Wenn am Sonntag das Flutlicht an geht

04. November 2025

Beitrag aus der FAZ von Daniel Theweleit

Das Aufsteigerduell zwischen Köln und Hamburg bietet reichlich Gesprächsstoff – und zeigt, wie sehr die Traditionsklubs der Liga gefehlt haben

Es gab viel zu diskutieren nach diesem wilden Fußballspiel zwischen den beiden Klubs, die im Sommer gemeinsam aus der zweiten in die erste Bundesliga aufgestiegen sind. Wie in so vielen anderen Partien dieser Herbstwochen hatten auch die Schiedsrichter wieder für Ärger gesorgt, weil sie mehr als fünf Minuten brauchten, um ein irreguläres Tor des Hamburger SV zu erkennen, und dann auch noch zwei Hamburger Spieler mit Gelb-Roten Karten vom Platz gestellt hatten. Die Mitglieder der Reisegruppe von der Elbe zürnten also, während Thomas Kessler von einem tiefen Glücksgefühl ergriffen wurde. „Wenn du Sonntag so ein Spiel hast, es zu regnen beginnt und das Flutlicht angeht, merkst du, was für zwei besondere Vereine der FC und der HSV sind“, sagte der Sportchef der Kölner nach dem 4:1-Sieg seines Klubs und hob zu einer kleinen Hymne an.

Im Regen von Müngersdorf sei eine „unfassbare Stimmung auf beiden Seiten auf den Rängen“ entstanden, sagte er. „Wir hatten packende Zweikämpfe, knappe Entscheidungen. Wenn wir darüber reden, warum die Menschen die Bundesliga lieben, musst du dir ein Video dieses Spiels anschauen.“ Eine Menge Pyrotechnik hatte gebrannt, was den Anpfiff der zweiten Halbzeit verzögerte, aber auch diesen Teil der Show mögen ja viele Zuschauer. In jedem Fall hat sich der 1. FC Köln von der bleiernen Schwere der jüngeren Vergangenheit befreit und ist zu einem hochattraktiven Bundesligastandort geworden.

Der Trainer Lukas Kwasniok bezeichnet sich selbst als „Entertrainer“ und betont bei jeder Gelegenheit, dass er sich als Protagonist einer „Unterhaltungsbranche“ begreife. Genau diese Haltung wird gerade erstaunlich erfolgreich mit Leben gefüllt. Ganz oben in der Tabelle dominiert ein FC Bayern München, der Bayer Leverkusen auch ohne seine besten Spieler beherrscht. Borussia Dortmund zeigt in der Bundesliga meist einen zutiefst pragmatischen Erfolgsfußball; um das eigene Publikum mit einem großen Moment zu beschenken, brauchte der Revierklub zuletzt den 1. FC Köln als Gast. Der 1:0-Siegtreffer in der neunten Minute der Nachspielzeit am letzten Septemberwochenende zählt zu den intensivsten Dortmunder Jubelmomenten in der jüngeren Vergangenheit.

Am Sonntag war nun endlich wieder einmal „die Dramaturgie komplett auf unserer Seite“, sagte Kwasniok, während Kessler die „Aufopferungsbereitschaft“ lobte, mit der das Team sich mit aller Macht gegen die drohende Trendumkehr gewehrt hatte. Zuvor hatten die Kölner schon Amüsement geboten, aber nur mit viel Mühe ein 1:1 gegen den Abstiegskandidaten Augsburg erkämpft, bevor zwar sehenswerte, aber auch schmerzliche Niederlagen in Dortmund und im Pokal gegen die Bayern folgten. „Es war wichtig, dass wir nach den zwei Spielen gegen Top-Gegner heute wieder ins Punkten gekommen sind“, sagte der Kölner Mittelfeldspieler Florian Kainz, dem ein prachtvolles Freistoßtor zum 2:0 gelungen war. Es passte zu diesem Dramolett der Traditionsklubs, dass nebenbei auch ein paar Rekorde gebrochen wurden, wofür dann der Hamburger SV verantwortlich war.

Der Ende August vom FC Arsenal geliehene Fabio Vieira ist nach seiner Roten Karte vom fünften Spieltag sowie dem Platzverweis von Köln schneller als jeder andere Profi in der Bundesliga zweimal des Feldes verwiesen worden. Und Immanuël Pherai sah so schnell wie keiner zuvor nach einer Einwechslung zwei Gelbe Karten, lediglich zwei Minuten vergingen zwischen seiner Ankunft in der Partie und seinem Abgang in die Kabine. Und wie es sich für so eine Kölner Fußballshow dieser Wochen gehört, ist auch Saïd El Mala, die Verheißung vom Niederrhein, in Erscheinung getreten. Als die Kölner zwei Spieler mehr auf dem Platz waren, schoss er das 3:1 selbst und bereitete das 4:1 vor.

Trainer Kwasniok bedankte sich auf der Pressekonferenz, dass der Teenager trotz seiner auffälligen Aktionen diesmal nicht in den Mittelpunkt gestellt wurde, denn die auffälligste Figur war Jakub Kaminski, der trotz seiner ungewohnten Positionierung außen in der Kölner Fünferkette permanent mit neuen Ideen und Aktionen in Erscheinung trat. „Er ist unser bester Spieler“, sagte Kwasniok. „Er ist ein Offensivallrounder, er ist demütig, extrem lernwillig und war der entscheidende Mann am heutigen Tag.“ Das mögen die Hamburger etwas anders sehen. Trainer Merlin Polzin klagte vor dem Hintergrund einer recht unrunden Leistung der Unparteiischen, dass „der Schiedsrichter in das Spiel und das Endergebnis massiv eingegriffen hat.“ Aber auch das trug am Ende zur Intensität dieses Bundesligaerlebnisses bei und eine klare Fehlentscheidung haben Daniel Schwager und seine Assistenten nicht getroffen.