Baumgart darf auch mal der Hund sein

23. Oktober 2023

Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit

Maximal engagiert, gut sortiert: Dem 1. FC Köln gelingt im Derby gegen Mönchengladbach ein Kraftakt. Erleichtert reagiert vor allem der Trainer. Doch die Probleme sind längst nicht alle gelöst.

Irgendwann am Sonntagabend, als Steffen Baumgarts Körper aufgehört hatte, Adrenalin auszuschütten, drängten dann doch ein paar Alltagsemotionen in den Vordergrund. Eigentlich sei er „eher bescheiden drauf, und zwar gesundheitlich“, sagte der erkältete Trainer des 1. FC Köln nach dem 3:1-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach, mit dem eine seit Mitte Mai andauernde Serie ohne Bundesligasieg zu Ende gegangen war.

Baumgart wirkte mitgenommen, er hatte einen Kraftakt hinter sich. Unmittelbar nach dem Abpfiff schien er sogar mit den Tränen zu kämpfen, es sei „eine ganze Menge abgefallen“, sagte er: „In der einen oder anderen Situation hat man mir schon angesehen, dass Erleichterung da war.“

Erleichterung über den Sieg, denn ein Alltag als Letzter der Bundesligatabelle ist belastend. Aber eben auch über die Leistung der Mannschaft, die funktioniert, die lebt. Und die auch ohne die im Sommer verloren gegangenen Führungsspieler Jonas Hector und Ellyes Skhiri nicht nur mit Druck umgehen, sondern auch begeistern kann.

Die Effizienz bleibt ein Problem

„Ich muss sagen, wie wir Fußball gespielt haben, trotz der schwierigen Situation, das ist das, was mir ein großes Lächeln auf das Gesicht zaubert“, sagte Baumgart. Es muss sich um ein gefühltes Lächeln gehandelt haben, denn sein Gesicht sah ernst aus, müde. Was an seiner Erschöpfung gelegen haben mag, vielleicht aber auch daran, dass einige Kernprobleme des laufenden Spieljahres trotz der mitreißenden Darbietung abermals zu sehen waren.

Ja, die Kölner spielten toll, maximal engagiert, gut sortiert. Sie ließen praktisch keine Gladbacher Chance aus dem Spiel zu, hatten etliche eigene Torgelegenheiten, trafen Pfosten und Latte. Aber die Effizienz bleibt ein Problem. Für ihre ersten beiden Treffer benötigten sie drei Elfmeter, weil der zweite wiederholt werden musste, und die Hilfe des Videoassistenten aus dem hervorragend arbeitenden Schiedsrichterteam um Deniz Aytekin, das im spielentscheidenden Moment in sauberer Zusammenarbeit einen Platzverweis für Gladbachs Manu Koné veranlasste, der Ljubicic übel am Knöchel traf (72. Minute).

„Trotzdem ist das erst ein Anfang“

Florian Kainz hatte per Strafstoß früh zum 1:0 für Köln getroffen. Nachdem Nico Elvedi nach einer Ecke das glückliche 1:1 köpfte (63.), kroch die Angst aber über die Tribünen, schon wieder Punkte zu verlieren, obwohl eigentlich fast alles passte. „Da waren wir erst mal kurz gebrochen und sind in ein kleines Loch gefallen“, sagte der starke Verteidiger Jeff Chabot. In Überzahl war das Selbstvertrauen zurück, und der enorme, durch ein entfesseltes Publikum verstärkte Energieaufwand der Kölner wurde mit dem Spielglück belohnt, das in der ersten Saisonphase oft fehlte.

Kainz traf abermals per Elfmeter (76.), ehe Gian-Luca Waldschmidt in der 90. Minute auf 3:1 erhöhte. „Ich bin nach Langem froh, dass ich nicht nur der Baum bin, sondern auch mal der Hund“, sagte Baumgart. Auf Gladbacher Seite warben die Verantwortlichen um Geduld: „Ich habe immer gesagt, das ist eine ganz junge Mannschaft, die noch viel lernen muss“, sagte der Gladbacher Sportdirektor Roland Virkus. „Und wir lernen gerade und lernen auf Kosten von Ergebnissen und sollten die individuellen Fehler abstellen.“

Punkte hätten die Gladbacher sich aber auch nicht verdient gehabt, Köln war insgesamt einfach stärker in diesem Spiel, das zu Beginn grenzwertig war. Der ausgedehnte Pyrotechnik-Exzess, den die Kölner Anhänger unmittelbar vor dem Anpfiff in ihrer Südkurve veranstalteten, sah gut aus, ging aber deutlich weiter als die üblichen Feuerwerksaktionen.

Es flogen leuchtende Objekte durch die Luft, manche prallten an der Unterseite des Tribünendachs ab und fielen zurück in die Menschenmenge. Außerdem knallte es, verletzt wurde aber offenbar niemand. Und die Kölner Spieler fühlten sich trotz des aufgrund der Rauchentwicklung um sechs Minuten verzögerten Anpfiffs motiviert von der Darbietung. „Die Fans haben uns heute vor dem Spiel gepusht. Die Stimmung war echt richtig geil“, sagte Kainz, „das hat uns in der Situation, in der wir sind, gutgetan.“

Am Ende waren sie überglücklich aufgrund des Sieges in diesem emotional aufgeladenen Derby, aber auch über die Erkenntnis, selbst in Krisen- und Drucksituationen als homogenes Team beeindruckende Leistungen hinzubekommen. „Wir müssen bei uns bleiben“, hatte Baumgart zuletzt häufiger gesagt und von dem „gemeinsamen Weg“ gesprochen, den die Verantwortlichen mit dieser Mannschaft gehen wollen. Die akute Sorge, dass fehlende Erfolge sich gerade unter Druck irgendwann auf die Leistung auswirken, ist erst mal entkräftet. „Trotzdem ist das erst ein Anfang, wir stehen nicht da, wo wir uns das vorstellen“, sagte Baumgart.