Abstieg mit ganz langem Anlauf

21. Mai 2024

Beitrag in der SZ von Christof Kneer

Beim 1:4 in Heidenheim nimmt der deprimierte 1. FC Köln den Sturz in die zweite Liga einfach hin. Dort droht dem Klub wegen der Transfersperre der Fifa die nächste unangenehme Saison.

Heidenheim – Das Banner war nicht böse gemeint, aber es hing nun mal da. „Gekommen um zu bleiben", hatte sie in der Fankurve des 1. FC Heidenheim vor dem Spiel plakatiert, ohne Komma zwar, aber inhaltlich mit voller Berechtigung. Wer vor der Saison einen Blick in den Spielplan geworfen hätte, der hätte sich vielleicht sogar denken können, dass hier in Heidenheim am 18. Mai der Abstieg verhandelt wird, aber halt eher andersherum: dass das Aufsteigerle von der schwäbischen Ostalb vor heimischem Publikum womöglich noch mal die Chance erhalten würde, sich gegen den großen 1. FC Köln zu retten. Nun war es aber so, dass der ehemals große 1. FC Köln gekommen war, um zu gehen.

„Die Art und Weise, wie wir heute abgestiegen sind, war nicht akzeptabel"

Mit einer 1:4-Niederlage besiegelten die Kölner am Ende ihren Abstieg, und das besonders Dramatische an diesem in vielerlei Hinsicht dramatischen Niedergang war, dass der FC in Heidenheim weder Punkt noch Komma und auch kein Semikolon setzte. Im Spiel der letzten Chance setzten die Kölner überhaupt kein Zeichen.

Ein bisschen geheuchelte Aggressivität in den Anfangsminuten reichte den Kölnern jedenfalls nicht, um sich selbst zu überzeugen. Sie glaubten nicht mehran ihre letzte Chance. Man hat in der Bundesligageschichte schon überraschendere Rettungen erlebt, als diese es gewesen wäre – aber offenbar hat die Saison den FC zu viel Substanz gekostet. Vielleicht wäre es sogar falsch zu sagen, dass die Kölner an diesem Nachmittag schlecht waren. Sie waren gar nicht da. Um es in der Sprache der Banner zu sagen, waren sie gar nicht erst gekommen, um dann wieder zu gehen.

„Viel zu wenig" sei das vor allem in der ersten Halbzeit gewesen, so sagte es Kapitän Florian Kainz später mit leisestmöglicher Stimme, und nicht viel lauter erklärte der Torwart Marvin Schwäbe, er wolle über die erste Halbzeit lieber nichts sagen, ansonsten müsse er „ausfallend werden". Das amtliche Fazit sprach der Geschäftsführer Christian Keller: „Die Art und Weise, wie wir heute abgestiegen sind, war nicht akzeptabel." Vorsichtshalber marschierte der Ordnungsdienst nach Schlusspfiff vor den Kölner Fans auf, eine zum Glück nur theoretische Drohkulisse. Nach kleiner Bedenkzeit näherten sich die FC-Spieler ihren Anhängern, mit etwas Sicherheitsabstand, aber die Kraft zum Protest hatte sie alle verlassen.

Alle diese Bilder zeigten, was das für ein Abstieg war: Es war keiner mehr, der die Leute erzürnte. Es war ein Abstieg mit langem Anlauf, und dieser Anlauf hatte die Spieler offenkundig so mürbe gemacht, dass sie ihr Schicksal in Heidenheim einfach über sich ergehen ließen. „Der Abstieg ist nicht heute passiert", sagte Torwart Schwäbe, „es waren zu viele Spiele, die gezeigt haben, dass es nicht reicht."

Und so haben die Kölner in Heidenheim noch mal in verdichteter Form vorgeführt, warum sie im Verlauf dieser schmerzhaften Saison zu einer Elf geworden sind, die viel zu selten etwas mit der ersten Liga zu tun hatte. Die drakonische Transfersperre des Weltverbands Fifa, verhängt wegen der nicht regelkonformen Verpflichtung eines slowenischen Talents vor drei Jahren, hat nicht nur dem Klub, sondern auch der Mannschaft das Herz gebrochen: Ohne konkurrenzfähigen Stürmer lässt sich nun mal nicht konkurrenzfähig stürmen. Auf diese Weise haben auch Vorbereiter wie Linton Maina und Florian Kainz immer mehr ihr Spiel verloren: Es kann Spieler verzweifeln lassen, wenn sie schon während des Angriffs ahnen, dass die Mühe bestimmt wieder umsonst sein wird. Weil vorne einfach keiner drinsteht, der Vorlagen verwertet und der Sache einen Sinn gibt.

Das Niederträchtige ist nun, dass dieses Problem den FC in die zweite Liga verfolgen wird. Die Kölner werden nach dem Abstieg vermutlich ein paar Spieler verlieren, aber weiterhin keine verpflichten können. Zu den natürlichen Aufstiegskandidaten wird der FC in der zweiten Liga kaum gehören, aber bevor sie sich Sorgen über die nächste unangenehme Saison machen können, werden sie erst mal ein paar Personalien klären müssen. Ja, Köln sei „eine tolle Stadt, ein toller Verein mit tollen Fans", meinte Trainer Timo Schultz, dessen Zukunft aber mindestens offen ist. Man werde die Lage nun in Ruhe analysieren, fügte er einen extra für solche Momente erfundenen Satz an, den nahezu wortgleich der Geschäftsführer Keller wiederholte. Dessen
Zukunft natürlich auch offen ist.

Der Bundesliga wird nun ein weiterer hochemotionaler Traditionsverein fehlen, was man bedauern, aber keinesfalls gegen Heidenheim verwenden darf. Der Aufsteiger hat zwar kein Komma, dafür aber ein grundsätzliches Ausrufezeichen gesetzt und es geschafft, seinen „Gekommen, um alles zu geben"-Fußball auch in der ersten Bundesliga stabil vorzuführen – sogar ohne den Geboren-um-alles-zu-geben-Trainer Frank Schmidt, der wegen einer Operation am Sprunggelenk fehlte und im Krankenhaus auf zwei Bildschirmen Fußball schaute. Auf dem einen Bildschirm sah er seine Heidenheimer und die vier Tore durch Eren Dinkci (2), Kevin Sessa und Jan-Niklas Beste; auf dem anderen sah er die Spieltagskonferenz, die mit einer spektakulären Nachricht endete. Sollte Bayer Leverkusen das DFB-Pokalfinale gewinnen, hätten sich die Heidenheimer für die Conference League qualifiziert. Der Aufsteiger ist gekommen, um Achter zu werden.