Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit
Der 1. FC Köln erlebt einen Herbst des Misserfolgs. Aber auch wenn die Daten düster erscheinen: Einen Besseren als Trainer Steffen Baumgart werden die Verantwortlichen nicht finden.

Vor einigen Tagen wurde die Dokumentation über das Leben des Fußballtrainers Christoph Daum veröffentlicht, in der es nicht zuletzt um das bewegte Schicksal des 1. FC Köln geht. So erzählt Daum, wie hart ihn 1990 seine Entlassung bei diesem Verein getroffen habe, nachdem er beinahe deutscher Meister geworden war.
Er sei damals zu groß, zu wichtig geworden, mutmaßt er, man werde nicht zulassen, dass hier der „1. FC Daum“ entstehe, sei ihm gesagt worden. Also flog er raus. Nun haben sie am Geißbockheim mit Steffen Baumgart abermals einen ganz besonderen Trainer, wahrscheinlich gab es hier seit Daum keinen Fußballlehrer mehr, mit dem die Anhänger über mehrere Saisons hinweg so viele Hoffnungen verbanden.
Heute käme niemand auf die Idee, Baumgart zu entlassen, um seine Macht einzuschränken, nicht einmal in diesem Herbst des Misserfolgs. Denn Baumgarts Arbeit ist gewiss nicht fehlerfrei, aber einen Besseren werden die Verantwortlichen nicht finden für diese Mannschaft, diesen Verein, diese Fußballstadt.
Zugegeben, die reinen Daten erscheinen düster. Nur ein Bundesligaspiel hat der Klub bislang gewonnen, am Dienstag folgte einem 0:6 in Leipzig ein 2:3 beim Zweitligaklub 1. FC Kaiserslautern im DFB-Pokal. Anfang der Woche hatte Baumgart erstmals in seiner Zeit beim FC die Körpersprache, die Einsatzbereitschaft, die Mentalität seines Teams kritisiert. Das klang nach einer Entfremdung, wer aber die Leistungen sieht, muss feststellen: Die Mannschaft spielt ordentlich. Nur traut sich das kaum noch jemand zu sagen, weil wiederholte Lobeshymnen nach Misserfolgen Glaubwürdigkeit kosten. Die Situation sei schwierig, „wird aber auch nicht besser, wenn ich hier irgendeinen Scheiß erzähle“, sagte Baumgart daher am Dienstag.
Dieser „Scheiß“ könnte ungefähr so klingen: Sogar bei der Demütigung von Leipzig hielt das Team lange mit, hätte beinahe zum 1:1 getroffen und brach nur vor der Halbzeit ein, als zwischen der 40. Minute und dem Halbzeitpfiff drei Gegentore fielen. Nach der Pause fehlte dann verständlicherweise der Glaube. In Kaiserslautern trugen die Kölner viel zu einer mitreißenden Pokalschlacht bei, auch Köln hielt dagegen, war in vielen Phasen besser, Baumgart sagte: „Wenn wir das Spiel sehen, glaube ich nicht, dass wir uns versteckt haben.“ Es gab etliche solcher Partien mit guten Leistungen, jedoch ohne Punkte. Was fehlt, sind Spieler, die den Unterschied ausmachen, und auch eine Portion Glück, wofür der Trainer nur einen kleinen Teil der Verantwortung trägt.
Dafür passt er als Typ, das Verhältnis zur Mannschaft ist in Ordnung, außerdem hat Baumgart erwiesenermaßen die Fähigkeit, günstige Spieler, die der FC sich leisten kann, zu starken Bundesligaprofis zu formen. „Meine Situation hat sich nicht verändert, wir sind klar im Umgang, wir wissen, was wir gemeinsam wollen, der Druck kommt dann eher von außen, aber nicht von innen“, sagte er in Kaiserslautern. Zumindest an dieser Stelle sind die Kölner eindeutig besser aufgestellt als nach der Beinahe-Meisterschaft vor 33 Jahren.