Beitrag auf welt.de von Oliver Müller
Nachdem es endlich den ersten Lichtblick gegeben hatte, präsentierte sich der 1. FC Köln so schlecht wie noch nie unter Steffen Baumgart. Dass er vor dem Pokalspiel beim 1. FC Kaiserslautern mit seiner Mannschaft öffentlich hart ins Gericht ging, war ein bewusster Akt.

Steffen Baumgart war auch zwei Tage danach noch wütend – oder, um es in der ihm eigenen Wortwahl auszudrücken: angepisst. Der Trainer des 1. FC Köln konnte es nur schwer verdauen, was seine Mannschaft bei der blamablen 0:6 (0:4)-Niederlage in Leipzig am vergangenen Samstag abgeliefert hatte. „Wenn du so auftrittst, brauchst du überhaupt nicht auftreten“, sagte er und zerlegte dann seine Spieler verbal – zunächst öffentlich und anschließend auf einer längeren Teamsitzung direkt.
„Ich bin jemand, der immer hinter den Jungs steht und es auch immer noch tut, aber irgendwann ist auch mal Feierabend“, erklärte der 51-Jährige. So wie in Leipzig habe er seine Mannschaft in den zweieinhalb Jahren seiner Tätigkeit noch nie gesehen. Dabei ging es nicht um das Ergebnis, sondern um die Einstellung, deren Mangelhaftigkeit sich an einer fatalen Körpersprache ablesen ließ.
„Irgendwann geht es darum, dass das, was eingefordert wird, auch zu machen ist. Wer das nicht begreift, dem muss man erklären, was Bundesliga bedeutet. Das ist die höchste Liga, dafür arbeiten wir alle, darauf sind wir stolz. Das erwarte ich zu sehen – aber nicht, dass wir schon fünf Minuten vor der Halbzeit die Köpfe hängen lassen“, schimpfte Baumgart.
Er sei ja bereit, viel zu verzeihen: Fehler jeglicher Art, auch generelle Unterlegenheit gegenüber einem besseren Gegner. Wenn aber die Mentalität nicht erkennbar sei, dann sei er der falsche Trainer für diese Mannschaft. „Ich muss jetzt sagen: bis dahin und nicht weiter! Dafür stehe ich nicht, dafür will ich nicht stehen“, drohte er den Profis des Tabellensiebzehnten.
Die Spieler wären, wenn sie unter Baumgart weiter zum Einsatz kommen wollen, gut beraten, eine schnelle Reaktion zu zeigen – nach Möglichkeit schon am Dienstag, wenn Köln im DFB-Pokal beim kampfstarken Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern antreten wird (20.45 Uhr/live Sky). Es erwarte, so der Trainer, einen „dreckigen“ Fight.
Baumgart ist, dafür lieben ihn die Fans, ein Trainer mit klarer Aussprache. Doch sein Ausbruch vom Montag war, so emotional er auch wirkte, wohl gesetzt und kalkuliert. Denn er weiß, dass er mit dieser Mannschaft, deren spielerische Qualitäten überschaubar sind, zwangsläufig Schiffbruch erleiden wird, wenn es nicht gelingen sollte, sämtliche Sekundärtugenden permanent zu aktivieren. „Dass wir ein ganz schweres Jahr haben werden, habe ich immer betont. Das wird Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag, und für uns wird jedes Spiel ein Endspiel“, erklärte er.
Vor diesem Hintergrund war Leipzig ein fatales Signal. Die Kölner, die bislang die wenigsten Tore aller Bundesligisten geschossen haben (7), ergaben sich nach akzeptablen 40 Minuten in ihr Schicksal und ließen sich innerhalb von acht Minuten noch vor der Pause abschießen, als sie drei Gegentore kurz hintereinander kassierten. Es wurde nicht mehr versucht, Fehler der Kollegen zu korrigieren. Es wurde kein Druck mehr auf die Gegenspieler ausgeübt, Deckungsaufgaben wurden vernachlässigt. Diese Ausfallerscheinungen waren besonders bitter, da es gerade eine Woche zuvor ein Lebenszeichen gegeben hatte: Im Rheinderby war Borussia Mönchengladbach mit 3:1 niedergekämpft worden – nach nur einem Remis und sechs Niederlagen zuvor.
Doch in Leipzig wurde auch deutlich, wie groß die Defizite einer Mannschaft sind, die im Sommer erneut geschwächt worden ist. Nach Torjäger Anthony Modeste und Mittelfeldspieler Salih Öczan, die 2022 nach Dortmund verkauft worden waren, verließen mit Ellyes Skhiri (Eintracht Frankfurt) und Kapitän Jonas Hector (Karriereende) erneut zwei Schlüsselspieler den Klub.
Der weitere Umbau, notwendig aufgrund der finanziellen Probleme des Traditionsvereins, führte zu einem weiteren Substanzverlust. Skhiri und Hector seien „nicht zu ersetzen“, hatte Baumgart gewarnt – sich aber trotzdem der Herausforderung gestellt.
Die Hoffnungen ruhen wie schon in den Jahren zuvor vor allem auf dem Trainer. 2021 war der Rostocker gekommen, auch damals, mitten in der Corona-Krise, war die Lage schwierig. Doch Baumgart machte das scheinbar Unmögliche möglich, führte den FC in seiner ersten Saison in die Conference League und in der zweiten auf den elften Platz. Er machte das Team zu einer eigenen Marke: Die Kölner waren berüchtigt für ihre Unerschrockenheit, auch gegen stärkere Gegner mutig zu spielen und vor allem: nie aufzugeben.
Dass ausgerechnet an dieser Mentalität mittlerweile selbst der eigene Trainer zweifelt, ist bedenklich. Zumal die Rahmenbedingungen noch einige Zeit so sein werden, dass es kaum möglich ist, sich substanziell zu verbessern. Zu dem Sanierungskurs, der 2021 eingeschlagen worden war, gibt es keine Alternativen – selbst wenn aus der vergangenen Saison ein Gewinn von 12,4 Millionen Euro verbucht werden konnte. Der basiert fast ausschließlich auf Sondereffekten, wie den zehn Millionen Euro Ablöse für Modeste und Öczan sowie abermals rund zehn Millionen aus der Conference League. Die Lage bleibt angespannt.
Die Chancen, die Wahrscheinlichkeit auf den Klassenverbleib durch Winter-Verstärkungen zu erhöhen, sind nicht groß – zumal nach wie vor nicht klar ist, ob der FC überhaupt Spieler verpflichten darf. Im März war von der Fifa eine Transfersperre verhängt worden, weil die Kölner im Januar 2022 den damals 16-jährigen Slowenen Jaka Cuber Potocnik zum Vertragsbruch mit Olimpia Ljubljana angestiftet haben sollen. Der FC legte vor dem internationalen Sportgerichtshof Cas Berufung ein, verhandelt wurde bereits. Ein endgültiges Urteil soll noch in diesem Jahr fallen.
Diese Ungewissheit führt dazu, dass Gerüchte im Umlauf sind: Die Kölner könnten ja theoretisch noch vor dem Urteil vertragslose Spieler verpflichten. „Ich glaube, dass wir uns in der jetzigen Phase überhaupt keine Gedanken machen über den, der kommt, und den, der nicht kommt“, sagte Baumgart. Er weiß, dass er bei seiner schwierigen Mission Klassenerhalt kaum Hilfe von außen erwarten kann.