Beitrag in der FAZ von Roland Zorn
Nach dem Abstieg ist die Lage beim 1. FC Köln prekär wie nie: Die Sportliche Leitung steht infrage, Spieler gehen und neue dürfen nicht kommen
HEIDENHEIM. In der Hauptstadt des Frohsinns waren die Tränchen rasch getrocknet. Zu evident waren die hausgemachten Fehler und Versäumnisse, um noch länger über den selbst verursachten siebten Bundesligaabstieg des 1. FC Köln zu lamentieren. Was sich längst angebahnt hatte und auch durch den glücklichen Last-Minute-Sieg am vorletzten Spieltag über den 1. FC Union Berlin nicht kaschiert werden konnte, vollzog sich, als der letzte Vorhang am Pfingstsamstag gefallen war. Beim 1. FC Heidenheim, dem schwäbischen Fußballaufsteiger des Jahres, der mit vergleichsweise wenigen finanziellen Mitteln eine wehrhafte und spielstarke Mannschaft zusammengestellt hat, scheiterte der Tabellensiebzehnte bei seinem letzten Versuch, doch noch das fast schon Unmögliche möglich zu machen, krachend. Auch weil die davor um zwei Punkte besser dastehende Mannschaft aus der Hauptstadt ihr abschließendes Heimspiel gegen den SC Freiburg 2:1 gewann. Mehr aber noch, weil die Rheinländer ihre allerletzte Chance, doch noch erstklassig zu bleiben, hasenfüßig mit einer zweitklassigen Abschiedsvorstellung vertaten.
Die 1:4-Niederlage bei dem damit zum europäischen Conference-League-Teilnehmer in spe auf Platz acht vorgerückten Team von der Ostalb, das mühelos durch die Treffer von Dinkci (16./22.
Minute), Sessa (36.) und Beste (78.) bei einem Gegentor von Tigges (64.) triumphierte, war so etwas wie der letzte Beweis für die fehlende Erstligaqualität einer zuletzt zumindest bemühten, in Heidenheim aber überforderten Kölner Mannschaft. „Wir sind vollkommen verdient abgestiegen", hob Torhüter Marvin Schwäbe, der über die ganze Saison beste Kölner, nach dem finalen Knockout hervor. Während sich die Heidenheimer ohne den am linken Sprunggelenk operierten
Cheftrainer Frank Schmidt über ihre fabelhafte Einstandssaison freuten und nur noch durch einen unwahrscheinlichen Triumph der Zweitligamannschaft des 1. FC Kaiserslautern im Berliner Pokalfinale am Samstag gegen den in dieser Saison noch von niemand besiegten deutschen Meister Bayer 04 Leverkusen an ihrer internationalen Premiere gehindert werden können, muss sich der dreimalige deutsche Meister aus Köln Sorgen machen, die nächste Saison in der Zweiten Bundesliga zumindest schadlos zu überstehen.
Nicht nur, weil Stammkräfte wie Torhüter Schwäbe, die Innenverteidiger Jeff Chabot und Timo Hübers sowie die Mittelfeldspieler Eric Martel und Dejan Ljubicic Ausstiegsklauseln besitzen sollen und der Stürmer Davie Selke seinen zum 30. Juni auslaufenden Vertrag nur für die Erste Bundesliga unterschrieben haben soll. Die Kölner Personalnot soll durch eine Rückrufaktion der ausgeliehenen Profis Jonas Urbig, Tim Lemperle (beide Spielvereinigung Greuther Fürth), Matthias Olesen (Yverdon Sport), Nikola Soldo (1. FC Kaiserslautern), Marvin Obuz (Rot-Weiss Essen) und Maximilian Schmid (Roda Kerkrade) gelindert werden. Dazu hat der monatelang verletzte Mark Uth seinen davor nur für die erste Liga gültigen Vertrag in einen Zweitligavertrag umwandeln lassen, Nachahmer jedoch noch nicht gefunden. Fraglich ist auch, ob Cheftrainer Timo Schultz, der Nachfolger des in dieser Saison genauso überforderten Steffen Baumgart, in Köln bleibt.
Als wäre die Situation für den FC nicht schon prekär genug, müssen die Kölner auch noch mit einer weiteren Transfersperre in diesem Sommer leben, die schon für das zurückliegende Wintertransferfenster galt. Eine Blockade, die der nach Auffassung des Internationalen
Fußball-Verbandes (FIFA) gegen die Regeln zum 31. Januar 2022 abgeschlossene Transfer des slowenischen Juniorennationalstürmers Jan Cuber-Potocnik verursacht hat. Potocniks Heimatverein Olimpija Laibach (Ljubljana) und der FIFA wurden durch den Richterspruch des Internationalen Sportgerichtshofs CAS bestätigt, während die anfangs selbstgewissen Kölner als Anstifter die Folgen dieses schadhaften Transfers ausbaden mussten und erst im nächsten Wintertransferfenster wieder neue Spieler unter Vertrag nehmen können.
Die bundesligauntaugliche Mannschaft, die in dieser Saison nur fünfmal gewann, nur 27 Punkte eroberte und nur 28 Tore schoss, bleibt den Kölnern teilweise erhalten. Sie hätte zumal nach dem Abgang der Anführer Jonas Hector (Karriereende) und Ellyes Skhiri (Eintracht Frankfurt) stärker sein können bei etwas mehr Kreativität und Know-how während der Kaderzusammenstellung im vergangenen Sommer, als das Transferfenster noch geöffnet war. Dafür war Christian Keller, der Geschäftsführer Sport, verantwortlich, dessen Ablösung Kritiker des Klubs fordern. Das Präsidium des FC, angeführt von Werner Wolf, stand aber bisher in Treue fest zum manchmal arg selbstgewissen Keller. Der trug den Kurs der Vereinsführung, angeführt von Präsident Werner Wolf, mit, prioritär eine Schuldenlast infolge der Corona-Zeit – die Rede ist von sechzig Millionen Euro – zu reduzieren, und nahm dabei Kollateralschäden billigend in Kauf. Eine Gemengelage, die brisant anmutet und angesichts trüber Aussichten weitere Friktionen auslösen könnte.