Wie Steffen Baumgart den 1. FC Köln prägt

23. Januar 2023

Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit

Die Kölner finden beim 7:1-Spektakel gegen Werder Bremen die Fähigkeit zurück, ihre Energie abzurufen. Das hat vor allem mit einem Mann zu tun: ihrem Trainer. Dessen Motiv: Intensität.

Besonders subtil war die Botschaft nicht, mit der Steffen Baumgart nach einer denkwürdigen ersten Halbzeit aus der Kabine kam und mancher Beobachter schon fürchtete, dass nun eher belanglose 45 Fußballminuten folgen würden. Schon in der ersten Spielhälfte war der Trainer des 1. FC Köln mit seinem schwarzen Hoodie bei klirrender Kälte eher leicht bekleidet, nun hatte er aber auch diesen abgelegt und tobte im T-Shirt an der Seitenlinie entlang, obgleich seine Mannschaft längst gewonnen hatte.

5:1 für die Kölner stand es in der Pause der Partie gegen Werder Bremen, am Ende bejubelten die Kölner sogar ein 7:1, den höchsten Bundesligasieg des Klubs seit 40 Jahren. Weil die Mannschaft und ihr Trainer einfach weitergemacht hatten mit ihrem Hochintensitätsfußball, dessen Energie nur die Bremer nicht erwärmte. Der Kölner Teil des Publikums feierte, und Baumgart sagte: „Heute kann man das kurz genießen“, aber niemand dürfe diesen Sieg „überbewerten“, sein Team habe eben „das Quäntchen gehabt“, das für solche Spielverläufe nötig sei.

Das trifft zu und die Bremer hatten ebenfalls mit einer Leistung zu diesem Spektakel beigetragen, die Trainer Ole Werner im Nachgang als „unterirdisch“ bezeichnete. die ersten fünf Kölner Torschüsse waren allesamt Treffer, die ersten drei entsprangen Standardsituationen für Bremen. Und nach wie vor ist der 1. FC Köln mit Spielern wie dem stürmer Steffen Tigges, der ein beeindruckendes Tor aus 40 Metern schoss, kein Ensemble, dessen individuelle Qualität vielen Gegnern furcht einflößt. Aber Tigges oder die bislang ziemlich unbekannten Mittelfeldleute Denis Huseinbasic und Eric Martel, die das Zentrum beherrschten, als hätten sie schon 300 Bundesligapartien absolviert, entwickeln sich offenbar hervorragend.

Genau wie der Flügelspieler Linton Maina oder der Innenverteidiger Julian Cha-bot. Und auf der Ebene der Energieinvestition sind die Kölner mit ihrer Hingabe nicht viel schlechter als der Weltmeister Argentinien. ,Wir haben alle gebrannt, wir hatten genug Pause, wir haben uns gut vorbereitet und hatten richtig Lust*, sagte Maina. Also blieb das Spiel auch nach dem 5:1 intensiv, und die Mannschaft schoss zwei weitere Tore. Darunter ein wunderschöner Seitfallzieher von Ellyes Skhiri, den Maina stark vorbereitet hatte. „Ich glaube, wir haben echt einen guten Fußball gespielt - Vollgasfußball, wie man ihn kennt von uns", sagte Florian Kainz, der genau wie Mark Uth gerade seinen Vertrag verlängert hat.

In Köln ist ein Projekt entstanden, mit dem sich alle identifizieren, auch der Trainer hat schon angekündigt, länger bleiben zu wollen als bis zu seinem Vertragsende

2024. Beinahe konnte man in dieser Jubelstimmung vergessen, dass dieser Klub eigentlich um den Klassenverbleib kämpfen muss und zuletzt in eine Art Herbstkrise mit nur einem Punkt aus den fünf Bundesligapartien vor der WM-Pause hineingeraten war. Damals waren sie körperlich wie mental platt. Jetzt können sie wieder mit höchster Intensität spielen und machen das auch bei einer hohen Führung und drei Tage vor einer schwierigen Auswärtsfahrt zum FC Bayern, wo alle Kraftreserven benötigt werden.

Die Fähigkeit, immer alle verfügbaren Energien abzurufen, ist eben ein Hauptmotiv der Baumgart-Jahre, die schon jetzt eine kleine Ära sind. Mittlerweile ist jedem klar, dass hier nicht einfach der nächste Trainer in der Reihe der Gisdols, Anfangs und Beierlorzers unterwegs ist, sondern ein Mann, der wirklich etwas bewegen kann. In der Hinrunde war das noch schwierig, weil aufgrund der Teilnahme an der Conference League ständig Wettkämpfe absolviert werden mussten, kaum Zeit für Übungen blieb und viel Kraft verloren ging. Nach dem Spektakel gegen Bremen sagte Baumgart: „Wir wussten, wenn die Jungs den Akku wieder voll haben, dann kommen wir wieder in die Spur. Der große Unterschied zur Hinrunde ist, dass wir im Winter einfach trainieren konnten." Der FC sei eine „Entwicklungsmannschaft", die vielen günstigen Spieler, die meist aus unteren Ligen kommen, brauchen Stunden auf dem Trainingsplatz. Und Baumgart ist ein Trainer der Kategorie „Bessermacher'.

Daher könnte die lange Winterpause in Verbindung mit dem bevorstehenden Halbiahr ohne Doppelbelastung zu einem entscheidenden Vorteil für den 1.FC

Köln werden. Maina, der schon 2022 etliche gute Spieler gemacht hat, sagte, vor Weihnachten habe ihm „der Torabschluss noch gefehlt, daran arbeiten wir jeden Tag". Nun gelang ihm ein Treffer zum 1:0, den auch Robert Lewandowski kaum souveräner hätte schießen können.

Am Ende dieses Abends herrschte dann diese rührselig-stolze, mitunter etwas selbstverliebte Karnevalsstimmung in Müngersdorf - und die Menschen sangen in Anspielung auf die bevorstehende Reise zum Tabellenführer: „Zieht den Bayern die Lederhosen aus."

"Das Duell in München könnte ein interessantes Spiel werden, denn die Kölner Intensität kann jedem Gegner Probleme bereiten. „Wir werden auch versuchen, gegen die Bayern zu gewinnen, wir wollen was entwickeln, wir wollen was machen, deshalb bleiben wir mutig", kündigte Baumgart an, der faszinierend gut zu diesem Fußballverein passt und nicht nur die Mannschaft, sondern auch das Publikum mitreißt. „Das ist, was wir wollen, dass eine Gemeinsamkeit entsteht", erklärte der Trainer. „Das Stadion hat von der ersten bis zur letzten Minute Vollgas gegeben, genau wie die Jungs." Und selbstverständlich auch der Trainer während seines Seitenlinientanzes im T-Shirt.