Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit
Nach starkem Saisonstart herrscht rund um den 1. FC Köln ein Flirren. Vor allem dank Marius Bülter, der sich vom Trainer deutliche Kritik hatte anhören müssen.
Neu ist die Kommunikationsstrategie, die Lukas Kwasniok am Sonntagabend wählte, wahrlich nicht. Dennoch wurden manche Zuhörer von seinen ersten Worten auf der Pressekonferenz nach dem 4:1 des 1. FC Köln gegen Freiburg überrascht. Der Trainer des FC wurde zunächst kritisch nach einem mitreißenden Fußballspiel gefragt, das ein noch Stunden nach dem Abpfiff spürbares Flirren in der Stadt auslöste. „Ich fand, dass wir in den ersten 20, 25 Minuten kein gutes Spiel gemacht haben, vor allem mit dem Ball“, monierte Kwasniok. Nach dem 1:0 sei es „ein bisschen besser geworden, aber auch noch nicht richtig gut“, fuhr er fort. Es gebe noch „genug Arbeit“. Vielleicht ist es klug, die zum Überschwang neigenden Rheinländer in so einem Moment ein wenig zu erden. Dass Kwasniok anscheinend gegen innere Widerstände ankämpfen musste, um seinen Spieler Marius Bülter als prägende Figur des erfolgreichen Saisonstarts zu loben, war allerdings erstaunlich.
Der 32 Jahre alte Angreifer hat am ersten Spieltag den späten 1:0-Siegtreffer in Mainz geköpft, bevor er in der zweiten Partie gegen Freiburg das 1:0 sowie das 3:0 vorbereitete und zwischendurch selbst zum 2:0 traf. Unter den besten neun Profis der Bundesliga-Scorerliste ist er damit der Einzige, der nicht für einen Champions-League-Klub spielt. Kwasniok jedoch sagte: „Ich hätte ihn fast nicht aufgestellt, weil er nicht gut trainiert hat.“ Er habe Bülter Mitte der Woche gesagt: „Wenn ich das Gefühl habe, dass du die Frische nicht hinbekommst, dann spielst du nicht.“ Das hat anscheinend gefruchtet.
Defensive Rhetorik
Denn im Wettkampf ist Bülter der wichtigste Energiespender für den Aufsteiger. Statt sich der Freude über diesen Erfolg hinzugeben, sagte auch der Protagonist des Abends: „Wir müssen auf dem Boden bleiben, es waren nur zwei Spiele.“ Damit folgte er der defensiven Rhetorik seines Trainers. Im Umfeld des Klubs jedoch haben die beiden Siege zum Bundesligastart, dem ein Erfolg in der ersten DFB-Pokalrunde vorausgegangen war, eine gewaltige Euphorie entfacht. Nicht zuletzt weil Bülter so prächtig funktioniert.
Schon beim FC Schalke war der gebürtige Westfale einer der Spieler, die besonders empfänglich sind für diese besondere Traditionsklub-Energie, die bei seinem vorigen Klub, der TSG Hoffenheim, eher nicht entsteht. Die kritischen Worte seines Trainers wertet er als Zeichen des Vertrauens. „Er hat gesagt: Super, dass wir jetzt schon so einen Austausch haben“, berichtete Kwasniok über Bülters Reaktion auf die offenen Worte Mitte vergangener Woche. Die beiden scheinen sich gut zu verstehen – vielleicht auch, weil sie auf ähnliche Karrierewege zurückblicken.
Beide hatten sich beinahe damit abgefunden, dass es nichts wird mit der Profikarriere. Kwasniok war einst Kapitän der deutschen U-16-Nationalmannschaft, am Ende der Juniorenzeit aber nicht mehr gut genug und ließ sich zum Beamten im mittleren Dienst ausbilden. Bülter wurde als Teenager aus dem Nachwuchs von Preußen Münster aussortiert, kickte mit Mitte 20 Jahren noch beim SV Rödinghausen in der viertklassigen Regionalliga und schloss ein Maschinenbau-Studium an der Hochschule Osnabrück ab.
„Sie machen immer weiter“
Erst mit 25 unterschrieb er seinen ersten Profivertrag beim 1. FC Magdeburg, von wo er über Union Berlin, Schalke 04 und Hoffenheim in diesem Sommer in Köln landete. An einem Ort, an dem „Bülti“, wie ihn alle nennen, vielleicht noch einmal eine Zeit oberhalb der Abstiegsregion erleben könnte. Wobei er selbst am Sonntag sagte: „Es sind sechs Punkte für den Klassenerhalt, das sollte jedem klar sein.“
Die ersten Eindrücke des neuen Spieljahres nähren jedoch die Hoffnung, dass eine Saison jenseits großer Existenzsorgen bevorstehen könnte. Der neue Sportchef Thomas Kessler hat eine schlüssige Mannschaft zusammengestellt. Mit einer gewissen fußballerischen Qualität, die Leute wie Isaak Johannesson oder Jakub Kaminski einbringen, vor allem aber aufgrund der Mentalität. „Sie machen immer weiter“, sagte Kwasniok und meinte damit neben Jan Thielmann und Kaminski explizit auch „den Bülti“. Den neuen Kölner Torhelden, der nach wenigen Wochen schon seinen Platz gefunden hat in den Herzen der Menschen, die sich mit dem FC verbunden fühlen.