Beitrag auf sueddeutsche.de von Philipp Selldorf
Der 1. FC Köln und Chefcoach Lukas Kwasniok rutschen zunehmend in den Abstiegskampf, der Klub reagiert mit einer Personalie der besonderen Art: Wegen chronischer Schwäche bei Ecken und Freistößen wird der Standard-Trainer abgesetzt.
Für die Formulierung, dass der Cheftrainer in einem Profifußball-Klub immer bloß „eine temporäre Erscheinung“ sei, ist der frühere Bayer-Leverkusen-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser seinerzeit heftig gescholten worden. Moralistische Kommentatoren, Lobbyisten der Trainerbranche und vermutlich auch der amtierende Bayer-04-Coach empfanden diese Kennzeichnung als mindestens geschmacklos, wenn nicht sogar zynisch und menschenverachtend.
Wahr ist allerdings, dass Holzhäusers geflügeltes Wort nicht der Abschaffung, sondern der Ergänzung bedarf: Nicht nur Cheftrainer sind vergängliche Phänomene im Klubfußball-Betrieb – auch die Standard-Trainer kommen lediglich, um früher oder später wieder zu gehen.
Das hat nun, wie am höchsten Kölner Feiertag bekannt wurde, auch der 33 Jahre alte gebürtige Schwarzwälder Hannes Dold erfahren müssen. Während Coach Lukas Kwasniok auf dem Rosenmontagszug la kölsche Vita genoss und an der Seite der Profis Ragnar Ache und Said El Mala Kamelle in die Menge warf, verbreiteten lokale Medien die Nachricht, dass dessen Assistent Dold seines Postens enthoben sei. Zu Beginn der Saison war Dold als Sonderbeauftragter für Ecken und Freistöße in den Trainerstab aufgerückt, nachdem er bis dahin mehr als zehn Jahre lang den FC-Trainern von Stöger bis Struber als Chefanalytiker zugearbeitet hatte.
An Ecken und Freistößen leidet der 1. FC Köln in dieser Saison allerdings wie an einer schwärenden Wunde. Mehr als die Hälfte der 37 Bundesliga-Gegentore kassierte die Mannschaft laut Kölner Stadt-Anzeiger nach Standards. Die Berechnungen differieren zwar je nach Quelle, aber sie unterscheiden sich bloß auf hohem Niveau, und die Auswirkungen auf Kwasniok bleiben die gleichen: „Fuchsteufelswild“ mache ihn die Standard-Bilanz, schimpfte er kürzlich. Schon im Herbst hatte sein Team auf Negativ-Rekordkurs gesteuert. Zumal offensiv lediglich vier Treffer nach „ruhenden Bällen“ auf der Haben-Seite stehen, inklusive eines Freistoß-Treffers durch Florian Kainz und eines von Luca Waldschmidt genutzten Elfmeters.
Die Absetzung des laut Kwasniok „unheimlich fleißigen“ Referenten Dold – er soll nun eine andere Aufgabe im Klub erhalten – beruht auf einer gemeinsamen Entscheidung des Trainers und des Sportchefs Thomas Kessler. Sie lässt sich einerseits als Affekttat unter erhöhtem Leistungs- und Lieferdruck deuten, denn der Kölner Vorsprung auf die Abstiegsplätze ist beunruhigend geschrumpft. Andererseits aber lässt sie sich auch als moderne Form einer alten Formel verstehen: Ein neuer Impuls soll der Mannschaft zugutekommen. Borussia Dortmund hat es vorgemacht. Seit Anfang Januar der vor anderthalb Jahren angestellte Standard-Trainer Alex Clapham beurlaubt wurde, läuft es beim BVB defensiv besser und offensiv bestens. Beim 4:0 gegen Mainz 05 vor einer Woche gelangen drei der vier Treffer nach Ecken und Freistößen. So werde das ganze Spiel „natürlich einfacher“, sagte Dortmunds Abwehrchef Waldemar Anton – aber dafür habe man ja auch trainiert.
Wie die Dortmunder wollen auch die Kölner den abgeschafften Spezialisten im vorhandenen Stab ersetzen. Kwasniok erläuterte, man habe bereits vor ein paar Wochen mit der internen Lösung begonnen, weil Dold als junger Vater zuletzt nicht immer abkömmlich war. Der Effekt hat dann offenbar zur Trennung beigetragen. Im neuen Jahr gab es noch keinen Gegentreffer nach einer Ecke – umso mehr reifte der Gedanke, ohne Dold weiterzumachen: Allmählich sei „der Glaube verloren gegangen“, sagte Kwasniok, „und wenn der Glaube an einen Trainer verloren geht, dann musst du dich als Verantwortlicher irgendwann von ihm trennen“.
Der Satz klingt nicht nur nach einem Wolfgang-Holzhäuser-Zitat, sondern auch in eigener Sache gefährlich. Auch der Glaube an Lukas Kwasniok ist in Köln längst nicht mehr unerschütterlich. Vor einer Woche hatte der FC beim VfB Stuttgart 1:3 verloren, nachdem der Coach im Bemühen um den Ausgleich durch radikales Auswechseln die Innenverteidigung aufgelöst hatte. Der verdiente Treffer folgte, Ragnar Ache schlug in der 79. Minute zu. Doch die Kölner Deckung stand nun so schief, dass der VfB bald darauf mit dem 2:1 und 3:1 antworten konnte. Ein Spielverlauf, der in den Debatten über Kwasnioks Manöver beide Standpunkte bedient: Die einen loben sein Draufgängertum, seine taktischen Variationen und das beherzte Spiel der Kölner Elf. Die andere Seite kritisiert übertriebene Risiken und einen unruhigen Kurs bei Aufstellungen und Wechseln, der die Spieler verunsichere.
Jede Woche aufs Neue wird dann auch sogleich der Umgang mit dem Spitzentalent Said El Mala thematisiert, der in Stuttgart wie in den Spielen zuvor lediglich als Einwechselspieler mitwirken durfte. Kwasniok verwies darauf, dass es El Mala schwerer habe als zu Saisonbeginn, weil die Gegner sogleich einen Leibwächter gegen ihn abstellten – in Stuttgart kam prompt der robuste Josha Vagnoman. Doch bevor Ache das 1:1 glückte, war es El Mala gewesen, der nach einem seiner typischen Soli den einzigen gefährlichen Torschuss abgab. Wer hat recht? Wie beim schwankenden Vertrauen in den Cheftrainer ist auch dies letztlich eine Glaubensfrage.
Lukas Kwasniok bezeichnet El Malas spärliche Einsatzzeiten als pädagogisches Programm bei der Karriereentwicklung und deutete an, dass der Linksaußen am Samstag im Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim mal wieder in der Startelf stehen könnte. Eine „Herkulesaufgabe“ erwartet Kwasniok beim Treffen mit dem Drittplatzierten TSG, der in dieser Saison zwar schon drei Geschäftsführer und jede Menge Führungspersonal entlassen hat, aber mangels Vorhandenseins noch keinen Standard-Trainer.