Beitrag von Javier Cáceres, Berlin auf sueddeutsche.de
Union Berlin holt beim 2:2 gegen Köln den ersten Punkt unter Cheftrainerin Marie-Louise Eta – und hört dabei spät auf seine Fans.
Es kommt nicht oft vor, dass das Publikum im Stadion An der Alten Försterei nörgelt, am Samstag aber war es so weit. „Aufwachen, Aufwachen“, riefen all jene Besucher, die wegen des Fußballs gekommen waren (die Ultras auf der Waldseite blieben ihrem vom Spielstand unabhängigen Trott treu), als es rund um die 70. Minute 2:0 für den 1. FC Köln stand. „Aufwachen, Aufwachen“ ist so ziemlich das Maximum an Verurteilung, das ein Union-Profi in Köpenick zu hören bekommt, und siehe: Es wirkte. 70 Minuten lang schienen die Unioner bloß ein willfähriges Opfer ihrer Peiniger aus Köln zu sein. Dann schüttelten sie doch noch ihre Ketten ab.
Erst traf Tom Rothe (73.) per Kopf nach einer Ecke des eingewechselten Christopher Trimmel – wie sonst? –, dann zirkelte Livan Burcu (89.) den Ball vom Strafraum ins Netz, sodass aus dem 0:2 ein spätes 2:2 wurde. Die Kölner ärgerten sich, aber: in Maßen. Der Aufsteiger gab zwar die vorzeitige virtuelle Rettung aus der Hand, ein Sieg hätte ihn aller Sorgen entledigt. Was der „EffZeh“ verpasste, können die Unioner nach dem 1:1 von Wolfsburg in Freiburg nun für sich reklamieren: den Klassenverbleib. Und Köln ist durch das Remis zumindest noch näher dran.
Union-Trainerin Marie-Louise Eta war ehrlich genug, die Mäkelei der ansonsten in Treue ergebenen Anhänger ob des Spielvortrags „nachvollziehbar“ zu nennen. Sie wollte es aber ins Positive gewendet sehen. „Gut, wie die Jungs darauf reagiert haben“, sagte sie erstens, und konstatierte zweitens, dass die Union-Fans mit dem Anschlusstreffer Rothes „wieder da waren“. Aus den jüngsten zehn Partien hat Union gerade mal acht von 30 Punkten geholt, das Remis vom Samstag war der erste Zähler der seit drei Spielen währenden Eta-Ära. Und damit, aber das wirklich nur am Rande, der erste Punktgewinn einer weiblichen Cheftrainerin in der Fußball-Bundesliga. Die ersten Punkte im Männer-Profifußball hat schon vor langer Zeit Sabrina Wittmann eingefahren, die nun mit dem FC Ingolstadt den Klassenverbleib in der dritten Liga gesichert hat.
Gegen Köln spielte Eta in die Karten, dass ihr seit März amtierender Kollege René Wagner, sprich der Gegner, bei der Erweckung der Unioner ebenso mithalf wie die Fans auf den Tribünen, also der Freund. Wagner hielt es, ebenfalls rund um die 70. Minute, für eine gute Idee, die drei bis dahin mit Abstand besten Spieler seiner Mannschaft auszuwechseln, und zwar mehr oder weniger auf einen Schlag. In der 71. Minute verschwand Said El Mala, der sich mit dem zwischenzeitlichen 2:0 empfohlen hatte, auf der Reservebank; in der 72. Minute folgten der aufregende Jakub Kaminski, der beim 1:0 von Marius Bülter eine entscheidende Rolle gehabt hatte, zudem Bülter selbst. „Wir fanden, dass wir in der Phase ein bisschen Druck auf den Ball verloren hatten und wollten mit drei neuen Spielern Energie bringen“, erklärte Wagner: „Wir wollten der Mannschaft das Zeichen geben: Ey, wir bleiben hier weiter dran.“ Doch der Kollaps, der folgte, glich nicht ganz dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs aus 2009. Aber fast.
Dass sich die Debatten über diese Fragen im Zaum hielten, hatte auch damit zu tun, dass eine Menge über Nebenschauplätze gesprochen werden konnte. Nach dem Spiel setzte sich Schiedsrichter Daniel Schlager in der Mixed Zone in Szene; es ging ihm darum, den Aufgalopp zum ersten Kölner Treffer zu erklären. Lund hatte einen Pass auf den im Abseits befindlichen Said El Mala gespielt, und der deutsche U21-Nationalspieler lief dem Ball so lange hinterher, dass ihm der hinterhereilende Kaminski unterwegs noch einen Vortrag über die Regel des passiven Abseits geben konnte. Kaminskis Conclusio: Weg da!
El Mala tat, wie ihm befohlen, blieb also weg, aber: Der Linienrichter hatte die Fahne oben, die Unioner stellten die Abwehrbemühungen latent ein, und mussten ertragen, dass Kaminski Luca Waldschmidt und dieser Bülter bediente. Bülter jagte den Ball unter die Querlatte. Für ein strafbares Abseits, so erklärte es später Referee Schlager, „müsste El Mala entweder den Ball spielen, in einem Zweikampf mit einem Gegenspieler um den Ball sein – oder den Gegenspieler beim Kampf um den Ball beeinflussen“. Das jedoch sei alles nicht der Fall gewesen. Dass der Linienrichter die Fahne gehoben habe, werde „aufgearbeitet“ werden müssen, so Schlager.
Die Kölner wiederum monierten, dass die Unioner sich vor dem 2:2 unsportlich verhalten hätten. Eric Martel hatte am Boden gelegen, die Kölner spielten den Ball heraus, um eine Behandlung durch den Mediziner zu ermöglichen; die Unioner passten danach den Ball nicht an die Gäste zurück. „Was soll man dazu sagen?“, fragte FC-Torwart Marvin Schwäbe. Christopher Trimmel, Kapitän der Berliner, fiel da etwas ein. Zum Beispiel, dass die Kölner selbst die Chance gehabt hatten, den Ball hinauszuspielen, das aber erst taten, als sie sich unter Druck gesetzt fühlten. Und: dass sich diverse Kölner Spieler länger am Boden gewälzt hätten als italienische Fußballer aus den 1970er-Jahren. Genau das habe er letztlich auch den Kölnern kommuniziert. Am Ende freilich waren sich Kölner und Unioner in der Zusammenfassung der Partie weitgehend einig. Sie wurde stellvertretend für beide von Union-Sportgeschäftsführer Horst Heldt geliefert: „Dieser Punkt wird uns helfen.“