Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit
Erst Spieltag drei und schon so viel Drama? Das kann nur der 1. FC Köln: Ein Kader, in dem Potential steckt, ein Trainer, der gern provoziert, und ein Wahlkampf, der Züge einer Schlammschlacht trägt.

Die wirklich großen Fußballmomente der Saison liegen wie immer im September noch in einer fernen Zukunft. Viele Klubs sind gerade erst dabei, ihre Rolle im neuen Spieljahr zu finden. Mit einer ziemlich schrillen Ausnahme: Der 1. FC Köln liefert schon jetzt großzügig Spektakel, Rekorde und das Material für große Träume.
Dritter ist der Aufsteiger nach drei Spieltagen, aber das meinte der Angreifer Marius Bülter gar nicht, als er die Lage am Samstag nach dem 3:3 in Wolfsburg mit dem schlichten Begriff „verrückt“ zusammenfasste. Die Kölner sind im Verlauf der bisherigen Saison nicht nur überraschend erfolgreich, noch relevanter für das emotionale Befinden sind die Erlebnisse, die sie ihrem Publikum verschafft haben. Sie sind die Großmeister des uralten Bundesligagenres „Fußballdrama“.
Die alte Saison endete nicht nur mit dem Aufstieg, sondern auch mit einer leidenschaftlichen Affäre mit dem alten Herzenstrainer Friedhelm Funkel. Zu Beginn des neuen Spieljahres verpasste das Team seinem Publikum dann in der ersten Runde des DFB-Pokals in Regensburg durch zwei Tore in der Nachspielzeit einen ersten exaltierten Adrenalinschock und gewann nach 0:1-Rückstand 2:1.
Das Siegtor in Mainz am ersten Bundesligaspieltag fiel in der 90. Minute, bevor in Wolfsburg in der Nachspielzeit zuerst das 2:2 gelang, dann ein abermaliger Rückstand betrauert wurde, um schließlich doch noch das 3:3 zu bejubeln (90.+14). Das späteste Tor, das jemals in der Bundesliga geschossen wurde. Zwischendurch feierten sie noch diese imposante 4:1-Party gegen den SC Freiburg. Ginge es im Fußball um die Erzeugung großer Gefühle, wären diese Kölner Favorit auf alle Titel.
Zufall ist das eher nicht. „Auch nach dem 2:3 hat man an unserer Körpersprache gesehen, dass wir noch nicht aufgegeben hatten“, sagte Bülter über die 15-minütige Nachspielzeit in Wolfsburg. Die Kölner spielen zwar keinen hochklassigen Bundesligafußball, aber sie sind gerade spektakulär gut darin, alle Energien auszuschöpfen, die im Kader und in diesem Verein stecken. Auf der Grundlage einer erstaunlich guten Facharbeit von Thomas Kessler und Lukas Kwasniok.
Die Saison ist zwar noch zu jung für endgültige Erkenntnisse, aber tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass dem Kaderplaner und dem Trainer eine erstaunlich stimmige Komposition verschiedener Erfolgsfaktoren gelungen ist. Die bessere Mannschaft war der FC nur gegen Freiburg, aber es ist gut sichtbar, dass die Neuzugänge Isaak Johannesson und Jakub Kaminski das in den vergangenen Jahren eher schwache fußballerische Niveau deutlich anheben.
Angetrieben wird die Mannschaft auch in spielerisch weniger guten Phasen von unermüdlichen Läufern wie Marius Bülter oder Eric Martel. Hinzu kommen Spezialqualitäten, die selbst in Teams mit viel höheren Ansprüchen selten zu finden sind.
Ragnar Ache, ein mit einer Ablöse von 4,5 Millionen Euro relativ teurer Neuzugang aus Kaiserslautern, wurde in allen vier Pflichtspielen erst tief in der zweiten Halbzeit eingewechselt und hat drei der vier Treffer, die der FC in der Nachspielzeit geschossen hat, vorbereitet: jeweils mit schlauen Kopfballvorlagen auf den jeweiligen Torschützen nach einem langen Ball in den Strafraum, wie beim dritten Tor in Wolfsburg, das den Wahnsinn auf die Spitze trieb. Und dass mit dem 19 Jahre alten Said El Mala auch noch ein Talent auf der Bank sitzt, das bislang nach jeder Einwechslung das ganze Kölner Angriffsspiel veränderte, macht den FC zu einer der variantenreichsten Mannschaften der Liga.
„Said ist eine Waffe“, sagte Kwasniok am Samstag, nachdem der Teenager eine fabelhafte Vorarbeit zum 2:2 geliefert hatte. „Dem Jungen steht eine große Laufbahn bevor. Wenn wir gut mit ihm arbeiten und er demütig bleibt und bereit ist, viele Dinge anzunehmen.“ Grundsätzlich freute sich der Trainer aber über „eine unheimliche Kaderbreite, besonders im Angriff“ und lobte damit explizit die Arbeit von Thomas Kessler, der der Baumeister dieses nicht ganz billigen, aber eben auch vielseitigen Teams ist.

Kessler, 39, ist im kölnischen Veedel Holweide zur Welt gekommen, als er 14 war, erhielt er das Angebot, sich dem großen FC anzuschließen. Er blieb – abgesehen von zwei kurzen Profiepisoden beim FC St. Pauli und bei Eintracht Frankfurt – immer Teil des Klubs. Als Nummer eins, als Ersatzkeeper und seit 2020 im Management, wo er nach der Entlassung von Christian Keller im Mai zum Sportchef aufstieg.
In dieser Position profitierte er davon, dass er nach dem radikalen Sparkurs der vergangenen Jahre, einigen Umbauten im Bereich der Partnerschaften, dem Aufstieg und mehreren lukrativen Spielerverkäufen recht viel Geld zur Verfügung hatte. Auch deshalb ließ sich Kwasniok überzeugen, seine Pläne zu verwerfen, die eigentlich vorsahen, nach seinem Rücktritt in Paderborn ein Jahr Pause zu machen.
Kessler hat geliefert, und die Fans singen ihre Lieder über Titel und Europapokalspiele. Das tut Kwasniok routiniert als „Selbstironie“ ab, und da hat er schon recht. „Wenn wir zwei Spiele verlieren, sind wir eh schon abgestiegen, gewinnen wir aber zwei Spiele, dann ist alles andere als Europapokal eine Frechheit“, hat Kessler neulich angemerkt. Aber er kennt den Klub und die Stadt gut genug, um nicht dagegen anzuarbeiten. Die Wucht der Emotionen ist schließlich nutzbar, und Kwasniok ist ein Typ, der das Spiel mit diesen Möglichkeiten beherrscht.
Am Spielfeldrand trägt er ein Trikot des Teams. Er provoziert auch gern, zum Beispiel indem er den vom Deutschen Fußballbund im Sinne eines fairen Miteinanders eingeführten Handshake-Dialog zwischen Schiedsrichtern und Trainern vor dem Spiel kurzerhand als „Kokolores“ abtut. Er hat keine Hemmungen, öffentlich zu sagen, wenn ein Spieler schlecht trainiert hat.
Dem Team gewährt er viele Freiräume, verlangt im Gegenzug aber konsequent Vollgas, wenn gekickt wird. „Der Fußball wird immer unberechenbar bleiben in Bezug auf das Ergebnis“, sagte er nach dem 3:3 in Wolfsburg. „Aber wir wollen berechenbar bleiben in Bezug auf unsere Art, Fußball zu arbeiten, über 90, 100 oder 110 Minuten. Und das setzen die Jungs einfach famos um.“
Damit drängt sich ein alter verführerischer Gedanke auf: Vielleicht gelingt es ja doch endlich, die Ära im Fahrstuhl zwischen den Ligen zu beenden. Wenn der Klub von klugen Fachleuten geführt wird und die Konstellation in der Sportlichen Leitung passt, ist es angesichts der vorhandenen Potentiale definitiv möglich, zu Standorten im Bundesligasegment direkt hinter den vier, fünf erfolgreichsten Klubs des Landes aufzuschließen: zu Freiburg, vielleicht sogar zu Stuttgart oder Frankfurt.
Das unterstreicht die Bedeutung der Vorstandswahl, die am letzten Septemberwochenende bevorsteht und die Debatten jenseits des Spielbetriebs beherrscht. Erstmals treten drei Teams mit jeweils drei Kandidaten für die Ämter im Präsidium an. So runderneuert der Sportbereich ist, so vertraut sind die Vorgänge in diesem Wahlkampf, der Züge einer Schlammschlacht trägt. Vorige Woche wurde eine Sitzung des eigentlich eher unwichtigen Beirats abgebrochen, weil ein Streit eskaliert war. Das Gremium hatte eine Wahlempfehlung ausgesprochen und damit in den Augen von Kritikern seine Kompetenzen überschritten.
Zugleich nutzt der derzeitige Vizepräsident Carsten Wettich, der als Teil eines neuen Teams zur Wahl antritt, die Kommunikationsmöglichkeiten des Klubs, um sich und sein Team zu profilieren. Auch das gefällt nicht jedem. Inzwischen sind so viele Emotionen im Spiel, dass der Mitgliederrat sich vorige Woche dazu veranlasst sah, einen Appell an die Gemeinde zu richten: „Wir fordern aber alle Mitglieder – auch und vor allem die Wahlkämpfenden – dazu auf, zur Diskussion in der Sache zurückzukehren.“
Für die Gegenwart des Trainers und seine Mannschaft sind all diese Dinge erstmal irrelevant, aber für die Zukunft des Klubs steht wieder mal eine Richtungsentscheidung bevor. Am Montagabend findet eine Art Gipfeltreffen der Kandidatenteams statt, das vom ehemaligen Kapitän Jonas Hector moderiert wird. Es kann erwartet werden, dass auch dieser Abend Stoff für einen fesselnden Akt im Kölner Fußballdrama dieses Spätsommers liefern wird.