Irgendwann auch siegen

21. Oktober 2023

Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit

Der 1. FC Köln befindet sich mitten im Drahtseilakt zwischen wirtschaftlichen Zwängen und dem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit. Besonnenheit in der Trainerfrage gehört zum Kulturwandel.

Mit einem Auge blickt Christian Keller hinüber zum Unfallort, während des kurzen Termins mit der F.A.Z., dort, wo der Torwart Philipp Pentke auf dem Boden liegt und laut weint. Zwei Krankenwagen sind gekommen, der Sport-Geschäftsführer des 1. FC Köln ist besorgt, nachdem der Ersatzkeeper unglücklich über eine eigentlich abgedeckte Torverankerung im Trainingsrasen gerutscht ist. Einige der Kinder am Spielfeldrand schauen weg, weil auch aus der Ferne eine schlimme Verletzung erkennbar ist. Später wird bekannt, dass Pentke noch Glück hatte, weil zwar eine große Fleischwunde versorgt werden muss, aber keine strukturellen Schäden an den Bändern im Knie entstanden sind. Damit nimmt dieser Tag am Geißbockheim einen glimpflichen Verlauf, wie ihn sich die Verantwortlichen für den weiteren Verlauf der Saison wünschen, die ebenfalls besorgniserregend begonnen hat.

Die Kölner stehen nach sieben Spieltagen auf dem letzten Tabellenplatz und blicken auf den zweitschwächsten Saisonstart ihrer von vielen Krisen geprägten Klubgeschichte zurück. Aber der Glaube daran, dass sie am Ende erleichtert aufatmen können, ist in diesen Tagen erstaunlich lebendig. Eventuell gelingt ja schon am Sonntag der Befreiungsschlag, wenn der Erzfeind aus Mönchengladbach zu Gast in Müngersdorf sein wird. Dieses Spiel habe eine „hohe emotionale Bedeutung“, sagt Keller, „und der Blick auf die Tabelle verstärkt das noch“. Eine Debatte über die Tauglichkeit des Trainers Steffen Baumgart droht aber selbst im Falle einer weiteren Niederlage nicht, was wahrlich keine Selbstverständlichkeit ist in Köln.

In diesem Fall ist man sich selbst im angeblich so schwierigen medialen „Umfeld“ des Klubs einig, dass dieser Trainer gut arbeitet, nicht nur Spieler besser macht, sondern auch die Herzen erwärmt. Und die Leistungen waren trotz vieler Niederlagen ordentlich. Im Klub werde dem Grundprinzip „Leistung vor Ergebnis gefolgt“, sagt Keller, „und wenn ich die Leistungen des Trainerteams in Gänze betrachte, dann komme ich zu dem Schluss, dass sehr akribisch, fleißig, reflektiert und auch selbstkritisch gearbeitet wird“. Außerdem ist Besonnenheit in der Trainerfrage ein Aspekt des Kulturwandels, den der Klub gerade durchläuft. „Wir haben uns schon auf die Fahnen geschrieben, die Identität und die Vereinskultur so zu verändern, dass sie zukunftsfähiger ist“, erklärt Keller.

Damit meint er zum Beispiel den Verzicht auf die verführerische und in Köln immer wieder genutzte Möglichkeit, künftige Einnahmen schon verfrüht einzusetzen, um die Chancen auf Siege in der Gegenwart zu erhöhen. Es tauchen auch keine Indiskretionen in den Zeitungen auf. Die Gremien arbeiten, ohne sich in der Öffentlichkeit zu streiten, selbst die der aktuellen Vereinsführung eher kritisch gegenüberstehenden „Alt-Internationalen“ um den früheren Torhüter Toni Schumacher sind ziemlich still. Von einem Kulturwandel zu sprechen sei aber zu früh, sagt Keller, „so etwas zu stabilisieren und zu festigen, das dauert nach meiner Erfahrung mehrere Jahre“. Wenn es überhaupt gelingt.

Denn was passiert, wenn die Kölner tatsächlich absteigen würden, ist naturgemäß unklar. Sicher ist hingegen, dass statt der Arbeit des Trainers in dieser sportlichen Krisenphase eher die Entscheidungen Kellers hinterfragt werden. Dem Sportchef wird beispielsweise vorgeworfen, den Klub kaputt zu sparen, worauf Keller sehr dezidiert antwortet. Der Verein befinde sich inmitten eines Drahtseilaktes zwischen wirtschaftlichen Zwängen und dem Erhalt der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit, der „wenig Entscheidungsfreiraum“ lasse, „zumindest, wenn wir die langfristige Gesundung als klare Prämisse annehmen“, sagt Keller. „Aber was wir gerade tun, ist nicht alternativlos. Die Möglichkeit, weitere Erträge aus der Zukunft zu verfrühstücken, gäbe es weiterhin. Dadurch würde aber nur der Berg größer, den wir vor uns herschieben.“ Das komme nicht infrage, also müsse die Fehlersuche anderswo stattfinden. „Natürlich ist die Frage berechtigt, ob man mit den im Wettbewerbsvergleich wenigen Mitteln bessere Entscheidungen hätte treffen können“, daran müsse er sich messen lassen, sagt Keller.

In den drei Transferperioden, seit er in Köln arbeitet, hat er die Stürmer Sargis Adamyan, Davie Selke, Luca Waldschmidt, Steffen Tigges und Faride Alidou verpflichtet, von denen sich bislang keiner zu einem dauerhaft stabilen Faktor entwickelt hat. Auch der Verlust des Strategen Ellyes Skhiri ist nicht durch den Transfer eines ähnlich spielbestimmenden Spielers kompensiert worden. Das lässt sich mit den begrenzten Mitteln erklären, aber eine echte Transferüberraschung, ein Coup, ist im Sommer eben nicht gelungen.

Das Portal „Geissblog“ durfte den Sportchef daher zuletzt sogar ins „Transfer-Kreuzverhör“ nehmen, wobei dieser neben dem engen Budget noch auf andere Widrigkeiten verweisen konnte. So hatten Keller und seine Scouts früher als andere die Qualität des Stürmers Benedict Hollerbach erkannt. Ein Wechsel nach Köln war schon fast beschlossen, als der FC im Frühjahr plötzlich mit einer Transfersperre bestraft wurde. Hollerbach schoss den SV Wehen Wiesbaden in den Wochen danach spektakulär in die zweite Liga, erhielt plötzlich lukrativere Angebote und ging zu Union Berlin. Das Transferverbot wurde dann zwar vorübergehend aufgehoben, aber der Fall des möglicherweise regelwidrigen Wechsels des Jugendspielers Jaka Potocnik liegt weiterhin vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS, ein Verbot von Spielerkäufen droht immer noch.

Baumgart, der wohl beliebteste Trainer, mit dem die Kölner jemals Tabellenletzter waren, nimmt all das hin. Es sei „wichtig, dass wir die Ruhe bewahren und mit der gleichen Rückendeckung weiterarbeiten können wie bisher“, sagt er in dieser Woche. „Das können wir hier. Wir haben gesagt: Wir gehen einen gemeinsamen Weg. Und bei diesem Weg gibt es auch mal Dellen.“ So wie jetzt. Und dennoch befindet sich das Projekt „Kölner Kulturwandel“ an einem gefährlichen Punkt. Irgendwann müssen sie schließlich anfangen zu gewinnen.