„Den Mutigen gehört der Sieg“

18. Januar 2026

Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit

Zur Halbzeitpause liegt der 1. FC Köln zurück. Dann wechselt Lukas Kwasniok dreimal. Das Spiel wird gewonnen – ein Befreiungsschlag für den zuletzt kritisierten Trainer.

Vordergründig gab es keine zwei Meinungen zur Frage nach dem Retter, der beim 1. FC Köln so dringend herbeigesehnt wurde. Dem Stürmer Ragnar Ache waren die beiden Tore zum 2:1-Sieg über Mainz 05 gelungen, damit hatte er den Ausbruch einer akut drohenden Großkrise verhindert. Die Mannschaft hatte eine Phase mit acht Partien ohne Sieg beendet. Das Stadion feierte den fröhlichsten Moment seit dem 4:1 gegen den Hamburger SV Anfang November, und der Sportchef Thomas Kessler sagte: „Es ist schön, dass wir mit Ragnar heute jemanden hatten, der so einen Impact auf das Spiel hatte.“ Einen noch größeren Einfluss hatte jedoch Lukas Kwasniok, dem ein Befreiungsschlag gelang.

Kwasniok hatte Ache eingewechselt, nachdem das Publikum die Mannschaft zu Beginn der Halbzeit ausgepfiffen hatte. Gemeinsam mit Kristoffer Lund und Tom Kraus, der mit seiner dominierenden Spielweise im Mittelfeld zum „Gamechanger“ wurde, wie der Trainer sagte. Die Kölner haben einen Balanceakt am Rande eines mentalen Zusammenbruchs bewältigt, und Kwasniok war der Steuermann auf dieser gefährlichen Abenteuerfahrt. Die Krisenstimmung und die Verunsicherung nach dem Rückstand erinnerten viele im Klub an zwei der finstersten Momente der jüngeren Vergangenheit.

Kessler: „Er hatte einen direkten Impact auf den Sieg“

An das 1:1 gegen Jahn Regensburg am vorletzten Spieltag der vergangenen Saison, in dessen Folge Trainer Gerhard Struber und Geschäftsführer Christian Keller entlassen worden waren. Und an das 0:2 gegen den damaligen Tabellenletzten Darmstadt ein Jahr zuvor, mit dem der Abstieg 2024 konkrete Formen annahm. Wie an jenen denkwürdigen Tagen hatte sich nach dem Rückstand gegen Mainz eine lähmende Angst über das Team gelegt. „Ich habe das erste Mal gemerkt, dass die Jungs eine Verunsicherung in sich spüren. Es war ja nicht so, dass die Jungs nicht wollten. Sie konnten nicht“, sagte Kwasniok und setzte in der Pause ein Zeichen. Statt irgendwie um Stabilität zu ringen, signalisierte er durch offensive Einwechslungen eine große Risikobereitschaft und nahm dem Team damit erstaunlicherweise die Furcht. „Den Mutigen gehört die Welt und heute eben der Sieg“, konnte der Trainer nach der Partie verkünden. Sie bietet das Potential, einmal als Wendepunkt zu gelten.

Denn die Stimmung drohte nicht nur zu kippen, weil der Aufsteiger seit längerem ohne Sieg blieb. Im Stadion, in den Büros der Stadt, in Kneipen und in den Sozialen Medien kursierten zahlreiche Gerüchte über Konflikte und Vorfälle zu Kwasnioks Arbeit beim FC – vieles wohl übertrieben oder unwahr. „Dieses ‚Spürbar Anders‘ ist immer da“, sagte der Trainer nun in Anspielung auf den Markenclaim des Klubs. Aber die Mannschaft und ihr Umfeld, indem ein paar Kwasniok-Skeptiker unterwegs sein sollen, ziehen trotz aller Harmoniemängel gut mit. Das 2:2 in Heidenheim zum Jahresauftakt war intensiv und ereignisreich, genau wie das Duell gegen die Bayern in der vergangenen Woche. Die zweite Halbzeit gegen Mainz ist sehr überzeugend gewesen. „Ich finde, dass der Trainer in der Halbzeitpause die richtigen Worte gefunden hat, und mit den Einwechslungen hatte er einen direkten Impact auf den Sieg“, sagte Kessler.

Kwasniok, der Schmeichler

Der 1. FC Köln lebt. Dass dennoch eine Eskalation drohte, beruht nicht zuletzt darauf, dass der gute Saisonstart mit sieben Punkten aus drei Spielen die ohnehin großen Erwartungen zu weit getrieben hatte. Der FC ist ein Aufsteiger. Hinzu kommt, dass immer wieder hoch angesehene Spieler auf der Ersatzbank landen, weil die Trainer je nach Situation andere Stärken zum Einsatz bringen wollen: mal Tempo (Linton Maina), mal energische Wucht (Marius Bülter), mal einen starken linken Fuß (Luca Waldschmidt), mal Präsenz bei hohen Bällen (Ache), mal Dribbel- und Abschlussstärke (Said El Mala). Keiner dieser Spieler hat seinen Stammplatz sicher, was automatisch zu Ärger führt. Etliche Profis stellen mit guten Argumenten Ansprüche, und Fans haben ihre eigene Lieblingsformation, die fast nie auf dem Platz steht.

Das bietet in Misserfolgsphasen einen guten Nährboden für Konflikte, die durch die Gefühlsregungen in Köln und möglicherweise durch Fehler Kwasnioks verstärkt wurden. Auffällig war am Samstag, wie der Coach allen zu schmeicheln versuchte: dem Publikum, seinen Spielern, aber auch dem Sportchef Kessler. Der hat den Kader mit den vielen unterschiedlichen Angreifern zusammengestellt und einen Wintertransfer auf die Beine gestellt, der in all der Aufregung bislang kaum gewürdigt wurde. Kessler ist es gelungen, Jahmai Simpson-Pusey nach Köln zu holen, der bis zum Dezember von Manchester City zu Celtic Glasgow ausgeliehen war – ein Glücksgriff. Der 20 Jahre alte Innenverteidiger ist sofort mit Ruhe und Souveränität aufgefallen, spielte in allen drei absolvierten Partien über 90 Minuten stark. „Ein sehr guter Transfer, Dankeschön an alle Beteiligten“, sagte Kwasniok, dessen Team nun sieben Punkte vor dem Relegationsplatz steht.