einmal noch Gas zu geben und mit einem Sieg beim schwäbischen Mitaufsteiger, der noch Chancen auf die Teilnahme an der neuen Europa Conference League besitzt, ein zweites Jahr in der ersten Liga zu buchen.

„Volle Kraft voraus“, lautet also das Tagesmotto von Frank Kramer, der in der Rückrunde den Aufstiegstrainer Uwe Neuhaus ablöste, in zehn Spielen 14 Punkte holte, seitdem die Defensive stabilisiert und beharrlich daran gearbeitet hat, der schwächsten Offensive der Liga zu mehr Torgefährlichkeit zu verhelfen. Nun gilt es, in Stuttgart den Vorsprung eines „Nasenspitzchens“ vor Werder Bremen und dem 1. FC Köln ins Ziel zu retten, das bei einem Sieg erreicht wäre. Alles andere wäre ein Glücksspiel für die vor zwei Jahren wirtschaftlich sanierte und seitdem grundsolide wirtschaftende Arminia, da sich die beiden Rivalen auf den Plätzen dahinter einer besseren Tordifferenz als die Bielefelder erfreuen. (r.z.)

Herr Schaaf macht locker

Eine neue Stimme, ein anderer Ton, nicht mehr dasselbe Gesicht: Die Gründe für einen derart späten Trainerwechsel liegen mehr im Psychologischen begründet. In einer Woche wird Thomas Schaaf der Mannschaft keinen neuen Fußball beibringen. Er wird nicht Davie Selkes Abschlussschwäche beheben oder Niklas Moisanders Geschwindigkeit erhöhen. Aber allein die Tatsache, dass da nun ein etwas älterer Herr mit Brille, Haarkranz und bestem Bremer Ruf zum Team spricht, scheint beim SV Werder einiges bewegt zu haben. „Herr Schaaf ist eine Trainer-Legende“, hob Abwehrspieler Ömer Toprak bei einer Video-Pressekonferenz an, „er hat viel erreicht und ist bekannt im deutschen Fußball. Er ist auch eine andere Generation. Deswegen ist es anders.“

Respekt vor dem Alter? Jedenfalls legten Topraks Sätze nahe, dass der Trainer namens „Herr Schaaf“ anders als zuletzt „Flo“ die Karte Autorität ausspielt. Florian Kohfeldt ist 38 Jahre alt, Thomas Schaaf 22 Jahre älter. Es wirkt so, als beeindrucke es die Werder-Profis, dass sich da einer zur Verfügung stellt, der gar nicht mehr als Trainer arbeiten wollte – und auch zögerte, als Werder-Sportchef Frank Baumann ihn vor einer knappen Woche mit der Aufgabe betrauen wollte. Schaafs Verantwortungsgefühl für den SVW siegte. Offenbar ist die Ernsthaftigkeit in der Mannschaft gestiegen, mit der an diesem Samstag gegen Borussia Mönchengladbach der Abstieg verhindert werden soll.

Wenn Schaaf mit Trillerpfeife und Stoppuhr auf dem Platz im Quarantäne-Trainingslager in Barsinghausen arbeitete, war das wohl doch ein deutliches Signal: Da steht der erfahrene Chef, dem folgen wir, hinter dem versammeln wir uns. Schaaf hat natürliche Autorität ausgestrahlt, etwas Spaß und Lockerheit zurückgebracht, und viel mehr konnten die Werder-Verantwortlichen in derart kurzer Zeit nicht erwarten. (fei.)

Aus Abstieg wird man klug

In Köln haben Klubmitarbeiter und -mitarbeiterinnen sich in diesen Tagen die Mühe gemacht, etwas genauer zu betrachten, was Friedhelm Funkel schon alles erlebt hat in seinen fast 50 Jahren im Profifußball mit mehr als 1400 Partien als Trainer und Spieler. „Unfassbar“ sei diese Karriere, sagt Sport-Geschäftsführer Horst Heldt, es sei „ein großes Gut, solche Erfahrungen zu haben, das hilft uns enorm“. Wobei auch ohne Funkel ein wertvoller Schatz an Abstiegserfahrungen existiert. Sechs Mal ist der Klub seit 1998 am Versuch gescheitert, in der Bundesliga zu bleiben. Daraus haben die Verantwortlichen gelernt.

Nachdem der FC nach dem Abstieg 2012 kurz vor der Insolvenz stand, gehört es zum Standard, alle Profiverträge mit einer Klausel auszustatten, wonach sich die Gehälter in der zweiten Liga halbieren. Ähnliches gilt für die Stadionpacht. Solche Rettungsschirme sollen im Worst Case als Grundlage eines sofortigen Wiederaufstiegs dienen. Die Pandemie kam für den FC jedoch in einem sehr ungünstigen Moment. Schon ohne Virus wäre in der Saison 2019/20 ein Minus von rund 15 Millionen Euro entstanden, weil Trennungen von Sport-Geschäftsführer Armin Veh und Trainer Achim Beierlorzer bezahlt werden mussten. Und weil die Klubführung nach dem Aufstieg 2019 beschloss, mit einer gewissen Risikobereitschaft in die Substanz des Kaders zu investieren.

Dann kamen pandemiebedingte Umsatzeinbußen, die im laufenden Spieljahr zu einem Verlust von rund 30 Millionen Euro führten. Mit einem 20-Millionen-Euro-Kredit, für den das Land NRW bürgt, soll das Minus aufgefangen werden, außerdem hat der FC begonnen, Genussscheine auszugeben. Privatpersonen oder Unternehmen können dem Verein Geld geben, wie viele solcher Investoren welche Summen zur Verfügung stellen, ist jedoch nicht bekannt. Klar ist aber, dass der Klub noch nie höher verschuldet war. Dennoch würden die Kölner einen Abstieg überleben, sofern im kommenden Jahr wieder Geld mit dem Publikum in einem halbwegs vollen Stadion verdient werden kann. Die Leute würden in dieser fußballverrückten Stadt garantiert kommen, zumal der neue Trainer Steffen Baumgart zwar nicht so erfahren ist wie Funkel, dafür aber mit seinem Offensivfußball große Dramen verheißt. (dat.)